Migrationspolitik

Wettrennen um Migranten

Deutschland steuert auf einen wachsenden Facharbeitermangel zu  Foto: Jacob Wackerhausen © iStockphotoDeutschland steuert auf einen wachsenden Facharbeitermangel zu. Foto: Jacob Wackerhausen © iStockphotoDie Einwohnerzahl Deutschlands schrumpft. Viele Strukturen lassen sich aber nur erhalten, wenn genügend Menschen sie nutzen. Was können die Deutschen tun, um für die Wirtschaft wichtige, gebildete Migranten anzulocken?

Der Weg zur Altenrepublik ist kurz. Der Wert von 1,4 Kindern pro Paar in Deutschland wird noch unterschritten, während etwa die Skandinavier auf 1,8 bis 2 Kinder kommen. Deutschland erlebt seit einigen Jahren zudem eine Abwanderung von jährlich etwa 600.000 meist jungen Menschen in Richtung Schweiz, Österreich oder USA. Die Folgen eines weiteren Abzuges lassen sich heute schon in einzelnen Gebieten wie der Prignitz in Brandenburg oder der Lausitz in Sachsen ablesen: Busse und Bahnen werden kaum noch genutzt, Kläranlagen, Stromversorger, Schulen und Krankenhäuser lassen sich kaum noch mit vertretbarem Aufwand in Betrieb halten. Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, bringt es auf den Punkt: „Deutschland muss offensiv gebildete Migranten anwerben und vor allem die Abwanderung von Deutschen stoppen.“

Deutschland braucht Migranten

Die Situation ist grotesk: Der einstige Exportweltmeister Deutschland steuert auf einen wachsenden Facharbeitermangel zu. Gleichzeitig leben hier rund 1,5 Millionen Migranten, die Sozialhilfe nach Hartz IV beziehen. 28 Prozent von ihnen sind nach einer Studie des „Duisburger Instituts Arbeit und Qualifikation“ hoch gebildet. Ihre Abschlüsse werden jedoch nicht anerkannt. Diese 420.000 Menschen könnten einen Teil der gesuchten Facharbeiterplätze besetzen. Klingholz stellt auch klar: „Ein arbeitsloser Bergarbeiter aus dem Saarland kann nicht den dringend gesuchten Ingenieur bei Airbus in Hamburg ersetzen.“

„Wir müssen Willkommenssignale setzen.“ Foto: Jacob Wackerhausen © iStockphoto„Wir müssen Willkommenssignale setzen“, fordert Prof. Michael Hüther, Leiter des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Jährlich bräuchte Deutschland 400.000 Zuwanderer, allein um den Bevölkerungsschwund auszugleichen. Der Migrationsforscher Klaus Jürgen Bade beklagt, dass immer mehr junge, gut ausgebildete Deutsch-Türken in die Türkei ziehen.

Städte untereinander im Wettstreit

Nun sind die deutschen Städte gefragt. Sie wollen zeigen, dass junge Familien hier gut leben. Rund 15 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln leben in Deutschland. Die heutigen Migrantenhauptstädte sind Frankfurt (38 Prozent der Bevölkerung sind Migranten), Stuttgart (36 Prozent Migranten), München (31 Prozent Migranten), Hannover (29 Prozent Migranten) und Berlin (22 Prozent Migranten).

Das Städterennen um Migranten ist eröffnet. Die Imagefabriken der Städte produzieren Bilder, die Ausländern imponieren sollen. Die Studie „Ungenutzte Potenziale“ vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sieht die Integration in die deutsche Gesellschaft als vorrangig an. Regional gesehen verläuft die Integration dort besser, wo der Arbeitsmarkt möglichst viele Menschen aufnehmen kann. Umgekehrt stößt sie auf Probleme, wo viele gering qualifizierte Personen mit Migrationshintergrund leben. Auf Bundesländer bezogen weisen daher Hessen und Hamburg relativ gute Integrationswerte auf, besonders schlechte dagegen das Saarland. Bei den Städten fallen München, Frankfurt, Bonn und Düsseldorf positiv auf, während die Bedingungen für Zugezogene in Ruhrgebietsstädten wie Duisburg oder Dortmund sowie in Nürnberg am schlechtesten sind.

Was tun die Städte im Einzelnen?

Frankfurt feilt an einem Integrationskonzept. Foto: © Stadt Frankfurt am MainFrankfurt feilt an einem Integrationskonzept. „Vielfalt bewegt Frankfurt“ heißt die Botschaft. Die Mischung von Ausländern ist groß und vielfältig, sie sind meist gut integriert. Die Stadt gilt als international, schon wegen des größten deutschen Flughafens und der Skyline. Dazu bietet sie viel Grün in der Stadt und der Umgebung, ein Argument für Familien.

Stuttgart will mit Projekten zum Klimaschutz punkten, belebt Jugendwerkstätten, versucht, die Möglichkeiten der Autoindustrie zu nutzen. Die dort wohnenden Migranten kommen vornehmlich aus dem früheren Ostblock, aus dem ehemaligen Jugoslawien sowie aus Südeuropa. Betont wird dort seit neuestem die Kreativwirtschaft, wo junge Ausländer mit ungewöhnlichen Ideen gesucht werden.

München lockt mit seinem hohen Freizeitwert. Die Mehrzahl dort lebender Migranten kommt aus der Europäischen Union und gilt in der Stadt als gut integriert. Um zumindest Schneisen in den Bürokratendschungel zu treiben, bietet die Stadt eine Anlaufstelle für neue Unternehmen an. Wer sich ansiedelt, wird durch alle Höhen und Tiefen der Stadtverwaltung gelotst. Für kreative Ausländer ein Plus.

Hannover setzt auf ein Image als Gartenregion mit hohem Freizeitwert. Es präsentiert sich als Wissenschaftsstandort mit der weltbekannten Medizinischen und der Tierärztlichen Hochschule sowie dem Hirnforschungszentrum INI. Preisgünstige Wohn- und Lebenshaltungskosten bei relativ gutem Verdienst sind weitere Argumente. Der niedersächsische Innenminister versucht, mehr Migranten in den Polizeidienst zu locken und verspricht Anreize.

Das Städterennen um Migranten ist eröffnet. Foto: Vincent Voigt © iStockphotoAuch Berlin möchte mehr Ausländer in den Staatsdienst integrieren. Menschen mit türkischen Wurzeln und frühere Aussiedler aus dem Ostblock führen das Zuwanderergemisch an. Was lockt, ist die Großstadtatmosphäre, der Regierungssitz, die vielen Freizeit-, Kultur- und Sprachmöglichkeiten. Die gezielte Steuerung der Einwanderer und ihre Integration ist ein großes Ziel, wie die BerlinStudie verrät. Die deutsche Hauptstadt versteht sich hier als „lernende Region für permanente Innovation“ und als Scharnier zwischen Ost und West. Doch das sind Ziele, nicht die Wirklichkeit. Die Autoren der BerlinStudie fordern deshalb: „Die Stadt muss internationaler werden.“

Literatur:

Heike Pethe:
Internationale Migration hoch qualifizierter Arbeitskräfte. Eine Greencard-Regelung in Deutschland (Verlag Gabler, Oktober 2006)

Christina Boswell und Thomas Straubhaar:
Braucht Deutschland die Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland? (Berlin 2005)

Eleonore Kofman und Parvati Raghuram:
Arbeitsmigration qualifizierter Frauen (Berlin 2009)

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge:
Migrationsbericht 2005 (Berlin 2006)

Knut Diers
hat in Gießen Geographie und Volkswirtschaft studiert, war 20 Jahre Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und ist jetzt mit dem Redaktionsbüro Buenos Diers Media selbstständig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010

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