Kulturszene

Jugend Rettet – Iuventa. Der Film

Iuventa © César Dezfuli

Geflüchtete im Mittelmeer aus Seenot retten, das versucht der Berliner Verein „Jugend Rettet“ seit Juni 2016. Dafür haben die jungen Erwachsenen aus Berlin mit einer Crowdfundig-Kampagne einen Fischkutter finanziert. Damit kreuzen sie im Mittelmeer, mit an Bord der italienische Dokumentarfilmer Michele Cinque. Sein Film über „Jugend Rettet“ und das Schiff Iuventa soll es zur Berlinale schaffen.

Als der italienische Regisseur Michele Cinque auf Facebook von „Jugend rettet“ erfährt, ist ihm sofort klar, dass er die Geschichte für seinen neuen Film gefunden hat. Er macht sich auf den Weg nach Malta. Dort liegt der ehemalige Fischkutter des Berliner Vereins „Jugend Rettet“ bereits vor Anker. Die jungen Deutschen wollen in See stechen, um Flüchtende im Mittelmeer aus Seenot zu retten. Das wollen sie solange machen, bis die EU ein europäisches Rettungsprogramm für Menschen in Seenot aufsetzt. Nur wenige Minuten bevor die Iuventa im Juli 2016 den maltesischen Hafen von La Valletta für ihre erste Rettungsmission verlässt, bekommt Michele Cinque die Erlaubnis auch mit an Bord zu kommen.

Vom Traum zur Wirklichkeit

Während dieser ersten Mission mit dem Namen Solidarity rettet die Crew 1.388 Menschenleben aus Seenot und zählt zwei Tote. Die Ereignisse bringen die jungen Deutschen nicht nur an die Außengrenzen Europas, sondern auch an ihre eigenen Grenzen. Der starke jugendliche Idealismus, der die Crew anfangs bestimmt, trifft während der Rettungsmissionen auf den Kampf um Leben und Tod. Die dramatischen Momente mit den unzähligen in Seenot geratenen Flüchtlingen, ihre Geschichten von den fürchterlichen Missständen in Libyen und anderen Kriegsgebieten der südlichen Welt sowie letztendlich die ernüchternde Erkenntnis, dass ihre Aktion keine politischen Lösungsansätze hervorgebracht hat, tragen dazu bei, dass in dieser Zeit ein Teil ihrer Glaubenskraft verlorengeht. Im ersten Interview, das Michele Cinque im Juni 2016 mit dem jungen Gründer der Jugend Rettet, Jakob Schoen, noch vor der ersten Mission führt, erklärt dieser: „Mein größter Wunsch ist es, dass wir hier im Herbst nicht mehr gebraucht werden!“ Dieser Wunsch hat sich nicht erfüllt und sie werden weiter zu Rettungsmissionen in See stechen, bis ein staatliches Seenotrettungsprogramm eingerichtet wird. Solange stehen alle anderen Lebenspläne hinten an.



Der Film stellt die Frage, was passiert, wenn jugendlicher Idealismus auf die Realität trifft. Der Regisseur Michele Cinque beobachtet mit seiner Kamera, wie Hoffnung verloren geht und sich Enttäuschung breit macht. Erwachsen werden heißt auch immer, einen Teil seiner Leichtigkeit zurück zu lassen. Das, was normalerweise ein langsamer Prozess ist, geschieht hier schnell und intensiv, in genau einem Jahr. Die 400 Stunden Filmmaterial, die in diesem Jahr entstanden sind, enthalten Interviews, die vor, während und nach der ersten Rettungsmission geführt wurden. Sie dokumentieren diesen Wandel, der einerseits den Verlust einer jugendlichen Grundeinstellung verzeichnet, der den erwachsenen Menschen in eine andere Beziehung zur Realität stellt, und anderseits eine reifere Bewusstseinsfindung ermöglicht, die zu neuen Erkenntnissen führt.

Den Mitgliedern von „Jugend Rettet“ ist heute klar, dass man politische Veränderungen nicht von einem Schiff im Mittelmeer aus erreichen kann, dass dieser Prozess langwieriger ist und durch die Institutionen führen muss. Der Name des Schiffes und des Films, Iuventa, zu Deutsch „Jugend“, bleibt dabei ein Symbol für die Zukunft: Er ist der Ausgangspunkt eines Weges, auf dem ihre Generation noch viel erreichen und bewegen wird, weil sie nicht auf Lösungen wartet, sondern selbst handelt, um sich in den Werten ihres Europas wiederspiegeln zu können.

Die Kraft eines Dokumentarfilms

Michele Cinque ist mit seiner Kamera auf dem Schiff ohne Filmteam und fungiert als einziger Filter einer Geschichte, deren direkter Teil er ist. Er ist mitten drin im Geschehen. Das ist oft nicht einfach, doch es ist auch genau das, was ihn am Dokumentarfilm so fasziniert: „Der Dokumentarfilm ermöglicht mir, mich direkt mit einer Geschichte zu identifizieren und mich mit der Realität, die ich filme, zu konfrontieren, auch in Form einer ganz persönlichen Ich-Findung. Er lässt mich an meinen Geschichten wachsen.“ Der Film enthält die Botschaft, dass man trotz der Träume, die man auf dem Weg zum Erwachsenwerden verliert, nicht resignieren darf und fordert sein Publikum auf, wieder hinzuschauen und Fragen zu stellen.

Im Moment ist das viele Filmmaterial noch in der Postproduktion und dabei, seine Form zu finden. „Irgendwann im Produktionsprozess verselbstständigt sich ein Film“, sagt Michele Cinque, „dann muss er sozusagen selbst seinen Weg gehen. Ich hoffe, dass er es nach Berlin zur Berlinale schafft.“ In Berlin findet nicht nur das international wichtige Filmfestival statt, dort ist auch der Sitz von „Jugend Rettet“. „Diese junge Generation Berliner trägt die Geschichte ihrer Stadt stark in sich. Sie haben ein ganz besonderes Bewusstsein von dem, was Grenzen bedeuten“, so der Regisseur. Deshalb möchte der Film, während die Crew der Iuventa weiter in See sticht, seinen Weg vom Mittelmeer nach Berlin und in die Welt finden. So soll er aus der Mitte Europas, von wo das Versprechen ausging, dass es nie wieder Mauern geben wird, seine Wirkung entfalten.



Sarah Wollberg
Internet-Redaktion, Goethe-Institut Italien

Juni 2017

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Text: Goethe-Institut, Sarah Wollberg. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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