Kulturszene

Das interkulturelle Gesicht der europäischen Städte

Straßenszene in Berlin; Copyright: www.colourbox.comStraßenszene in Berlin; Copyright: www.colourbox.comWas tun die großen Städte im Europäischen Jahr des Interkulturellen Dialogs? Welche neuen Konzepte haben sie entwickelt? Wie gehen sie mit der ethnischen Vielfalt um, die ihre Einwohnerschaft prägt? – Der Dortmunder Kongress „Vielfalt verbindet“ Anfang September 2008 stellte Konzepte, Strukturen, Modelle und Projekte aus unterschiedlichen europäischen Städten vor. Unter dem Titel "Die Kraft der Kunst und Kultur für den Interkulturellen Dialog in den Städten nutzen und verstärken!" verabschiedeten die rund 200 Teilnehmer ein Papier, das sie „Dortmunder Empfehlungen" nannten.

Veranstalter waren das Kulturbüro der Stadt Dortmund, die Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen mit Unterstützung des Auswärtigen Amts. Außerdem unterstützten die Veranstaltung die Deutsche UNESCO-Kommission, die Kulturpolitischen Gesellschaft, RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas, EUROCITIES und der Europarat. Referenten aus zehn Ländern vermittelten auf dem Kongress einen fundierten Überblick über den Stand kommunaler Handlungskonzepte und Initiativen im europäischen Vergleich.

Franz Kröger, leitender Mitarbeiter der Kulturpolitischen Gesellschaft, berichtete, dass sich beim Kongress drei Linien im Umgang mit Einwanderern ausmachen ließen. Frankreich „integriert“ Einwanderer etwa aus Nordafrika, indem es sie einfach einbürgert. Das Nachdenken über interkulturelle Konzepte setzte relativ spät ein. Die Niederlande und in gewissen Maß auch Deutschland lebten in der Einbürgerungspolitik lange Zeit nach dem Prinzip „laissez-faire“. Erst heute befinde man sich im Übergang zu einer aktiven Integrationspolitik. Großbritannien schließlich kenne gerade in London nur ein multikulturelles Nebeneinander, unverbunden, aus vielen Fördertöpfen gespeist, aber ohne ein gemeinsames Konzept.

Die „weiße Museumslandschaft“ Londons

Louvre in Paris; Copyright: www.colourbox.comMakeda Coastan und Dr. Janice Cheddie aus London versuchen gerade das mit ihrem Ansatz nachzuholen. Sie gehen von der Erkenntnis aus, dass die großen Museen Londons aufgrund der kolonialen Tradition des Empires die kulturelle Geschichte Afrikas und Asiens widerspiegeln – eben gerade der ethnischen Gruppen, die in London rund 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dabei sei die gesamte Museumslandschaft fest in der Hand einer weißen, mittelständischen Elite, ethnische Minderheiten seien dabei ohne Einfluss. Seit mehreren Jahren arbeitet deswegen eine beim Londoner Bürgermeister angesiedelte „Kommission für das afrikanische und asiatische Erbe“. Die beiden Wissenschaftlerinnen berichteten, dass sich inzwischen eine eigene Task-Force darum kümmere, Partnerschaften und Fundraising zu organisieren.

Sylvie Perron, Referentin für Kultur und Integration aus Lyon, stellte ein Projekt vor, bei dem die älteren Einwanderer aus dem Maghreb ihre Geschichten erzählen konnten, um sie in Form von „oral history“ an die jüngeren Migranten und die Einwohner der Stadt weiterzugeben. Marode Stadtgebiete mit einer Bevölkerungsmehrheit von Einwanderern würden zusammen mit Künstlern behutsam und vorsichtig saniert. Lyon wolle, dass alle Bevölkerungsgruppen die Oper und das Schauspiel nutzten – es gehe nicht an, dass je nach Ethnie verschiedene Zuhörer oder Zuschauer zusammenkommen.

Mehr Migranten in die Gremien

Copyright: www.adpic.deUlla Harting aus der Kulturabteilung der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei, präsentierte interkultur.pro, das „Programm zur Professionalisierung des interkulturellen Kunst- und Kulturmanagements in Nordrhein-Westfalen“. Interkultur.pro bezieht sechs große, mittlere und kleine Städte ein, richtet sich unter anderem an Künstlerinnen und Künstler sowie Projektmanager von ausgewählten interkulturell ausgerichteten Kunst- und Kulturprojekten, Mitarbeiter aus kommunalen und freien Kulturinstitutionen und an Journalisten. Ziel sind Strukturen bildende Projekte, das Anstoßen von Festivals und die vertiefte Forschung auf diesem Gebiet. So wird in diesem Zusammenhang zum ersten Mal untersucht, welche kulturellen Präferenzen und Gewohnheiten Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Dortmund haben.

Die Empfehlungen des Kongresses hoben die Verantwortung der kommunalen und staatlichen Kultureinrichtungen hervor, den interkulturellen Dialog zu fördern und Migranten aktiv in ihre Angebote einzubeziehen. Der programmatische Anspruch, Kunst und Kultur für alle und von allen zu ermöglichen, muss auch für Zuwanderer eingelöst werden. Dazu bedarf es einer Öffnung der bestehenden kommunalen Einrichtungen, Programme und Dienste für die kulturellen Interessen von Migranten und einer Unterstützung und Förderung ihrer künstlerischen Ausdrucksformen. Bei der personellen Besetzung von Kultureinrichtungen, Beiräten und Jurys muss der Anteil von Zuwanderern steigen. Besondere Angebote sollen sich an die jüngeren Migrantinnen und Migranten richten.

Klingelschilder eines Wohnhauses in Wedding, Berlin, Deutschland; Copyright: mauritius images/imagebroker

Kunst ist kein Ersatz für Sozialpolitik

Professor Claus Leggewie vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen warnte in seinem Eröffnungsvortrag davor, Kunstförderung als Sozialpolitik misszuverstehen. Dabei käme entweder „nur mediokre Kunst“ oder „schwache Sozialpolitik“ heraus. Kunst lasse sich nicht instrumentalisieren. Und schon gar nicht sei sie geeignet, Versäumnisse der Integrationspolitik nachzuholen.

Für Leggewie sind moderne Städte per se interkulturelle Gebilde. Fremdes und Vertrautes, Neues und Bewährtes, Szenen und Milieus stoßen unmittelbar aufeinander, durchmischen sich, befruchten sich gegenseitig. Der öffentliche Kulturbetrieb kann Talente fördern, die die Schwelle zum etablierten Betrieb sonst nicht erreichen würden, aber er sollte dies nicht anhand von Quoten tun, also nach dem Prinzip der anteiligen Repräsentation jeder Ethnie am Kulturetat.

Leggewie sagte: „Der Kulturbetrieb mag neue, scharfe, unerhörte Sachen, keine Quotenkünstler.“ Die Förderung von Vielfalt dürfe nicht dazu führen, dass talentierte Individuen in ethnischen Gruppen eingesperrt bleiben, weil sie eine Förderung eben nur erhalten, wenn und weil sie Teil eines Kollektivs sind. Leggewie demonstrierte seine Thesen am Beispiel des 1913 nach New York eingewanderten Marcus Rothkowitz aus der jüdischen Diaspora Russlands. Seine abstrakten Bilder, mit denen er später unter dem Namen Mark Rothko berühmt wurde, entstammten eben nicht der Weltsicht einer „partikularen Gruppe“, sondern waren von dem Bestreben, mit seiner Kunst ein universales menschliches Drama auszudrücken. Und das gelang ihm nur in New York, nicht woanders.

Volker Thomas
ist freier Journalist in Berlin und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung (www.thomas-ppr.de)

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Oktober 2008

Links zum Thema

goethe.de/einfachhoeren

Lustige Geschichten von Pferden, Hexen und Fußballern – auf Arabisch vorgelesen und als Podcast zum Herunterladen und überall anhören!

goethe.de/wohin

Wohin? 21 Fragen zu Flucht und Migration

goethe.de/willkommen

Deutschlernen für Flüchtlinge

Ankommen-App

Ein Wegbegleiter für Ihre ersten Wochen in Deutschland

Mein Weg nach Deutschland

Videos und Sprachübungen für Deutschlerner