Vedina (Sarajevo)
Vedina trommelt mit den Fingern nervös auf den Tisch. Ungeduldig wartet sie auf die Übersetzerin, die zwei Minuten zu spät zum Interview kommt. Typisch für Bosnien, findet Vedina und ist auch deshalb froh, das Land bald zu verlassen.
Sie geht nicht zum ersten Mal weg. Als 1991 die Spannungen zwischen den Ethnien wuchsen, floh Vedina aus Angst vor dem Krieg mit ihrer Tochter zunächst nach Kroatien, dann nach Deutschland. Die geschiedene Frau und ihre Tochter kamen jedoch über den Status der Duldung nicht hinaus. Über Kroatien ging es weiter nach Schweden, das neun Jahre lang ihre neue Heimat werden sollte. Hier erhielten die beiden eine Aufenthaltserlaubnis, und Vedina konnte ihrer Tochter eine Ausbildung ermöglichen. Schwedisch lernte die alleinerziehende Mutter sehr schnell, in sechs Monaten, es macht ihr generell Spaß, Sprachen zu lernen. Sie fühlte sich wohl in Schweden, hatte Arbeit, fand Freunde und war sogar eine Zeit lang verlobt.
Fünf Jahre nach Kriegsende war Vedina wieder in Sarajevo. Allein, ihre Tochter war in Schweden geblieben. Anders als ihre Tochter glaubte Vedina, sich nicht frei entscheiden zu können. „Das ist das Verrückte an unserer Kultur“, meint Vedina, „dass man viele Entscheidungen wegen der Eltern trifft“. Diese waren während des Krieges nach Kroatien geflohen und 1995 in die Heimat zurückgekehrt. Nun brauchten sie ihre Tochter. Vedina musste wieder bei null anfangen, keine leichte Aufgabe in dem noch vom Krieg gezeichneten, unorganisierten Land. Voller Elan stürzte sie sich in die Arbeit. Sie war in den verschiedensten Bereichen tätig, in der Tourismusbranche, als Vermittlerin von Arbeitskräften aus Bosnien nach Dubai, zuletzt als Immobilienmaklerin. Aber immer behielt sie ihre schwedischen Papiere und damit die Hoffnung, eines Tages wieder in Schweden leben zu können. Sie wartete jedoch zu lange, da ihre Mutter erkrankt war, schließlich wurde ihre Aufenthaltsgenehmigung ungültig.
Einer ihrer ausgeübten Berufe hat Vedina auf ganz andere Weise vorwärtsgebracht als erwartet: Über einen geschäftlichen Kontakt in Dubai lernte Vedina ihren zukünftigen Mann kennen. Er ist ihr damals sofort aufgefallen, Fuad aus Tuzla, der sich in Hamburg eine Existenz aufgebaut hat. Vedina hat gelernt, Menschen schnell und richtig einzuschätzen, und Fuad ist für sie der warmherzige Partner, den sie sich immer gewünscht hat.
Nach all den Jahren harter Arbeit sieben Tage die Woche hat Vedina heute das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Sie vermisst die Anerkennung und einen angemessenen Verdienst. Für den Sprachkurs hat sie ihre Arbeit als Immobilienmaklerin aufgegeben. Denn Vedina kann es ganz und gar nicht leiden, wenn sie etwas nicht versteht, das ist ihr Ansporn. Häufig schleichen sich noch englische Wörter in ihre deutschen Sätze ein, andererseits kommen ihr viele Wörter und Strukturen des Deutschen durch ihr Schwedisch und Englisch bereits bekannt vor.
Die Einstellung ihrer Landsleute zur Arbeit irritiert die Geschäftsfrau, sie vermisst die Disziplin und ein fortschrittliches Denken. „Bosnien stagniert, es ist keine Businessgesellschaft“ urteilt Vedina. Die ehrgeizige Geschäftsfrau ist allerdings nur eine Facette ihrer Persönlichkeit. Die Frau mit der offenen, unkomplizierten Art ist auch gläubige Muslimin. Immer wieder amüsiert sie sich über die erstaunten Gesichter, wenn sie von ihrem Glauben erzählt. Wie viele ihrer Landsleute hängt Vedina einem modernen, toleranten Islam an und das Studium der Bibel ist für sie genauso wichtig und ergiebig wie das des Korans.
Bislang war Vedinas Leben auf Erfolg ausgerichtet und Statussymbole wie Autos und Kleidung besaßen einen großen Stellenwert. Heute könne sie mehr und mehr auch die kleinen Dinge schätzen, sagt sie. Ihre beruflichen Chancen in Deutschland sieht Vedina realistisch. Sie hofft, dass sie eine Arbeit findet, von der sie leben kann, denn sie will von ihrem Mann finanziell unabhängig sein. Das auf jeden Fall.







