Kulturszene

Perspektivwechsel mit Trauertänzen – Theater und Flüchtlinge

Thalia Theater Hamburg: Elfriede Jelinek „Die Schutzbefohlenen“, uraufgeführt im Mai 2014 beim Festival Theater der Welt in Mannheim; © Krafft Angerer

Wie kann Theater politisch sein? Wie kann es sich einmischen in die massiven Probleme, die die Flüchtlinge an den Grenzen Europas erleben? Das Theater sucht nach Antworten.

Dass sich Kunst auf Politik beziehen sollte, ist heute eine geläufige Forderung. Es gibt sogar die Annahme, Theater sei gewissermaßen per se politisch. Das Theater ist aber schon lange nicht mehr der Ort bürgerlicher Selbstverständigung und Reflexion, als der er im 18. Jahrhundert in Deutschland begründet wurde. Die Gleichsetzung von Theater und Politik ist alles andere als selbstverständlich. Beziehungen und Bezüge zwischen dem Theater und dem Politischen wollen immer neu hergestellt, neu gedacht werden.

Das Politische kann als dasjenige beschrieben werden, das gemeinsame Regeln vorgibt und somit eine Gemeinschaft konstituiert. Auf dem Theater werden dann diese Regeln nicht in ihrer Wiederholung auf der Bühne kenntlich und auch nicht in der vertrauten Verhandlung tagespolitischer Themen, sondern erst in ihrer Unterbrechung. Die Störung und Verstörung des vermeintlich Bekannten rührt an das Undarstellbare: Beispielsweise fragen sich zurzeit zahlreiche Theaterschaffende, wie man sich mit der Abschottung Europas vor Kriegs- und Armutsflüchtlingen auseinandersetzen kann. Viele ihrer Arbeiten bleiben dicht an der Realität, indem sie Recherchematerial verwenden oder gleich performative Erfahrungsräume schaffen – wie die Gruppe machina eX, die am Düsseldorfer Forum Freies Theater im März 2014 das interaktive Performancespiel Right of Passage entwickelte. Darin musste sich jeder Zuschauer als Flüchtling seinen Weg durch die Bürokratie eines fiktiven Auffanglagers bahnen. Hans-Werner Kroesinger rückte dem Thema mit seinem Dokumentartheater zu Leibe und betrachtete im Dezember 2013 in FRONTex SECURITY am Berliner Theater Hebbel am Ufer die Grenzschutzagentur im historischen Kontext der europäischen Einwanderungspolitik. Auf biografischer Grundlage arbeitete die Regisseurin Yael Ronen am Berliner Maxim Gorki Theater im März 2014 in Common Ground: Fünf ihrer Schauspieler flohen in den 1990er-Jahren vor dem Balkan-Krieg nach Deutschland und erkundeten auf der Bühne ihre gemeinsame Vergangenheit und Gegenwart.

Die guten Geister des Westens

Dabei ist eine Verhandlung der Flüchtlingsthematik nicht nur komplex, sondern auch stets eine Anmaßung: Wir weißen Westler sind nur sehr bedingt in der Lage aus der Perspektive derjenigen zu sprechen, die wir gelernt haben, als die „Anderen“ zu konstituieren. Die Theaterarbeiten von machina eX, Kroesinger und Ronen lösen dies, indem sie auf der Grundlage von dokumentarischem oder biografischem Material arbeiten. Andere nehmen den Perspektivwechsel entschieden künstlerischer vor – beispielsweise die österreichische Autorin Elfriede Jelinek, die ihrem Flüchtlingschor die Sprache des vormächtigen weißen, westlichen Diskurses in den Mund legt. Somit vollzieht sie den Perspektivwechsel explizit vor dem Hintergrund der eigenen Kulturgeschichte: Ihr im Mai 2014 beim Festival Theater der Welt in Mannheim uraufgeführtes Stück Die Schutzbefohlenen lässt einen Flüchtlingschor mit dem ältesten Flüchtlingsdrama überhaupt sprechen, mit Aischylos‘ „Schutzflehenden“. In dem furios-zornigen Text ringen die titelgebenden „Schutzbefohlenen“ um ihren Platz in der Welt, um das Recht, sprechen zu dürfen und gehört zu werden, um das Recht, als Mensch anerkannt und nicht nur als Problemfall abgeschoben zu werden. Hierfür rufen sie mit Humanismus, Menschenrechten und Demokratie die guten Geister des Westens herbei, die jedoch nur für jene gelten, die sie installiert haben. Jelinek beugt gewissermaßen das kollektive Gedächtnis, sie nimmt seine Versprechungen beim Wort und führt den weißen Mann mit seinen Machtansprüchen und Exklusionspraxen sich selbst vor.

Verzweiflungskomik und Trauerarbeit

Eine ähnliche Volte über die europäische Kulturgeschichte schlägt das Performancekollektiv andcompany&Co. in Orpheus in der Oberwelt: Eine Schlepperoper, uraufgeführt im Oktober 2014 am Hebbel am Ufer. Darin verbindet es den Orpheus-Mythos mit der Flüchtlingsproblematik. Denn beide treffen sich im türkisch-griechischen Grenzgebiet am Fluss Evros, wo einst Orpheus’ singender Kopf trieb und wo heute eine meterhohe Sicherungsanlage die Fliehenden aus Europa fernhalten soll.

Als Figur, um sich der durchaus schwer zugänglichen Thematik zu nähern, dient dabei der Schlepper, im alltäglichen Mediendiskurs verfemt als Krisengewinnler, der aus der Not der anderen grausam Profit schlägt. Andcompany&Co. kippt dieses Bild und setzt damit seine Moralität außer Kraft, der Schlepper ist bei ihnen Fluchthelfer und Vermittler zwischen den Welten. Im Grenzgebiet der Performance scheint nichts mehr gesichert: Die Schlepperoper verbindet Monteverdis L‘Orfeo mit Hanns Eisler und Kurt Weill. Ein Countertenor singt zugleich hochkomisch und schmerzlich-traurig davon, dass kein Mensch illegal ist, und Frontex stößt die Flüchtlingsboote zurück ins Meer. Aus Liebe, wie Alexander Karschnia auf der Bühne verkündet: Blickte nicht auch Orpheus aus Liebe zurück zu Eurydike, selbst wenn er sie dadurch verlor?

Tausende Theatertote

Die Verzweiflungskomik durchbricht den Betroffenheitston und markiert somit die unausgesprochenen Regeln, die im politischen Diskurs der vermeintlichen Korrektheit in der Öffentlichkeit herrschen. Sie weist zudem stets darauf hin, dass das hier Theater ist, eine vor-gestellte Situation, eine vorgestellte Verhandlung – und zugleich ein berührender Totentanz und Klagegesang, bei dem das Theater tatsächlich wieder zum Ritual wird. Denn wenn die Performer die täglich ertrinkenden und verdurstenden Menschen beklagen, wird schmerzlich bewusst, dass auch in diesen Theaterminuten an den Grenzen Europas gestorben wird.

Mit dem Aufgreifen des Politischen stehen im Theater so immer auch seine Mittel zur Disposition: Wie kann etwas darstellbar gemacht werden? Das geschieht zurzeit auf unterschiedlichen Wegen, indem das Publikum selbst für einen bestimmten Zeitraum die Erfahrungen von Flüchtlingen nachvollziehen kann, oder indem Schauspieler auf der Bühne ihre Biografien diskutieren. Bei Jelinek wie bei andcompany&Co. werden auf sehr verschiedene Weisen die Tabus des öffentlichen Diskurses touchiert – sei es die Frage, ob Schauspieler überhaupt für Flüchtlinge sprechen dürfen oder, ob ein Schlepper eine brauchbare Vermittlungsfigur darstellt. Indem alle genannten Produktionen die Bedingungen des Theaters selbst, des Darstellens und Sprechens auf der Bühne permanent thematisieren, machen sie auch die Verkehrsregeln der Gesellschaft kenntlich und stellen sie infrage. Denn politisch ist das Theater vor allem da, wo es seine eigenen Strukturen überdenkt, die schließlich aus jener Kulturgeschichte hervorgingen, deren universale Gültigkeit zurzeit so stark angezweifelt wird.

Esther Boldt
arbeitet als freie Autorin für Zeitungen und Magazine wie die „taz“, Nachtkritik.de, „Theater heute“ und und die „Tanz Zeitschrift“. Sie war zudem in verschiedenen Jurys tätig, unter anderem bei der Tanzplattform Deutschland 2014.

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Juli 2015

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