Integrationsdebatte

„Integration trotz Segregation“ – Stadtforscher Walter Siebel im Gespräch

Prof. Dr. Walter Siebel; © privatProf. Dr. Walter Siebel; © privatIntegration statt Segregation, so lautet das landläufige Rezept, um Deutschlands Rolle als Einwanderungsland gerecht zu werden. Politisches Experimentierfeld ist dabei der urbane Raum. Der Stadtforscher Walter Siebel plädiert für Integration trotz Segregation als Alternative.

Herr Professor Siebel, der Multikulturalismus, wie er lange Zeit als Ideal einer sich gegenseitig befruchtenden multiethnischen Gesellschaft gepriesen wurde, hat sich spätestens zu Beginn des 21. Jahrhunderts als Wunschvorstellung erwiesen. Dennoch ist er in den Großstädten als Merkmal von Urbanität längst soziale Realität und unumkehrbar geworden. Kann ein friedliches Zusammenleben auf so engem Raum überhaupt möglich sein, wenn man sich fremd ist oder gar feindselig gegenüber steht?

Moderne Gesellschaften werden nicht nur durch Homogenität integriert sondern ebenso durch ihre Fähigkeit, Differenz gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. In Städten funktioniert das ähnlich wie auf Märkten, in der Demokratie oder im Rechtsstaat, wo es um Waren, Qualifikationen oder Geld geht, beziehungsweise die Teilhabe ohne Ansehen der Person unabhängig von Hautfarbe, Bildung oder politischen Überzeugungen läuft. Im öffentlichen Raum begegnen sich dort auch Einheimische einander als Fremde.

Fremdheit wird eben nicht erst durch Migration importiert. Moderne Städte produzieren aus sich heraus eine Vielzahl von Milieus, die einander fremd sind. Die Angehörigen bestimmter Jugendkulturen dürften dem deutschen Arbeiter fremder sein als sein türkischer Kollege. Deshalb hat sich in den Städten vor aller Zuwanderung eine urbane Mentalität entwickelt, die eine zwanglose und konfliktfreie Koexistenz von Fremden ermöglicht. Der Soziologe Georg Simmel hat diese Mentalität mit den Begriffen Reserviertheit, Blasiertheit, Gleichgültigkeit und Intellektualität umschrieben. Der Städter wappnet sich gegen die beunruhigenden Erfahrungen der alltäglichen Fremdheit mit Distanz.

Vertraute Heimat in der Fremde

© Dmitry Nikolaev - Fotolia.comErfahrungsgemäß zieht es vor allem Neuankömmlinge in Stadtteile, wo sie Landsleute und vertraute Milieus antreffen. Oft ist das schlicht eine Frage der Finanzen, etwa wenn es um bezahlbare Mieten geht, weshalb dort auch häufig einheimische soziale Randgruppen beheimatet sind. Birgt das nicht die Gefahr von unbeherrschbaren Rangordnungskonflikten?

Die Konzentration von Zuwanderern in bestimmten Vierteln, wo sie Ihresgleichen finden, ist ein Phänomen aller Einwanderungsstädte. Auch die Deutschen sind in Amerika zunächst einmal nach „German Town“ gezogen. Ethnische Kolonien fungieren als Brückenköpfe vertrauter Heimat in der Fremde, wo der Neuankömmling zunächst einmal Unterkunft, Orientierung und Arbeitsmöglichkeiten findet, aber auch Hilfe, Schutz vor Isolation und Unterstützung in psychischen Krisen, die so oft mit Migration verbunden sind. Aber Sie weisen zu recht darauf hin, dass die meisten Migranten, die nach Deutschland kommen – in der Schweiz ist das ganz anders –, arm sind und deshalb in Wohngebieten unterkommen, wo sie in der Nachbarschaft nicht auf grün-alternative Multikulti-Begeisterte treffen, sondern auf die deutschen Opfer des Strukturwandels. Verlierer suchen Sündenböcke und dazu eignen sich Zuwanderer hervorragend. Also sind diese „überforderten Nachbarschaften“ oft Orte gegenseitiger aggressiver Abgrenzung.

Mischen oder Trennen, das ist die Frage, wenn es um die Regulierung heterogener Stadtgesellschaften geht. „Integration trotz Segregation“ lautet die überraschende Empfehlung, mit der Sie sie beantwortet haben. Bedeutet das nicht Ghetto?

Die Konzentration bestimmter sozialer Gruppen in bestimmten Quartieren ist ein universelles Phänomen. Indem sie die täglichen Reibungen und Ärgernisse zwischen Gruppen mit unterschiedlichen Lebensweisen verringert, dient räumliche Distanz durch Segregation nicht zuletzt der Konfliktvermeidung. Ethnische Kolonien erfüllen durchaus positive Funktionen im Prozess der Integration. Sie bieten einen Schutz- und Übergangsraum, von dem aus die neue Gesellschaft allmählich kennengelernt werden kann. Das Wichtigste ist, dass Segregation freiwillig und nicht gezwungenermaßen durch Diskriminierung, Wohnungspolitik oder Marktmechanismen zustande kommt. Das muss die oberste Maxime städtischer Integrationspolitik sein.

Die Kultur der Stadt ist eine Kultur der Differenz

Cover des Buches Stadtsoziologie von Hartmut Häussermann und Walter Siebel; © CampusWohnquartiere als Auffangstationen für Neuankömmlinge, die als Brücken zwischen alter und neuer Heimat auf dem Weg zur Integration dienen – das klingt gut. Aber kann man verhindern, dass sie am Ende zu abgeschotteten Exklaven der Heimat oder gar zu Refugien zur Kultivierung von Parallelgesellschaften mutieren?

Einwanderungsquartiere sind immer auch in Gefahr, zu Fallen zu werden, wenn sich die Migranten – häufig nach gescheiterten Integrationsversuchen – in ein enges und erstarrtes Herkunftsmilieu zurückziehen. Erste und wichtigste Voraussetzung, das zu vermeiden, wäre für die Funktionsfähigkeit von Markt, Demokratie, Recht und Stadt zu sorgen. Wären sie entsprechend ihrer Funktionslogik prinzipiell offene Systeme, wäre nicht mehr viel gesonderte Politik zur Integration von Zuwanderern nötig.

„Multikulti“ ist ja zum politischen Kampfbegriff geworden. Ist Multikulturalismus im positiven Sinne tatsächlich ein für alle Mal gescheitert, wie man immer wieder hört?

Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Natürlich gibt es eine Leitkultur, an die sich anpassen muss, wer hier sozial und beruflich erfolgreich sein will. Jenseits davon ist kulturelle Differenz aber geradezu ein Ferment dynamischer Gesellschaften. Begegnungen mit dem Andersartigen und überraschende Erfahrungen, wie sie der öffentliche Raum der Stadt vermittelt, können ebenso wie die Konfrontation mit neuen Argumenten eingefahrene Routinen und Denkweisen aufbrechen. Sie sind verunsichernd, und Verunsicherung kann zu Abgrenzung aber auch zu Reflexion von Selbstverständlichkeiten führen. Das ist wiederum Voraussetzung für kulturellen Wandel. Was das Stadtleben so anstrengend macht – die Nähe des Fremden –, ist somit eine entscheidende Bedingung für die Produktivität der Stadt. Die Kultur der Stadt ist eine Kultur der Differenz, und eben deshalb sind Städte kreative Orte.

Walter Siebel, Jahrgang 1938, studierte Soziologie und lehrte von 1975 bis zu seiner Emeritierung als Professor an der Universität Oldenburg. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung sowie Träger des Schumacher- und des Schaderpreises.

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011

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