Kulturszene

Migrant sagt kaum noch jemand – Deutsche Literatur von Autoren ohne Deutsch als Muttersprache

Adelbert-von-Chamisso-Preisträger: oben v.l.n.r.: Yoko Tawada, Foto: Yves Noir; Emine Sevgi Özdamar, Foto: Helga Kneidl; Libuše Moníková, Foto: Renate von Mangoldt; unten v.l.n.r.: Galsan Tschinag, Foto: Rosemarie von Schnoy; Ilija Trojanow, Foto: Yves Noir; Catalin Dorian Florescu, Foto: Yvonne Böhler

Spätestens seit Melinda Nadj Abonji für ihren Roman „Tauben fliegen auf“ den Deutschen und kurz darauf auch den Schweizer Buchpreis 2010 gewonnen hat, macht kaum noch jemand viel Aufhebens davon, dass eine ganze Reihe von Schriftstellern nicht-deutscher Muttersprache mit ihren Werken die deutschsprachige Literatur nachhaltig bereichern. Es ist selbstverständlich geworden, in Rafik Schami, Zsuzsanna Gahse, Terézia Mora, Michael Stavarič oder Artur Becker bemerkenswerte deutschsprachige Gegenwartsautoren zu sehen. Der Weg dahin war lang.

Vom Rinnsal zur Flut

Melinda Nadj Abonji ; Foto: Gaëtan BallyDass deutschsprachige Literatur niemals in ihrer Geschichte eine rein deutsche Angelegenheit war, war im Laufe des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts beinahe in Vergessenheit geraten. Ausnahmen wie Elias Canetti bestätigten die Regel, und die hieß: Wirklich bedeutende Literatur in deutscher Sprache können natürlich nur Muttersprachler schreiben. Zwar wurde vereinzelt registriert, dass in der Bundesrepublik Deutschland seit spätestens 1970 eine damals sogenannte „Gastarbeiterliteratur“ existierte – richtig ernst genommen aber wurde sie nicht. Außer vom großen Romanisten und Sprachwissenschaftler Harald Weinrich, der schon früh um eine „deutsche Literatur von außen“ bat und, zusammen mit engagierten Mitstreitern und unterstützt von der Robert Bosch Stiftung, den Adelbert-von-Chamisso-Preis ins Leben rief.

Als der Preis 1985 zum ersten Mal verliehen wurde, war zumeist die Rede von „Ausländerliteratur“, später dann von „Literatur der Migration“. Es dauerte noch fast zwei Jahrzehnte, bis Libuše Moníková, Yoko Tawada, Emine Sevgi Özdamar, Ilija Trojanow, Catalin Dorian Florescu oder Galsan Tschinag als bedeutende Schriftsteller deutscher Sprache angesehen wurden. Genuine Lyriker wie Adel Karasholi, José F.A. Oliver, Zehra Çirak oder Jean Krier hatten es noch schwerer. Mit Beginn des 21. Jahrhunderts jedoch wurde immer deutlicher: Das einstige Rinnsal war zur Flut geworden und beachtliche Literatur in deutscher Sprache kann auch schreiben, wer in einer ganz anderen Muttersprache groß geworden ist – und aus einer Kultur kommt, die mit der deutschen oder mitteleuropäischen zunächst einmal wenig gemein hat.

Migration – out, aber nicht passé

Anila Wilms; © PrivatDas Land, aus dem man kommt, oder die ersten Jahre in dem Land, in das man mehr oder weniger freiwillig einwanderte, sind natürlich nicht einfach vergessen. Anila Wilms, 1971 in Tirana geboren, lässt ihren Debütroman Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens (2012) gar in der Entstehungszeit des albanischen Staats spielen und bringt damit ihr in Deutschland wenig bekanntes Herkunftsland in die deutsche Literatur hinein. Francesco Micieli, ein in Bern lebender Schriftsteller italienischer Herkunft, erinnert in seiner grandiosen Erzählung Schwazzenbach (2012) an die gar nicht lustigen 1970er-Jahre, als sich sein Erzähler Angelo ständig mit einer emotional aufgeheizten „Italiener raus!“-Stimmung auseinandersetzen musste.

Die beeindruckenden Romane von György Dalos, zuletzt Der Fall des Ökonomen (2012), spielen in Ungarn, und in jedem Text der Berliner Autorin Marica Bodrožić schwingt das Dalmatien ihrer Kindheit mit, so auch im Roman Kirschholz und alte Gefühle (2012). Für Bodrožić übrigens hört sich das Wort „Migrant“ einfach nur nach einer schlimmen Krankheit an. Wie viele andere Autoren, woher sie auch immer stammen, hat sie sich irgendwann einmal dazu entschlossen, das Deutsche zu ihrer Literatursprache zu machen und deutsche Literatur zu schreiben, wie es einst Adelbert von Chamisso getan hat. Dessen Peter Schlemihl (1813) mag vieles sein, eines aber gewiss nicht: „Migrationsliteratur“.

Interkulturelle Grundakkorde

Feridun Zaimoglu; © Bettina Fürst-FastréDass die „Migrationsliteratur“, von Feridun Zaimoglu schon 2006 als „toter Kadaver“ bezeichnet, inzwischen einer interkulturell grundierten deutschen Literatur von oft höchster Qualität gewichen ist, führte das Bücherjahr 2012 eindringlich vor Augen. Eine seiner Erfolgsgeschichten ist die des Romans Der Russe ist einer, der Birken liebt, den die 27-jährige, aus Aserbaidschan kommende Berliner Schriftstellerin Olga Grjasnowa vorgelegt hat. Mascha, die Protagonistin, hasst übrigens das Wort „Migrationshintergrund“, und noch mehr hasst sie Adjektive wie „postmigrantisch“. Marjana Gaponenko, 1981 in Odessa geboren und heute in Mainz lebend, erzählt in ihrem Roman Wer ist Martha? von den letzten Lebenswochen des 96-jährigen Ornithologen Luka Lewadski, mit opulentem Sprachpathos und nicht ohne urkomische Slapstick-Elemente – interkulturell grundiert bis in die Syntax hinein, aber kaum unter „Migrationsliteratur“ abzuheften. Grjasnowa und Gaponenko – nur zwei Beispiele für die neue, mit bemerkenswerter sprachlicher Eleganz aufs Papier gezauberte Vielfältigkeit deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. Herkunftsland der Autorinnen? Muttersprache? Ach ja, danach könnte man auch mal fragen – wenn einem gar nichts anderes mehr einfällt.


Bibliografischer Hinweis
Heinz Ludwig Arnold (Hg.), „Literatur und Migration“ (Text + Kritik IX/06). edition text + kritik, München 2006. ISBN 3-88377-848-6.
Uwe Pörksen / Bernd Busch (Hg.), „Eingezogen in die Sprache, angekommen in der Literatur. Positionen des Schreibens in unserem Einwanderungsland“ (Valerio 8). Wallstein Verlag, Göttingen 2008. ISBN 978-3-8353-0322-5.
Klaus Hübner
arbeitet als Publizist, Literaturkritiker und Redakteur der Zeitschrift „Fachdienst Germanistik“ in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2013

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