Migrationspolitik

Diskriminierung von Minderheiten – „Europa müsste riesige Programme initiieren“

Tilman Zülch; © Katja Wolff/GfbVD


Tilman Zülch, Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker, über die Situation von Minderheiten in Deutschland und die Debatte über Zuwanderung aus Südosteuropa.

Herr Zülch, Sie haben 1970 die Gesellschaft für bedrohte Völker mitgegründet. Woher kommt Ihr Interesse für Minderheiten?

Als ich fünf Jahre alt war, wurde meine Familie aus Ostpreußen vertrieben. Wir waren neun Frauen und Kinder und ein 74-jähriger Russlanddeutscher, der uns geführt hat. 650 Kilometer, zwanzig Grad minus, ein Meter Schnee. Wir landeten in einem Dorf in Holstein, in dem mehr als zwei Drittel der Menschen gerade neu angekommen waren: Schlesier, Ostpreußen, Sudetendeutsche. Diese Erfahrung hat mich geprägt. Dazu kamen die sehr frühe Beschäftigung mit den Naziverbrechen und dem Völkermord an den Juden.

Welche Völker sind heute in Europa bedroht und wie kann ihnen die Gesellschaft für bedrohte Völker helfen?

Wir müssen drei Arten der Bedrohung und Diskriminierung unterscheiden. Die erste Form besteht zum Beispiel darin, dass man ethnischen Minderheiten die Staatssprache aufzwingt. In Europa engagiert sich dagegen die Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen (FUEV), die Dachvereinigung von Organisationen nationaler Minderheiten. Gemeinsam haben wir uns etwa mit der Landesregierung von Schleswig-Holstein auseinandergesetzt und erreicht, dass die dort lebenden Dänen, Sinti und Nordfriesen als Minderheiten in die schleswig-holsteinische Verfassung aufgenommen werden. Zweitens engagieren wir uns für religiös verfolgte Gruppen. In Deutschland sind das etwa die Jesiden, eine religiöse Minderheit bei den Kurden, die in Niedersachsen und Westfalen leben und auf viel Unverständnis stoßen. Auch bei dieser Art der Benachteiligung handelt es sich um eine weichere Form, die sich mit der Diskriminierung der nationalen Minderheiten vergleichen lässt.

Und die dritte Stufe?

Das ist die brutale Form: Massenmorde und Vergewaltigungen bis hin zum Völkermord. Wir haben lange gedacht, dass das in Europa nicht mehr passieren würde, aber wir haben uns geirrt – ich erinnere an Bosnien.

Problem Zwangsprostitution

Mit welchen konkreten Problemen haben Minderheiten in Europa heute zu kämpfen?

Wir haben eine Studie in Auftrag gegeben, die die Situation der Frauen in deutschen Bordellen untersucht hat. Nach diesen Recherchen, aber auch nach Aussagen von Kriminalbeamten, gehören die Frauen häufig Minderheiten an, viele Schwarzafrikanerinnen, Bosnierinnen und Roma zählen dazu. Die Hälfte von ihnen sind Zwangsprostituierte.

Sind diese Frauen besonders bedroht, weil sie einer Minderheit angehören?

Ja, weil sie als Angehörige einer Minderheit unter besonders schwierigen sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen leben. Niemand kann kontrollieren, ob das Mädchen, das ins Bordell geschickt wird, schon volljährig. Wenn diese Frauen versuchen zu flüchten, werden sie häufig in ihre Heimatländer abgeschoben. Dort kommen sie traumatisiert, körperlich kaputt und ärmer als zuvor wieder an.

Europäischer Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma

Sie haben den Europäischen Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma 2014 erhalten. Die Gesellschaft für bedrohte Völker hat sich in den 1970er- und 1980er-Jahren dafür eingesetzt, dass der Völkermord der Nationalsozialisten an Sinti und Roma anerkannt wurde. Ein Denkmal in Berlin haben diese Volksgruppen erst 2012 bekommen. Warum hat das so lange gedauert?

Auch nach dem Ende Krieges blieben die Ressentiments gegen die sogenannten „Zigeuner“ bestehen. Doch sie sind in den Konzentrationslagern gewesen, sie sind missbraucht und ermordet worden. Als wir in den 1970er-Jahren auf ihr Schicksal aufmerksam wurden, haben wir eine große Veranstaltung organisiert, Medien von den USA bis Japan haben berichtet – und Bundeskanzler Helmut Schmidt hat die nationalsozialistischen Verbrechen an den Sinti und Roma schließlich öffentlich als Völkermord anerkannt.

Was hat sich seitdem verändert?

Der Name „Sinti und Roma“ anstelle diskriminierender Zuschreibungen hat sich durchgesetzt und die Sinti konnten ihre Verfolgungsrenten beanspruchen. Tausende deutsche Sinti erhielten ihre deutsche Staatsbürgerschaft zurück, die die Nationalsozialisten ihnen genommen hatten.

Vor allem die Roma werden in vielen europäischen Ländern immer noch diskriminiert, auch in Deutschland gibt es eine – mitunter populistisch geführte – Debatte über die verstärkte Zuwanderung aus Südosteuropa.

Man kann die Situation der Roma mit der der Afroamerikaner vor Martin Luther King vergleichen. Roma werden hin und her geschoben, das ist schrecklich und traurig. Europa müsste riesige Programme initiieren, um etwas gegen die Diskriminierung zu tun – und diese Programme intensiv kontrollieren, wenn sie von den Regierungen der jeweiligen Länder ausgeführt werden sollen. Am besten wäre ein Programm von jungen Europäern gemeinsam mit jungen Roma.
Steffi Unsleber
ist Redakteurin bei der „tageszeitung“ (taz) und hat mehrfach über die Situation von Roma in Südosteuropa und in Deutschland berichtet.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
August 2014

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