Kulturszene

The Sound of Migration

Brothers Keepers; Copyright: www.thommy-fotography.de/ SONY BMGBrothers Keepers; Copyright: www.thommy-fotography.de/ SONY BMGEine ferne Vision existierte bereits Anfang der Achtzigerjahre. Wie es wohl klingen würde, fragten sich euphorische Szene-Chronisten angesichts der Aufbruchsstimmung der Punk-und New-Wave-Ära, wenn auch die Kids der Migranten zu den Instrumenten greifen und ihr eigenes Ding durchziehen würden.

Daf; Copyright: Volker Büttner Man spekulierte damals über einen neuen Sound aus (west)deutschen Probekellern, der nicht wie bisher nur die Vorbilder aus England oder der USA kopierte. Schließlich hatten Gabi Delgado-Lopez und Robert Görl von Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) gerade die zackigen Electrobeats ihres Mauerstadt-Songs Kebabträume entworfen. Doch die soziale Realität sah anders aus. In den italienischen, griechischen oder türkischen Communities gab es noch gar keine Anknüpfungspunkte für diese Pop- oder gar Avantgarde-Ideen. DAFs Textzeile „wir sind die Türken von morgen“ blieb ein plakativer Slogan.

Hip-Hop traf das Lebensgefühl

Eine weitaus nachhaltigere Wirkung hatte die ersten Welle (Old School) des amerikanischen HipHop, die ab 1982/83 mit Breakdance, Graffiti und Ghettoblastern nach Europa schwappte. Die kommerziellen Erfolge von Grandmaster Flash („The Message“) oder Kurtis Blow („The Breaks“) verebbten zwar rasch, doch die Botschaften und Codes der US-Ghettos, die in HipHop-Filmen wie Wildstyle oder Beatstreet vermittelt wurden, trafen das Lebensgefühl der zweiten „Gastarbeiter“-Generation. Die ab 1986/87 aufkommende New School verstärkte diese Begeisterung. In den Jugendheimen und Vorstadttreffs etablierte sich HipHop als zentrales Musikgenre. Der traditionelle Mitmach-Charakter dieser multiethnischen Subkultur führte zu einem kreativen Wettbewerb der Rapper und Breaker. Dabei gerieten besonders die regelmäßig stattfindenden Jams zu überregionalen Stammestreffen, die gleichzeitig die Funktion von nicht kommerziellen Talentshows übernahmen.

Zum Ende des Jahrzehnts – die Mauer war gerade gefallen – war es nur noch eine Frage der Zeit, bis aus dieser Ursuppe auch Platten produzierende Musiker hervorgingen. Umso verwunderter reagierte man innerhalb der Szene als ausgerechnet Die Fantastischen Vier mit ihrem Stuttgarter Party-Rap einen ersten Vertrag bei der Musikindustrie bekamen. Nach den großen Chartserfolgen ihres Pophits „Die Da“ brach eine Debatte um „Ausverkauf“ und „Deutsch-Rap“ los. Die Pioniere der Vorstädte sahen sich ihrer Musikkultur beraubt.

Politische Statements

Advanced Chemistry: Copyright: Frederik Hahn Das Bestreben nach eigenständiger Vermarktung führte fast zeitgleich auch auf Independent-Labels zu zahlreichen Veröffentlichungen. Fresh Family aus Ratingen bei Düsseldorf thematisierten 1991 mit „Ahmed Gündüz“ die Erfahrungen von türkischen Fabrikarbeitern in Deutschland. Die Heidelberger Advanced Chemistry setzten sich 1992 auf der Maxi „Fremd im eigenen Land“ mit der Stigmatisierung von ethnischen Minderheiten auseinander. Die rassistischen Anschläge von Rostock, Hoyerswerda und Mölln verstärkten diesen inhaltlichen Diskurs, der zudem zu einem Schulterschluss mit den Strukturen des Punk-Undergrounds führte, wie gemeinsame Auftritte oder etwa die 1993er-Compilation „Kill The Nation with a Groove“ zeigte.

Bemerkenswert, dass keiner der ursprünglichen Hip-Hop-Crews mit migrantischem Background später eine langfristige Musikkarriere gelang. Das Cartel, ein Zusammenschluss türkischer Crews aus drei deutschen Städten, wurde zwar in der Türkei gefeiert und spielte 1995 sogar in Fußballstadien; doch das Team zerfiel bald darauf. Den multilingualen Pionieren Microphone Mafia aus Köln blieb nach Achtungserfolgen 1994 nur der Weg zurück in den Szene-Underground. Erst 2001 gelang dem afrodeutschen Reimverbund Brothers Keepers mit Afrob, Torch, Ade, Tyron Rickets und Superstar Xavier Naidoo nach dem fremdenfeindlichen Mord an Alberto Adriano mit „Adriano... letzte Warnung“ wieder ein großer Charterfolg. Während das Nachfolgeprojekt Sisters Keepers bereits dahinter zurückfiel, setzten die Musiker ihre antirassistische Aufklärungskampagne auch ohne Veröffentlichungen fort.

Kool Savas; Copyright: 2005 BMG Subword; Photo by Katja KuhlIn neuer Konstellation erschien im April 2005 das Album „Am I My Brother's Keeper“. Ein Brückenschlag zur Reggaeszene (u.a. Gentleman, Eased von Seeed), der sich auf der Ende des Jahres erschienenen Single „Will we ever know“ weiter fortsetzte; mit einem Tribut von Patrice an den 21-jährigen Oury Jalloh, der unter mysteriösen Umständen in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte. Doch für die breite Vermarktung von Hip-Hop waren soziale oder gar politische Statements nicht mehr gefragt. Die aktuellen Erfolgsgeschichten der deutsch-türkischen oder deutsch-arabischen Rapper wie Kool Savas, Azad oder Bushido funktionieren über düstere Beats und gezielte Tabubrüche in den Texten. Politische Unkorrektheiten werden dabei bewusst in Kauf genommen. Das Bösen-Buben-Image ist für die zumeist minderjährigen Fans weit wichtiger als der jeweilige ethnische Hintergrund. Battle-Phrasen und Gangster-Rap auf der Überholspur. Auch die Nachwuchsarbeit läuft heute verstärkt über die Label-Gründungen der HipHop-Prominenz. Sowohl der in Rumänien geborene Amar als auch „Ruhrpott-King“ Ercandize, der auf seinem im Frühjahr 2007 erschienenen Album „Verbrannte Erde“ türkische Rhythmen einfließen lässt, erscheinen bei Optik Records von Kool Savas in Berlin. Gemeinsam mit Reimpartner Sezai wirbt Azads Frankfurter Label Bozz Music wiederum für einen respektvollen Umgang im türkisch-kurdischen Verhältnis. Die härtere Szene steuert sich unabhängig vom Mainstream.

Transkulturelles Versuchsfeld

Muhabbet; `In deinen Straßen´ (2007); Foto: Cem Günes Neben dem HipHop haben sich die Crossover-Produktionen längst auch in anderen Genres etabliert. Der Produzent und Musiker Muhabbet hat mit seinem 2007er Album „In deinen Straßen“ aus der Fusion von türkischen Arabeske-Songs, R´n`B und HipHop längst einen eigenen Stil etabliert. R`nBesk nennt er seine schmachtvollen Balladen. Nach seinem Umzug nach Berlin ist Muhabbet über das Label Plak Music ebenfalls eng mit einer kreativen Community verbunden. Mit Ali Güven aus Nürnberg oder Kenan aus Köln setzt Plak auf (türkischen) Pop. Darüber hinaus hat sich um Soul und R&B ein transkulturelles Versuchsfeld für kommerziellere Musikentwürfe entwickelt, wie „Mein Stern“ von Ayman (2000) genauso dokumentiert wie das 2005er-Comeback der deutsch-serbisch-marokkanischen Frankfurterin Nadja Benaissa, die 2007 wieder zu den neu formierten No Angels gestoßen ist. Seit den Anfängen der Reggae-Soundsystems wie Sillywalks aus Hamburg besteht zudem ein produktiver Dialog mit der Musikszene in Jamaika. Auf die Erfolge des rheinischen Pfarrerssohns Tilmann Otto alias Gentleman folgten Solisten wie Patrice oder das Berliner Soundkollektiv Seeed, die wiederum – siehe Brothers Keepers – mit den engagierten HipHop-Crews vernetzt sind. Knapp 25 Jahre nach „Kebabträume“ von DAF spiegelt sich in der Popszene nur zu deutlich wider, dass die Bundesrepublik zum Einwanderungsland geworden ist.
Ralf Niemczyk
schreibt seit 1982 für Underground- und Mainstream-Zeitschriften über Musik, Popkultur, Sport und Stadtplanung.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2005, Aktualisiert im März 2007

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