Integrationsdebatte

Leitkultur? Multikultur? Interkultur!

Coverausschnitt des Buches „Interkultur“; © Suhrkamp VerlagCover des Buches „Interkultur“; © Suhrkamp VerlagWährend andere den Zeiten einer kulturuniformen Vergangenheitsgesellschaft nachtrauern und das Bild der Gegenwart düster und das der Zukunft schwarz malen, unterstützt Mark Terkessidis’ Buch „Interkultur“ den Optimismus auf eine lebenswerte Zukunft in einer offenen Gesellschaft jenseits der Leitkultur- und Multikultidebatten von gestern.

Wenn in Deutschland über Migration gesprochen, das heißt meist: gestritten wird, dann geschieht dies vorwiegend nach immer demselben Muster. Die Migranten – oder in der zweiten oder dritten Generation dann: die Menschen „mit Migrationshintergrund“ – haben und bereiten Probleme, sagen die einen, weil sie sich nicht „integrieren“. Die Migranten haben und bereiten Probleme, sagen die anderen, weil „wir“ sie „ausgrenzen“ oder ihnen zu wenig „Integrationsanreize“ bieten. Trotz aller tatsächlich bestehenden Probleme oder in der Hoffnung, sie damit zu überwinden, singen die einen das Hohelied auf die „Multikultur“, und fordern andere umso vehementer die Verteidigung „unserer“ (Leit-) Kultur. Recht haben die einen wie die anderen. Unrecht aber eben auch.

Auch wenn diese Debatten tatsächlich nicht immer auf derart niedrigem Niveau geführt werden – unter dem Strich ist die ganze Diskussion doch recht einfältig. Das findet auch Mark Terkessidis und plädiert statt für Multikulti oder Integration für etwas, das er „Interkultur“ nennt. „Das Ziel ist eine Evolution der Institutionen im Hinblick auf die neue Vielfalt der Gesellschaft“. Die Vielfalt selbst ist längst Realität. Nur haben wir es bisher versäumt, sie positiv als Ressource in Betracht zu ziehen, um eine tragfähige Antwort auf die Frage zu finden, wie wir nicht nebeneinander, sondern gemeinsam in Zukunft eigentlich leben wollen.

„Kulturelle Kurzschlüsse“

Für Terkessidis sind die Debatten, wie sie hierzulande über die Einwanderungsgesellschaft geführt werden, von einer Denkweise geprägt, die er als „kulturellen Kurzschluss“ bezeichnet. Politik und Medien produzierten solche Kurzschlüsse, „um aus ganz unterschiedlichen Interessen bestimmte Vorgänge zu skandalisieren“. So habe es in den letzten Jahren „eine hysterisch geführte öffentliche Debatte über das Thema ‚Parallelgesellschaften‘ gegeben. Damit waren Räume gemeint, in denen bestimmte Gruppen – im Grunde waren stets Muslime gemeint – sich von der Mehrheitsgesellschaft abkapseln und nach ihren eigenen Gesetzen leben“. Tatsächlich, konzediert Terkessidis, entspricht die Rede von Parallelgesellschaften in gewisser Weise einer bestimmten Realität, die mit der Bildung von Netzwerken zu tun habe. Ausländer und Personen mit Migrationshintergrund seien bekanntlich öfter von Arbeitslosigkeit und damit auch von relativer Armut betroffen.

Interkultur ist mehr als türkische Currywurst; Foto: Lorenz ViereckeIn Berlin habe die Ausländerarbeitslosigkeit teilweise bei fast 45 Prozent gelegen. Doch in den besonders betroffenen Wohngebieten sei „weder die Verwahrlosung mit den Händen greifbar noch die Atmosphäre offen aggressiv“. Und das liege gerade an den Familien mit Migrationshintergrund. So könne man beobachten, „dass zumal Familien türkischer Herkunft trotz Armut weder Wohnung, Ernährung noch gemeinsame Mahlzeiten mit der Familie vernachlässigen – im Gegensatz zu einheimischen Familien“. Auch wenn einfache Erklärungen dafür zu finden nicht einfach sei, so sei doch evident, „dass die Familie im Armutsfall den maßgeblichen Stabilisierungsfaktor darstellt und dass die Netzwerke der Personen türkischer Herkunft in Deutschland stark familienzentriert, intensiv, klein und lokal sind“.

Diese in schwierigen Lebenslagen hilfreichen Netzwerke wirkten sich andererseits als Hemmnis aus – man kenne schlicht nicht genügend „gatekeeper“ an den richtigen Stellen, wenn es um Wohnraum und Jobs außerhalb des Netzwerkes ginge. Zwar blieben die Leute so „unter sich“, doch stelle sich die Frage, ob die soziale Situation ein weniger familienzentriertes Verhalten so ohne weiteres überhaupt zuließe. Auch wenn es in vielen Familien sehr traditionell zuginge, zumal hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse, so sei es doch ein „kultureller Kurzschluss“, wenn man diese Art von Netzwerken als Parallelgesellschaften denunziere und behaupte, jene Personen wollten sich nicht „integrieren“ und dies mit ihrer kulturellen Herkunft begründet. Vielmehr seien die Probleme, von denen diese Gruppen besonders betroffen seien, vielfach Schichtphänomene, die unsere Gesellschaft als ganze angehen.

Barrierefreiheit in der Parapolis

Foto: Lorenz ViereckeTerkessidis’ Konzept der „Interkultur“ setzt auf eine umfassende gesamtgesellschaftliche Neuausrichtung unserer gesellschaftlichen Routinen, Institutionen und Politikentwürfe, die die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe aller hier lebenden Menschen zum Ziel hat – unabhängig der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht, ihrer ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen oder religiösen Orientierung und dergleichen mehr. Dabei geht es dem Autor nicht einfach darum, dass bestehende Unterschiede respektiert werden, sondern „um das Knüpfen neuer Beziehungen“. Ausgangspunkt für den Umbau ist die „Parapolis“ – die Stadt als Zukunftslabor.

In den großen Städten haben Globalisierung und demografische Umbrüche längst eine Situation geschaffen, die mit dem überkommenen Bild der Stadt als „wohl definiertes Biotop, in dem sich über Jahrhunderte ein stimmiges Verhältnis zwischen dem kompakten Zentrum und lockerem Stadtrand sowie eine soziale und funktionale Mischung in den einzelnen Quartieren entwickelt hat“, nur noch wenig zu tun hat. Migration und Mobilität haben die Städte und ihre Gestalt grundlegend verändert. So wie erfolgreiche urbane Entwicklung die Realität, wie sie ist, in Rechnung stellen muss, muss die Gesellschaft als ganze die veränderte Realität ihrer Vielfalt nicht nur akzeptieren, sondern aktiv als Ressource zu ihrer bewussten Gestaltung nutzen. Dafür müssten strukturelle Hürden beseitigt werden. „Die technische Statusbeschreibung für solche Hürden ist Diskriminierung. Und das technische Ziel heißt Barrierefreiheit.“

Auch wenn der Autor trotz vieler kurzweiliger Passagen mit einleuchtenden Beispielen dem Leser einige „Mitarbeit“ abverlangt: eine unbedingt lesenswerte Lektüre für jeden, dem die Zuwanderungsdebatten auf dem Boulevard und in Talkshows – nicht nur in Deutschland – Sorgen machen.

Andreas Vierecke
ist Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke in München und Chefredakteur der Zeitschrift für Politik.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2011

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