Kulturszene

Minnesänger der Zuversicht – der deutsch-irakische Autor Abbas Khider

Abbas Khider; © Jakob StedenAbbas Khider kam 2000 als erwachsener Mann ohne Sprachkenntnis nach Deutschland. Heute steht er in der ersten Reihe deutscher Romanautoren.

Als Abbas Khider nach Deutschland ins Land der Dichter und Denker kam, kannte er nicht mehr als drei deutsche Vokabeln: „Hitler“, „Scheiße“ und „Lufthansa“. Jetzt gehört der Mann aus Bagdad zu den Autoren, die von Deutschlands wichtigsten Literaturkritikern auf die SWR-Bestenliste gewählt wurden. Mit seinem heiteren Wesen und seiner Zuversicht überstand er damals die Gefangenschaft unter Saddam Hussein und das harte Leben als papierloser Flüchtling – heute trotzt er damit den Rückschlägen des „Arabischen Frühlings“.

Ein aufgewühltes Leben von Gottes Gnaden

Im Jahr 1973 wird Abbas Khider in Bagdad geboren. Als junger Abiturient verteilt er Flugblätter gegen das Regime, kurz darauf sitzt er das erste Mal in Haft. Insgesamt sechsmal wird er wegen politischer Umtriebe festgenommen, zwei volle Jahre verbringt Khider in den Kerkern von Saddam Hussein. 1996 gelingt ihm die Flucht nach Amman und es beginnt die jahrelange Odyssee durch nahezu den gesamten Mittelmeerraum, eine Zeit, die Khider in seinem Roman Der falsche Inder (2008) verarbeitet hat.

Das Cover von „Der falsche Inder“ (2008); © Edition NautilusVier Jahre lang schlägt sich der junge Mann als sans papier durch Jordanien, Libyen, Tunesien, die Türkei, Griechenland und Italien. Mit den unterschiedlichsten Jobs hält er sich über Wasser: als Kellner, Hilfsarbeiter auf dem Bau, Arabischlehrer, Teppichträger, Müllsortierer und Putzkraft, sogar als Koranlehrer im Tschad. Geschlafen hat Khider in dieser Zeit überall, wo er ein Plätzchen fand: unter Brücken, in Tunneln, auf Baustellen, im Puff. Wenn man Khider begegnet, ist man zuerst verblüfft ob der gelösten und anscheinend unverwüstlichen Heiterkeit, die er ausstrahlt. Aber vielleicht ist es die Heiterkeit eines Mannes, der erfahren hat, dass alles im nächsten Augenblick vorbei sein kann und der gerade deshalb jeden Moment als Gnade, als Geschenk Gottes empfindet.

Distanz durch Sprache

Das Cover von „Die Orangen des Präsidenten“ (2011); © Edition NautilusFür sein Debüt wurde Khider mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2010 ausgezeichnet, der an Autoren vergeben wird, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist. Mit seinem 2011 erschienenen zweiten Roman hat er nun den Sprung an die Spitze geschafft. Die Orangen des Präsidenten ist ein irakischer Gefängnisroman, ein Roman, der den Leser durch das geschilderte Leid und die Grausamkeit erschüttert. Zugleich gelingt Khider das Kunststück, in seine düstere Kerkerprosa den Schimmer einer Humanität zu weben, die selbst dem sadistischen Verhörpolizisten und dem Folterknecht menschliche Züge zugesteht.

Dank der schlichten Kunstfertigkeit seiner Sprache wirkt Khiders Stil nie artifiziell oder konstruiert. Seine Prosa ist eine am Menschen interessierte Kunst, die stets darum bemüht ist, das Besondere im Einfachen herauszuarbeiten, das Heitere im Tragischen und das Tragische im Heiteren zu spiegeln.

Wenn er etwa den Vater seines Helden Mahdi als sorglosen Narren darstellt, der bei den Fliegerangriffen im irakisch-iranischen Krieg fröhlich herumtanzt, alles „aufregend“ findet und sich darauf freut, den neuen Luftschutzbunker endlich einmal „ausprobieren“ zu können. Oder wenn er beschreibt, wie der Häftling Dhalal in seiner Verzweiflung den Verstand verliert und zwei Wanzen in einer Plastiktüte quält: „Sie sind meine beiden Feinde, der Islam und der Kommunismus. Ich foltere sie.“

Das Unfassbare geschieht

Noch bevor Die Orangen des Präsidenten ihren Siegeszug begannen, arbeitete Khider Anfang 2011 schon an einem neuen Buch über die depressive Hoffnungslosigkeit der arabischen Intellektuellen – als plötzlich der Arabische Frühling ausbrach. Sofort machte sich der Neu-Berliner auf den Weg zum Kairoer Tahrir-Platz, wo er sich unvermittelt ins Getümmel des demokratischen Aufstandes stürzte.

Abbas Khider; © Jakob Steden„Da war eine unglaubliche Harmonie“, so Khider euphorisch. „Ich habe das Gefühl, diese Leute haben am Al-Tahrir-Platz ein Gedicht zusammen gebildet, das jeder fühlen kann und lesen kann und miterleben kann und mitschreiben kann. Es war wirklich wie eine Hochzeit für die Freiheit.“

Er habe Männer gesehen, deren Augen schon tot waren, Männer, die angesichts der Hoffnungslosigkeit verrückt geworden waren und jahrzehntelang tatenlos in ihrer Wohnung gesessen hatten, die dann plötzlich wieder anfingen zu leben und angesichts des Aufstandes gegen Autokratie und Unterdrückung wieder wie kleine Kinder lachen konnten. Einige der Tage in Kairo zählten zu den schönsten in seinem Leben, so der Autor. „Es war wie eine Wiedergeburt.“

Die Notwendigkeit der Zuversicht

Abbas Khider; © Jakob StedenAuch die Kater nach dem Rausch, die Ernüchterung angesichts der herkulischen bevorstehenden Anstrengungen für einen tief greifenden gesellschaftlichen Wandel erschüttern Khider nicht in seiner Zuversicht. Er sieht es geradezu als notwendig an, den Wandel zu imaginieren – weil er ohne diesen ersten Schritt niemals realisiert werden kann, so der Autor.

„Die Araber waren über endlos erscheinende Jahre Gefangene der Geschichte, Gefangene der Kolonialisierung, dann der arabischen Diktaturen und der westlichen Politik, Gefangene des Israel-Palästina-Dramas, Gefangene im eigenen Land, Gefangene im Nicht-auf-sich-stolz-Sein.“ Heutzutage dächten viele, es sei möglich, sich von all diesen Gefängnissen zu befreien – das sei natürlich eine Illusion. „Illusionen können die Menschen ändern“, so Khider. „Das tut die Liebe, und genauso tut das auch die Revolution. Der Arabische Frühling hat es geschafft, die Menschen zu ändern. Sie träumen endlich von einer besseren Zukunft. Vor 2011 war das unvorstellbar für uns alle. Und jetzt, nach der Befreiung von der Diktatur, ist es sogar möglich von einer kulturellen Revolution zu träumen. Ich träume davon. Auch das ist jetzt eine reale Möglichkeit.“ Nicht allein deswegen, aber auch aufgrund dieses entschlossenen Optimismus ist Abbas Khider eine Ausnahmeerscheinung und Bereicherung der deutschen Literaturlandschaft.

Lewis Gropp
arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Übersetzer in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

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