Migrationsgeschichte(n)

„Stets doppelte Leistung bringen“ – Interview mit Martin Hyun

Martin Hyun; Foto: Felix Park, © privat Martin Hyun; Foto: Felix Park, © privat „Lautlos – ja, sprachlos – nein“ lautet der Titel eines ebenso anrührenden wie informativen Buches über die Integrationsgeschichte der koreanischen Gastarbeiter in Deutschland. Es handelt sich um das viel gelobte Erstlingswerk von Martin Hyun. Ein Gespräch mit dem dreißigjährigen Einwanderersohn, der den wegen ihrer Unauffälligkeit gern übersehenen Grenzgängern zwischen Korea und Deutschland erstmals eine Stimme verliehen hat.

Herr Hyun, Sie gelten als Beispiel dafür, dass in Deutschland Migrantenkinder doch nicht so chancenlos sind: Ihre Karriere als Profi in der Deutschen Eishockeyliga, Ihre akademische Bildung und nicht zuletzt Ihr ehrenamtliches soziales und politisches Engagement. Würden Sie sich als Vorbild sehen?

Dafür war mein bisheriges Leben zu unbedeutend und mein gesellschaftlicher Beitrag zu gering. Wahr ist aber, dass mir nicht so leicht die Türen geöffnet wurden, weder im Sport, noch bei meiner Ausbildung. Stets musste ich doppelte Leistung bringen, um zu bestehen. Dass ich nicht auf der Strecke geblieben bin, verdanke ich meinen Eltern, die ihr letztes Hemd für meine Karriere gegeben hätten. Und der Universität St. Michael’s in Vermont, die mir ein Teilstipendium gewährte, obwohl ich nicht amerikanischer Staatsbürger bin.

Zu Ende bringen, was man anfängt

Cover von „Lautlos – ja, sprachlos – nein“; © EB-Verlag Hamburg Mein Vater hat mich früh gelehrt, zu Ende zu bringen, was man anfängt. Und auch die Bereitschaft zum sozialen Engagement für diejenigen, denen es nicht so gut geht, haben mir meine Eltern beigebracht. So habe ich beispielsweise in meiner Heimatstadt Krefeld mit Freunden ein Mentoring-Projekt ins Leben gerufen, das Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten Perspektiven aufzeigen soll. Denn Deutschland ist noch immer weit entfernt davon, der wachsenden Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund ausreichend Chancen zu bieten.

Die koreanische Gemeinde in Deutschland gilt als Muster für eine gelungene Integration. Woran liegt das?

Das stimmt nur bedingt. Etwa wenn es um Sprachkompetenz, Bildung und Qualifikation geht: Viele Junge haben auch den deutschen Pass. Aber das macht sie noch lange nicht zu anerkannten Deutschen. Die äußerlichen Merkmale der Herkunft lassen sich bei Asiaten nicht so leicht wegwischen. Ihre überdurchschnittliche Integration wird Studien zufolge auf angeblich rege Kontakte mit einheimischen Deutschen zurückgeführt. Worunter freilich auch die Beziehungen vieler asiatischer Frauen mit deutschen Männern fallen.

Ich denke, dass man von erfolgreicher Integration erst bei rundum freiem Zugang zu allen Bereichen der Gesellschaft sprechen kann. Einschließlich Politik und Wirtschaft, und damit meine ich auch die Spitzen der Parteien und DAX-Unternehmen. Vielleicht wird ja auch endlich ein Ministerium für Integration geschaffen und hoffentlich mit qualifizierten Mitarbeitern mit Migrationshintergrund. Denn bis jetzt ist gerade dort, wo Integration am heftigsten gefordert wird, von der propagierten Vielfalt am allerwenigsten zu spüren.

Können sie einmal Hintergründe und Umstände der weitgehend unbekannten koreanischen Migration nach Deutschland skizzieren. Was hat beispielsweise Ihre Eltern hierher geführt?

Korea war nach Jahrzehnten japanischer Besatzung und infolge des Korea-Kriegs verarmt und politisch instabil. Auf der Suche nach Gastarbeitern für Krankenhäuser und den Kohlebergbau schloss Deutschland zur Zeit der Militärdiktatur von Park Chung-hee einen Anwerbevertrag mit Südkorea, der von 1963 bis 1977 rund 20.000 Arbeitsemigranten anlockte, darunter auch viele arbeitslose Akademiker. Meinem Vater blieb nach dem Tod seines Vaters im Krieg ein Studium aus Geldmangel verwehrt. So folgte er nach seinem Ausscheiden aus der Armee dem Aufruf zur Arbeit im Bergbau nach Deutschland. Der Vater meiner Mutter wurde im Krieg von den Nordkoreanern, die den Süden seiner Intelligenz berauben wollten, auf Nimmerwiedersehen deportiert. Und so führte das konfuzianische Verantwortungsgefühl zur Unterstützung der Familie meine Mutter als Krankenschwester nach Deutschland, wo sie dann meinen Vater kennenlernte.

Pflegen Sie selbst eigentlich Verbindungen ins Heimatland Ihrer Eltern?

Seit 2002 fliege ich regelmäßig dort hin, wo der Rest der Familie lebt. Irgendwie brauche ich die Hektik, den Lärm und den Smog Seouls, um meine Batterien wieder aufzuladen. Nach meiner Zeit als Profisportler habe ich sogar ein Jahr lang dort gelebt. Ich war Visiting Fellow im koreanischen Parlament und habe im Gesundheitsministerium gearbeitet. Und die Freundschaften von damals müssen gepflegt werden.

Gängige Stereotypen

Haben Asiaten wie die Koreaner hierzulande unter speziellen Ressentiments zu leiden, und haben Sie persönlich schon schlechte Erfahrungen machen müssen?

Martin Hyun mit seinem Freund und Co-Autor Wladimir Kaminer; © privat Bis auf die gängigen Stereotypen kaum. Abgesehen davon, dass bei Bewerbungen für öffentliche Ämter schon mal meine Loyalität zu Deutschland infrage gestellt und mögliche Interessenkonflikte thematisiert wurden. Ich spiele dabei auf meine Vorstellungsgespräche für einen UN-Posten für Sport und Entwicklung und für den Deutschen Olympischen Sportbund an. Aber Erfahrungen wie in Rostock, wo unter Beifall ein vietnamesisches Flüchtlingsheim niedergebrannt wurde, blieben mir erspart. Dennoch arbeiten vor allem hoch qualifizierte Deutsch-Koreaner hierzulande nicht umsonst entweder für koreanische Unternehmen oder wandern nach Korea aus. Sie haben gar keine andere Wahl.

Was hat Sie eigentlich dazu bewogen, Ihr Buch zu schreiben?

Ich wollte in erster Linie den Deutsch-Koreanern die ihnen gebührende Aufmerksamkeit verschaffen. Bezeichnenderweise war erst Druck nötig, damit auch Koreaner zur Teilnahme am dritten Integrationsgipfel eingeladen wurden, nachdem man sie zuvor zweimal schlicht vergessen hatte. Ansonsten wollte ich zeigen, dass Integration Aufopferungsbereitschaft erfordert und dass es auch Deutsch-Koreaner gibt, die in diesem Land Verantwortung übernehmen und mitgestalten wollen. Zurzeit arbeite ich übrigens an meinem zweiten Buch. Es soll den bezeichnenden Titel Machtlos – ja, Wahllos – nein tragen.

Martin Jong-Bum Hyun, Jahrgang 1979, studierte nach einer Profikarriere in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) Politische Wissenschaften in den USA und Belgien. Neben seiner Promotion zum Thema Arbeitsmigration engagiert er sich für zahlreiche Migrantenorganisationen und -projekte, u. a. den Europäischen Interkulturellen Dialog, das Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung für Führungskräfte aus Migrantenselbstorganisationen oder das Forum Demographischer Wandel des Bundespräsidenten.
Roland Detsch
stellte die Fragen. Er arbeitet als freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

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September 2009

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