Integrationsdebatte

Was ist Integration?

Diskussion von Bündnis 90/Die Grünen zum Thema Integration, Foto: dustpuppy / Björn LáczayDiskussion von Bündnis 90/Die Grünen zum Thema Integration, Foto: dustpuppy / Björn LáczayIn der Integrationsdebatte wird oft der Eindruck erweckt, dass es je nach Herkunft besser oder schlechter integrierte Migranten gebe. Das empirische Datenmaterial über die in Deutschland lebenden Migranten lässt aber eine solche Wertaussage nicht zu. Denn hierfür müsste man wissen, was unter Integration eigentlich verstanden wird.

Wenn man sich die Frage stellt, woran man ein Quadrat erkennt, fällt die Antwort möglicherweise leicht. Bereits in der Schule hat man gelernt, dass ein Quadrat eine geometrische Form darstellt, die durch Merkmale wie gleichseitig, gleichwinklig, drehsymmetrisch usw. erkannt werden kann. Der Empiriker würde im Zweifel ein Geodreieck hervorholen, um zu überprüfen, ob die besagte geometrische Form alle objektiven Merkmale eines Quadrats erfüllt.

Schwieriger ist hingegen die Frage zu beantworten, woran man eine erfolgreich integrierte Person mit Migrationshintergrund erkennen kann. Je nach Alter, Geschlecht, Bildungshintergrund, Einkommen usw. fallen die Antworten auf diese Frage sehr unterschiedlich aus. Sie wären genauso individuell und vielfältig wie die Menschen in unserer Gesellschaft.

Foto: © colourboxIm Gegensatz zum Quadrat existiert vor allem in Deutschland keine allgemeingültige und anerkannte Definition für Integration. Dies ist nicht nur ein Makel in der deutschen Integrationspolitik, sondern ihr zentrales Problem, das die in der Öffentlichkeit geführten Debatten kompliziert macht und willkürlich wirken lässt. Jeder, der sich in der Integrationsdebatte zu Wort meldet, hat irgendwo und irgendwie Recht.

Es gibt in Deutschland lediglich eine Übereinkunft über den kleinsten gemeinsamen Nenner, was erfolgreiche Integration auszeichnet. Demnach ist ein Migrant erfolgreich integriert, wenn er die deutsche Sprache beherrscht, einen Bildungsabschluss besitzt und erwerbstätig ist.

Ein solcher Integrationsbegriff ist jedoch äußerst problematisch. Wendet man ihn an, so müsste auch Mohammed Atta, einer der Todespiloten vom 11. September, als integriert gelten. Er beherrschte die deutsche Sprache sehr gut. So gut sogar, dass er in Deutschland einen akademischen Abschluss erlangte.

Eine solche Operationalisierung, also die Messbarmachung des Begriffs Integration, birgt außerdem eine geringe Aussagekraft und ist in Hinblick auf die gesellschaftspolitische Steuerung dieses politischen Handlungsfeldes wenig praktikabel.

Kategorisierung nicht möglich

Wendet man die Schablone dieses Integrationsbegriffs beispielsweise auf meine Eltern an, würden sie als schlecht integriert gelten. Sie haben höchstens die Grundschule absolviert und beherrschen kaum bis gar nicht die deutsche Sprache. Wie kann es dann sein, dass alle ihre Söhne eine Ausbildung abgeschlossen haben, die deutsche Sprache sehr gut beherrschen und erwerbstätig sind?

Ich kenne auch einige türkische Familien, die alle Kriterien des Integrationsbegriffs erfüllen. Im perfekten Deutsch werden jedoch antisemitische Positionen vertreten oder in nationalistisch gefärbten Tönen eine strikte Assimilierungspolitik von ethnischen Minderheiten in der Türkei gefordert.

Der Versuch, die im Alltag repräsentierten Lebenskonzepte von Migranten anhand des Kriterienkatalogs des Integrationsbegriffs einzuordnen und zu kategorisieren, ist also schnell zum Scheitern verurteilt. Es funktioniert nicht!

Mit anderen Worten: In Bezug auf die praktische Integrationsarbeit bietet ein solcher Integrationsbegriff so viel Erkenntnis- und Nutzwert wie die Aussage, dass Nahrungsaufnahme sowohl wichtig für den Körper ist als auch Übergewicht verursachen kann. Integration muss offensichtlich aus mehr bestehen als aus der Beherrschung der deutschen Sprache, dem Besitz eines Bildungsabschlusses und Erwerbstätigkeit.

Keine Wertaussagen über Integration möglich

Es gibt in Deutschland empirisches Datenmaterial, das die Lebens-, Bildungs- und Arbeitsmarktlage von Migranten messbar macht. Eine zentrale Quelle ist der Mikrozensus. 2005 wurde erstmals auch der Migrationshintergrund der Bevölkerung erhoben. Seitdem wissen wir, dass fast jeder Fünfte einen Migrationshintergrund hat.

Auch das Ausländerzentralregister ist eine solche Quelle für Forschung und Politik. Der Sozioökonomische Panel oder die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften, der Integrationsbericht der Bundesregierung und der Integrationsbarometer des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Migration und Integration zählen zu diesen wichtigen Quellen.

Sie alle lassen aber keine Wertaussage zu, dass eine Migrantengruppe besser integriert sei als eine andere, wie es beispielsweise Thilo Sarrazin behauptet.

Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines Buches „Deutschland schafft sich ab“, Foto: oparazzi photos / Richard HebstreitWie man mit dem Versuch scheitern kann, anhand des Mikrozensus’ eine vergleichende Wertaussage über den Integrationserfolg von Migranten zu treffen, demonstrierte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung im Januar 2009. In seiner Studie „Ungenutzte Potenziale – Zur Lage der Integration in Deutschland“ haben die Autoren die Daten aus dem Mikrozensus ausgewertet, um den Integrationserfolg von Migrantengruppen zu messen und – noch merkwürdiger – diesen Erfolg in ein Ranking zu pressen.

Die vielfache Kritik an der Studie durch das Fachpublikum war berechtigt. Ihr seichtes Driften an den Rand der Integrationsdebatte ebenso.

Fehlende normative Referenzen

Das Fehlen einer Definition für Integration bestimmt die Art, wie die verfügbaren Daten gelesen werden müssen. Denn: Ohne Definition – keine Operationalisierung. Ohne Operationalisierung – keine Messung. Ohne Messung – keine vergleichbaren Wertaussagen.

Ein Ergebnis aus dem Mikrozensus 2005 lautet, dass 27,52% der Männer aus der Ukraine Arbeitslosengeld 1 und 2 beziehen. Damit sagt dieses Ergebnis eben nur aus, dass 27,52% dieser Männer aus dieser Community ihr Leben auf diese Weise bestreiten. Eine qualitative Aussage hinsichtlich des Integrationserfolgs lässt ein solches Ergebnis nicht zu. Solange keine Definition für Integration existiert, beschreiben solche empirischen Daten lediglich einen Istzustand. Sie bieten aber keinen Raum für qualitative Interpretationen zum Erfolg oder Misserfolg von Integration.

Kamuran Sezer, Soziologe und Initiator der Sozialstudie über türkische Akademiker und Studierende in Deutschland (TASD), Foto: privatUm aufbauend auf den vorliegenden empirischen Datenmaterialien eine Wertaussage formulieren zu können, wird eine anwendbare und praktikable Definition von Integration benötigt, die als Norm bzw. als normative Referenz fungiert, um anhand der beobachtbaren und messbaren Abweichung zur Norm urteilen zu können, ob ein Migrant oder eine Migrantengruppe integriert ist oder nicht.

Solche normativen Referenzen und Normen existieren bereits in anderen gesellschaftspolitischen Handlungsfeldern. Eine Vollbeschäftigung etwa existiert, wenn eine Arbeitslosenquote von weniger als drei Prozent beobachtet werden kann.

Ein anderes Beispiel ist die Definition der Armutsgrenze. Hier gibt es keine bundesweite Definition, da die Lebenshaltungskosten je nach Region in Deutschland sich unterscheiden. So wird zwischen Städten und ländlichen Gebieten aber auch zwischen Ost- und Westdeutschland unterschieden. Dabei handelt es sich nicht um ein zeitloses Fixum, sondern die Definition unterliegt einem permanenten politischen Aushandlungsprozesses.

Kontroverse Aushandlung des Integrationsbegriffs

Es ist also nicht unmöglich, solche definitorische Grenzmarken zur Messung des angestrebten Wirkungsziels auch für die Integration zu konzipieren. Warum klappt es dann nicht?

Der Punkt ist, es klappt! Wir befinden uns inmitten eines solchen Aushandlungsprozesses, der sehr kontrovers, emotional und hitzig verläuft. Erschwerend ist, dass an ihm parteipolitische Interessen aber auch Ängste und Verunsicherungen verkittet sind. Dieser Prozess ist im vollen Gange – und das ist gut so!

Die Bestimmung einer solchen Norm oder normativen Referenz erfolgt nämlich nicht etwa aus dem Diktat eines Obrigkeitsstaates, sondern ist in einer modernen, multipolaren und pluralistischen Gesellschaft das Ergebnis eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses. Dieser wird geführt von Politikern, Wissenschaftlern, Lobbyisten, Medienmachern und selbstverständlich den Bürgerinnen und Bürgern.

Es wäre hilfreich und zweckdienlich, wenn der Integrationsgipfel und die Islamkonferenz der Bundesregierung neu konzipiert werden würden. Denn sie bieten politische Arenen an, in denen dieser Aushandlungsprozess effektiver stattfinden kann als der Austausch über den freien Meinungsmarkt, der auch von Profit- und Machtinteressen bestimmt wird.

Geprägt durch die Integrationsdebatten der vergangenen Monate ist aber zunehmend der Eindruck entstanden, dass die Bundesregierung, was den Integrationsgipfel und die Islamkonferenz betrifft, ihre eigenen Ziele konterkarieren möchte, weil sie die Deutungshoheit und Definitionsmacht über den Integrationsbegriff und darüber, „welcher“ Islam zu Deutschland gehört, nicht mit anderen integrationspolitischen Akteuren teilen möchte.

Solange eine praktikable Definition von Integration in der deutschen Integrationsdebatte fehlt, verwundert die weit verbreitete Meinung nicht, dass Sarrazin mit seinen Thesen irgendwo und irgendwie Recht habe. Manchmal ist es auch einfacher, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, auch wenn die empirische Realität ganz anders aussieht.
Kamuran Sezer
ist Soziologe und Gründer des futureorg Instituts.

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