Integrationsdebatte

Ein verzerrtes Bild – Journalisten mit Migrationshintergrund in deutschen Medien

 Medienunternehmen und Stiftungen bieten journalistische Ausbildungsprogramme für Migranten. | © Deutsche Welle

Kulturelle Vielfalt ist in Deutschland längst Realität. In deutschen Redaktionen sucht man sie jedoch meistens vergebens. Journalisten mit Migrationshintergrund sind die Ausnahme – oder machen mit ihrer Geschichte Schlagzeilen.

Wie viele Migranten arbeiten in deutschen Redaktionen? Aktuelle und aussagekräftige Zahlen darüber sind schwer zu finden. „Die letzten Stichproben haben ergeben, dass die Redaktionen im Fernsehbereich am vielfältigsten aufgestellt sind, auch wenn dort noch viel Luft nach oben ist“, sagt Ferda Ataman vom Mediendienst Integration. Auch Online-Medien seien relativ bunt besetzt – vermutlich durch das vergleichsweise junge Personal. „Am meisten Nachholbedarf haben klassische Printmedien, besonders Lokalzeitungen“, so Ataman.

Vereinzelt versuchen Programme, dem Mangel an Journalisten aus Einwandererfamilien entgegenzuwirken. So will die Heinrich-Böll-Stiftung mit ihrem Stipendium Medienvielfalt, anders den Weg in den Journalismus für „junge Studierende mit einer Migrationsgeschichte oder aus einem bi-nationalen oder bi-kulturellen Elternhaus“ ermöglichen. Auch das Programm WDR grenzenlos verfolgt dieses Ziel und bietet Praktika beim Westdeutschen Rundfunk an.

Doch an der grundsätzlichen Schieflage und dem Mangel an Menschen mit Migrationsgeschichte auf Seiten der Medienmacher haben diese Programme bisher wenig ändern können. Dabei sei eine Veränderung hier zwingend notwendig – und das nicht nur aus paritätischen Gründen: „Es geht hier auch um die Zukunft der Medien“, sagt Ferda Ataman. „Die Zielgruppen verändern sich, also muss sich das Produkt ändern.“ Bleibt die Frage, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Etwa durch eine Quotenregelung? „Die Medien hinken dermaßen hinterher, dass man über Quoten zumindest diskutieren muss“, meint Ataman.

„Der Vergleich mit den USA schmerzt“

Gerade ein Blick auf die Medienlandschaft der USA untermauert diese Forderung. Wer schon einmal US-Fernsehen geschaut hat, bemerkt schnell, dass die kulturelle Vielfalt derer, die im Fernsehen zu Wort kommen, sehr viel ausgeprägter ist als in Deutschland – und das bereits seit vielen Jahren. Im Gegensatz dazu sorgt es in deutschen Medien für eine Menge Gesprächsstoff, wenn TV-Nachrichten von einer Frau mit Migrationsgeschichte präsentiert werden: Linda Zervakis, Tochter griechischer Einwanderer, moderiert seit 2013 die Tagesschau, Deutschlands älteste und wichtigste Nachrichtensendung. Während hierzulande immer wieder über Zervakis berichtet wurde, wäre dies in den USA schon lange keinen Artikel mehr wert.

„Der Vergleich zwischen Deutschland und den USA schmerzt“, sagt Ferda Ataman. Dabei gebe es in den USA zwar auch keine staatlichen Quotenregelungen, „aber jedes seriöse große Medium hat seine eigenen Vorgaben, wie die Vielfalt in den Redaktionen gewährleistet werden kann.“ So gebe es Mitarbeiter, die dafür sorgten, dass mehr Praktikanten und Nachwuchs aus den einzelnen ethnischen Gemeinschaften kommen. Ob das bewusste Besetzen von Stellen in Deutschland allerdings auf Gegenliebe stoßen würde? Zumindest Tagesschausprecherin Linda Zervakis vertritt einen anderen Standpunkt. „Ich würde es ganz schlimm finden, sollten die Leute denken, dass ich den Job nur habe, weil die ARD jetzt eine Migrantin brauchte“, sagte sie in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt.

Nicht nur für Migranten - Das Migazin

Dass es nicht nur zu wenige Journalisten mit Migrationshintergrund gibt, sondern auch zu wenig über Integrationsthemen berichtet wird, findet Ekzem Senol vom Online-Magazin Migazin. „Die Mainstream-Medien berichten in der Regel anlassbezogen über Integrations- und Migrationsthemen und oftmals oberflächlich, verzerrt und meist in negativem Kontext.“ Also gründete Senol sein eigenes Medium: das Online-Magazin Migazin. Hier soll nicht nur über, sondern vor allem von Migrantinnen und Migranten selbst über ihre Situation berichtet werden. Das Format wurde 2012 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet. Gelesen wird es laut eigenen Angaben etwa je zur Hälfte von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Ekzem Senol sieht sich darin bestätigt: „Integration ist längst kein Nischenthema mehr und betrifft sowohl die Einwanderer als auch die Aufnahmegesellschaft.“

„Deutschland braucht kein Migrantenprogramm“

Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland bietet einige Formate, die sich speziell mit Migrantenthemen befassen und interkulturell ausgerichtet sind: So gibt es im WDR-Fernsehen das Magazin Cosmo-TV oder das Radioprogramm Funkhaus Europa. Dabei wird zwar betont, dass nicht ausschließlich Migranten angesprochen, sondern auch Deutsche für die Lebenswelt anderer Kulturen begeistert werden sollen. Trotzdem fordert Ferda Ataman vom Mediendienst Integration eine andere Herangehensweise: „Was die Gesellschaft in Deutschland braucht, ist kein Migrantenprogramm, sondern mehr Vielfalt im normalen Programm und damit eine bessere Abbildung der Realität.“

Katja Döhne
lebt in Berlin und arbeitet als freie Journalistin für TV, Online und Hörfunk.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2014

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