Migrationsgeschichte(n)

50 Jahre Griechen in Deutschland – eine Erfolgsgeschichte

© Ewe Degiampietro - Fotolia.com© Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Sammlung KilianEin halbes Jahrhundert nach dem bilateralen Abkommen mit Athen zur Anwerbung von griechischen „Gastarbeitern“ für Industrie und Handwerk haben sich viele von ihnen eine dauerhafte Existenz in ihrer Wahlheimat aufgebaut.

Sie zählen zu den am besten integrierten Nationalitäten in Deutschland. Ihre Kinder und Kindeskinder, von denen nicht wenige einen deutschen Partner fürs Leben gefunden haben, zeichnen sich durch eine relativ gute Schulbildung aus, bekleiden hierzulande auch leitende Posten und sind aus vielen Bereichen von Kunst und Kultur nicht mehr wegzudenken.

„Wir haben nicht nach der Qualität der Arbeit gefragt, ob schwer oder leicht, das war für uns unwichtig. Hauptsache Arbeit, um zu überleben und um der Familie ein bisschen Geld zu schicken, damit sie auch ein bisschen besser leben können“, so beschreibt Costas Alexandridis im Migration-Audio-Archiv seine Motivation, als junger Mann seinem Bruder nach Deutschland nachzufolgen. Das war 1961, im Jahr nach der Unterzeichnung eines Anwerbeabkommens – dem dritten seiner Art –, das Deutschland während des Wirtschaftswunders zur Deckung seines Arbeitskräftebedarfs mit der Regierung von Griechenland geschlossen hatte, und das am 30. März 2010 sein 50. Jubiläum feierte.

Jeder Zehnte ging

© D. Ott - Fotolia.comBereits am zweiten Tag nach der Vertragsunterzeichnung öffnete in Athen mit der Germaniken Epitropin en Elladi (Deutsche Kommission in Griechenland) eine eigens eingerichtete Außenstelle der Bundesanstalt für Arbeit. Um den ungeheuren Ansturm bewältigen zu können, mussten bereits im Folgejahr weitere Niederlassungen in Saloniki und den anderen Hauptstädten der Nordprovinzen eingerichtet werden. Die bäuerlichen Regionen von Epirus, Mazedonien und Thrakien hatten nicht nur besonders stark unter den Folgen des Weltkriegs und des Bürgerkrieges zu leiden gehabt, sie galten seit der Krise der Tabakindustrie als die Armenhäuser Griechenlands und hatten in dieser Zeit besonders unter Arbeitslosigkeit zu leiden. Während Männer in der Regel erst im Alter von 25 bis 34 Jahren auswanderten, machten sich die Frauen, die in der ersten Welle einen Anteil von bis zu 58 Prozent hatten, im Durchschnitt bereits zehn Jahre jünger auf den Weg.

Doch nicht alle, die ihr Glück in Deutschland suchen wollten, wurden mit offenen Armen empfangen. Als Hindernis erwies sich für viele bereits der mit dem obligatorischen Erwerb der „prassini karta“ (grüne Karte) verbundene Gesundheitscheck. Vom Leistenbruch bis zur überstandenen TBC sollte er allen Gebrechen und Krankheiten auf die Spur kommen, die die Bewerber untauglich machen konnten für die schwere körperliche Arbeit, die sie am Fließband, am Hochofen oder am Bau erwartete. Mangelnde Fach- oder Sprachkenntnisse spielten dagegen keine Rolle. Schätzungsweise eine Million Menschen und damit fast jeder zehnte Grieche trat auf diese Weise im Laufe der Zeit die Reise ins Ungewisse an, in ein Land, mit dessen Bewohnern sie nie oder – wenn überhaupt jemals – als Kinder Erfahrungen gemacht hatten, als die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg als Besatzer in Griechenland stand.

Verwaiste Dörfer

© Colourbox.comBis zum allgemeinen Anwerbestopp im Jahr 1973 hat die Deutsche Kommission in Griechenland 382.000 Arbeitsverhältnisse vermittelt; Höhepunkt war das Jahr 1970 mit 50.000. Hinzu kamen 60.000, die sich die notwendigen Papiere über Botschaft und Konsulate besorgten sowie eine hohe Dunkelziffer von Illegalen, die sich auf gut Glück auf die Reise machten. Zu ihnen gehörte auch Costas Alexandridis, der sich unterwegs mit seinen Freunden mangels Arbeitsvertrag als Student tarnte. „Wir hatten Illustrierte und Zeitungen, die waren in englischer Sprache. Wir konnten kein Englisch, aber wir haben so getan, als würden wir Englisch lernen.“

Die griechische Arbeitsmigration war stark von ethnischem Zusammenhalt und „Kettenwanderung“ geprägt. Es war keine Seltenheit, dass die Zuwanderer ganzer Städte in Deutschland aus einer Gegend stammten. Es gab Dörfer in Griechenland, die die Hälfte ihrer Bevölkerung einbüßten. Zurück blieb nur, wer zu alt und krank oder aber zu jung war, um in der Fremde zu arbeiten. „Viele Familien sind zerstört“, klagte 1971 der Gemeindevorsteher Savas Deligiannidis in einer Reportage im Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Die griechische Zeitung To Vima verglich die Folgen des Massenexodus mit den schlimmsten Übeln des Krieges: „Ganze Dörfer sind verödet, Anbauflächen liegen brach, Quellen des Reichtums bleiben ungenutzt.“

Überdurchschnittlich gut integriert

Griechischer Lebensmittelmarkt in Deutschland in den 1970er Jahren; © Bernadino Di Croce - Verein Migration und Integration e.V.Den Problemen, vor die die Auszehrung des Arbeitsmarktes die heimische Industrie stellte, versuchte das Obristenregime in Athen, das sich 1967 an die Macht geputscht hatte, mit einer rigiden Abwanderkontrolle beizukommen. Zeitweise bekamen nur noch Frauen und Landarbeiter Ausreisegenehmigungen. An Rückkehrern waren die bis 1974 regierenden Militärmachthaber dagegen weniger interessiert. Nicht nur, weil sich Deutschland in dieser Zeit zu einem Zentrum für politische Exilanten und Regimegegner entwickelt hatte, sondern auch, weil man auf den Devisenstrom dringend angewiesen war, der den Familien in der Heimat permanent zufloss.

Heute stellen Griechischstämmige mit 354.000 die viertgrößte Migrantengruppe in Deutschland. Mit durchschnittlich 20 Jahren Verweildauer sind sie im internationalen Vergleich sogar Spitzenreiter. Ein Drittel lebt in Nordrhein-Westfalen, über 107.000 sind in Baden-Württemberg beheimatet, etwa 80.000 in Bayern. Trotz der hervorragenden Integration auch ihrer Nachkommen versucht vor allem die ältere Generation – 45.000 der in Deutschland lebenden Griechen sind über 60 Jahre alt – an den Werten festzuhalten, die sie einst aus der alten Heimat mitgebracht hat. Dies spiegelt sich in einem lebendigen Kirchen-, Sport- und Kulturvereinswesen. Bundesweit existieren 144 griechische Gemeinden mit 60.000 Mitgliedern. Sie sind Relikte aus einer Zeit, als sich heimwehkranke griechische Gastarbeiter mangels Geld und Alternativen in ihrer Freizeit auf den Bahnhöfen trafen, um in nostalgischen Erinnerungen zu schwelgen und wehmütig den Zügen in die Heimat hinterherzuschauen.

Roland Detsch
arbeitet als freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2010

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