Migrationspolitik

Migration und Klimawandel

„Überleben ist nicht verhandelbar!“ Klimaflüchtlingscamp Hermann Josef Hack 28.10.2009 in Berlin; © Mike Auerbach - Oxfam„Überleben ist nicht verhandelbar!“ Klimaflüchtlingscamp Hermann Josef Hack 28.10.2009 in Berlin; © Mike Auerbach - OxfamNoch campieren keine Klimaflüchtlinge in Deutschland. Aber es könnte bald soweit sein. Von Unwettern, Bodenversalzung, Erosion und Dürren zur Landflucht gezwungen, schaffen es die meisten zwar höchstens in die Slums ihrer heimatlichen Großstädte. Doch von dort dürften nicht wenige zur Existenzsicherung ihrer Familien als Arbeitsmigranten nach Europa aufbrechen.

Menschenauflauf am Brandenburger Tor im Herzen Berlins. Von heute auf morgen drängen sich dort am 28. Oktober die 2009 Behelfsunterkünfte eines „Klimaflüchtlingslagers“. Das gleiche Bild in den Zentren anderer europäischer Metropolen: auf der Londoner Millennium Bridge zwischen der Tate Modern und der St. Paul’s Cathedral, auf der Plaza de España in Madrid, dem Albertinaplein in Brüssel und in der Innenstadt von Dublin. „Gerechter Klimaschutz, Frau Merkel! Überleben ist nicht verhandelbar“, prangt ein Transparent vor dem Kanzleramt, einen Tag vor der EU-Ratsversammlung zur Abstimmung der europäischen Marschrichtung auf dem UN-Weltklimagipfel in Kopenhagen. Hinter der Aktion steckt die Hilfsorganisation Oxfam, die auf das Elend von 26 Millionen Menschen aufmerksam machen will, die ihre Heimat bereits verlassen mussten, weil der Klimawandel ihre Lebensgrundlagen zerstört hat.

Installation mit ernster Botschaft

Klimaflüchtlingscamp Hermann Josef Hack 28.10.2009 in Berlin; © Mike Auerbach – OxfamDoch im Gegensatz zu den realen Flüchtlingslagern in Asien und Afrika handelt es sich hier nur um eine Installation des Künstlers Hermann Josef Hack. So lustig die bunten Miniaturzelte im Schuhschachtelformat auch wirken, mit denen er unermüdlich durch die Städte tourt, seine Botschaft ist es nicht: „Es kann nicht sein, dass Menschen an Europas Grenzen wie feindliche Eindringlinge abgewehrt werden, statt den Grund ihre Flucht zu bekämpfen: den von uns verursachten Klimawandel.“

Während die EU lediglich einen zusätzlichen jährlichen Finanzbedarf von 22 bzw. 50 Milliarden Euro zum Schutz des Klimas und zur Bewältigung der wandelbedingten Schäden in den Entwicklungsländern angepeilt habe – wovon diese einen Großteil selbst aufzubringen hätten –, wären nach Berechnungen von Oxfam mindestens 40 bzw. 70 Milliarden allein von Seiten der Industrieländer realistisch. Grundsätzlich spiegelt Migration das Bedürfnis der Menschen wider, ihre Existenzgrundlage zu verbessern, heißt es im UNDP Human Development Report 2009, der am 5. Oktober in Berlin vorgestellt wurde. Angefangen beim Hirtennomaden auf der Suche nach Weideland bis hin zu den Opfern des Tsunami im Indischen Ozean oder von Hurrikan Katrina kämen dabei auch Umwelteinflüsse als Ursachen in Frage.

Völkerwanderungen prophezeit

Klimaflüchtlingscamp 28.10.2009 Berlin; © Mike Auerbach – OxfamAls Nicholas Stern vom Grantham Research Institute on Climate Change and Environment an der London School of Economics (LSE) vor drei Jahren „Völkerwanderungen ungeahnten Ausmaßes“ prophezeite, galt er vielen noch als Alarmist. „In Darfur machen sich die Menschen bereits auf den Weg“, hieß es im Stern-Report. „Dürren verwüsten dort das Land, der Konflikt um Wasser führt bereits zu ernsten Auseinandersetzungen. Wir sehen das schon bei einem Anstieg von nur 0,8 Grad. Was werden zwei Grad bedeuten? Große Teile von Südeuropa werden zur Wüste werden. Andere Landstriche werden unter Wasser stehen. Wieder andere werden von gewaltigen Stürmen mit solcher Häufigkeit getroffen, dass sie fast unbewohnbar werden. Die Folge ist, dass hunderte Millionen von Menschen ihre Heimat verlassen, um eine neue zu suchen.“

Unterdessen schreitet die Entwicklung fort. Nicht zuletzt aufgrund anthropogener Veränderungen des regionalen wie globalen Klimas ist nach Angaben des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ein jährlicher Verlust von 150 Millionen Hektar Weide- und Ackerlandland zu beklagen. Nach Oxfam-Berechnungen werden schon bis 2015 rund 375 Millionen Menschen unter den katastrophalen Folgen der Erderwärmung zu leiden haben. Die Schätzungen der Zahl von Klimaflüchtlingen bis zum Jahr 2050 variieren von 200 Millionen – laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) – bis zu einer Milliarde.

Neue Studie belegt Klimaflucht

Klimaflüchtlingscamp Hermann Josef Hack 28.10.2009 in Berlin; © Mike Auerbach – OxfamEine Entwicklung, die aufgrund der klaren begrifflichen Trennung von Flucht und Migration sogar die Völkerrechtler vor Probleme stellt. Handelt es sich nun um Umweltflüchtlinge, um Umweltmigranten oder möglicherweise künftig um „Klimigranten“? „Der sozusagen idealtypische Umweltflüchtling ist möglicherweise gar nicht so häufig, weil es meistens eine Mischung von Abwanderungsmotiven gibt“, so der Politikwissenschaftler Manfred Wöhlcke. „Solange es an hinreichend vielen und methodisch einwandfreien Studien über Umweltmigration mangelt, lässt sich nicht genau feststellen, wie oft und welche Rolle ökologische Motive beim globalen Wanderungsgeschehen spielen. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass solche Motive häufig und von ganz erheblicher Bedeutung sind.“

Für mehr Klarheit könnte eine Studie sorgen, die am 10. Juni 2009 in Bonn vorgestellt wurde. Sie belegt erstmals nachweisbare Auswirkungen des Klimawandels auf die Migration. Erarbeitet wurde sie unter anderen von CARE International, dem Institute for Environment and Human Security der United Nations University (UNU-EHS) und dem International Earth Science Information Network (CIESIN) der Columbia University. Die Studie mit dem Titel „Obdach gesucht. Auswirkungen des Klimawandels auf Migration und Vertreibung“ basiert in Teilen auf dem Environmental Change and Forced Migration Scenarios (EACH-FOR), einem kürzlich abgeschlossenen Forschungsprojekt der Europäischen Kommission. Neben Politikempfehlungen sowie Analysen der Gefahren und Lösungswege enthält sie Landkarten, die den Konnex von Klimawandel und regionaler Bevölkerungsverteilung unübersehbar machen. Mit Blick auf den Weltklimagipfel wurde sie vorab den Verhandlungsparteien der UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) als Diskussionsgrundlage zugeleitet.

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2009

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