Migrationspolitik

Nächster Halt Huelva – illegale Einwanderer haben es in Europa nicht leicht

Foto: Veronica FrenzelFoto: Veronica FrenzelDie Wirtschaftskrise trifft die illegalen Immigranten in Europa mit voller Härte. In Spanien, wohin es vor allem afrikanische Einwanderer zieht, sind nach dem Ende des Baubooms viele Einheimische auf den Acker zurückgekehrt. Für Migranten ohne Papiere ist da kein Platz mehr.

Es ist tiefe Nacht, als Ibrahim D. (31; Name von der Redaktion geändert) aus seinem Schlafsack kriecht; wie jeden Morgen seit mehr als 360 Tagen. Einen Wecker braucht der aus dem Senegal stammende „Illegale“ nicht, auch wenn es erst fünf Uhr ist. Frühmorgens, sagt er, wecken ihn die Gedanken an seine Frau und seine Kinder, die zu Hause auf ein besseres Leben warten. Ibrahim schiebt behutsam einen Karton beiseite; der ihm als Tür für die Hütte dient, die er aus ausgedienten Plastikplanen der Gewächshäuser und aus Obstkisten gebaut hat. Neben ihm schlafen fünf andere Senegalesen auf Holzkisten.

Ibrahim ist einer der afrikanischen Glücksritter, die sich in Europa ein bisschen Wohlstand holen wollen. Gerade sucht er ihn auf den südspanischen Erdbeerfeldern. Im Lager, wo er mit 60 anderen Erntehelfern am Rand eines kleinen Industriegebiets bei Huelva gleich neben den Feldern lebt, ist es auch jetzt um fünf Uhr morgens schon beinahe taghell: Die Scheinwerfer auf dem Fabrikgelände gegenüber leuchten die ganze Nacht. Rund um die Uhr holen Lastwagen die Erdbeeren, um sie in die Regale der Supermärkte von Frankreich, Deutschland und Holland zu bringen.

„Wie Werkzeuge, die nicht mehr gebraucht werden“

Foto: Veronica Frenzel„Was können wir dafür, dass die Migranten keine Arbeit finden? Wir haben sie nicht gerufen“, sagt Eduardo Domínguez, Arbeitsvermittler vom Bauernverbands COAG in Huelva. „Die Afrikaner sind hier, weil sie in den letzten Jahren bei der Erdbeerernte Arbeit gefunden haben“, weiß Diego Cañamero von der andalusischen Landarbeitergewerkschaft SOC. „Aber dieses Jahr sind die Spanier zurück auf den Feldern, nachdem sie ihre Arbeit auf den Baustellen verloren haben.“ Und er fügt hinzu, die Migranten seien „wie Werkzeuge, die nicht mehr gebraucht werden.“

Ibrahim hatte sich alles so einfach vorgestellt, als er vor mehr als einem Jahr in Dakar aufgebrochen war. Ein paar Jahre wollte er in Spanien arbeiten. Er wollte seiner Familie ein Haus kaufen, irgendwann mal ein Auto, so wie es die anderen getan hatten, die in Europa arbeiteten und Geld schickten. Wieso soll meine Familie nicht auch besser leben? hatte er sich gefragt. Doch seit er in Europa ist, rückt sein Ziel immer weiter in die Ferne. Heute weiß er nicht mal mehr, mit welchem Geld er morgen sein Essen kaufen soll.

Als Ibrahim das Lager hinter sich lässt, ist sein Gang aufrecht, seine Schultern sind gestreckt. Einen Kilometer läuft er auf der staubigen Schotterstraße zum Arbeitsmarkt; eine vielbefahrene Kreuzung. Dort drückt er sich an eine Hauswand, die Hände in den Hosentaschen vergraben, die Augen starr geradeaus gerichtet. Nur wenn ein Lastwagen hält, sucht sein Blick den des Manns am Steuer.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals so leben muss“

Foto: Veronica FrenzelDie Morgensonne taucht die Straßenkreuzung jetzt in ein weiches Licht. Es ist neun Uhr, kein Laster hält mehr. Erst als die Sonne auf die Kreuzung niederbrennt, gibt Ibrahim sich geschlagen. Er hat seine Mission wieder nicht erfüllt. Die Schultern sind eingefallen, die Füße zieht er durch den Staub. Je näher das Lager rückt, um so schlurfender wird sein Gang. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals so leben muss“, sagt er.

Die anderen Senegalesen kauern um die Feuerstelle und blicken in eine verkohlte Pfanne, in der ein paar Eier in Öl schwimmen. Das Frühstück.

Ibrahim bleibt immer am längsten an der Kreuzung stehen. Er kann nicht glauben, dass er es in Europa nicht schaffen soll, wie so viele andere vor ihm, die sich ein eigenes Haus bauten, einen schicken Wagen fahren und ihre Kinder auf die Schule schicken. Dass er seine Arbeit als Matrose in Dakar aufgegeben hat, für einen Traum, der nun nicht Wirklichkeit werden will. Keiner der zurückgekehrten Auswanderer hatte ihm von Plastikhütten und Mülleimern erzählt.

Foto: Veronica FrenzelWieso fährt er nicht nach Hause? Ibrahim blickt auf den Boden. Er hat alles aufgegeben, er hat sich verschuldet, er hat seiner Familie Hoffnung auf ein besseres Leben gemacht. Soll er sie nun enttäuschen und mit leeren Händen zu ihnen zurückkehren?

Am blauen Himmel ziehen Wolken auf. In Sekundenschnelle ist es düster, der Himmel grollt, es riecht nach Regen. Dann fällt das Wasser in Sturzbächen herab. Ibrahim bleibt draußen sitzen, unbeweglich, als würde er den Regen nicht spüren. Erst als sein T-Shirt durchtränkt ist, steht er auf und legt sich in die Hütte, wo die anderen schon auf dem Boden sitzen. Der Regen prasselt auf das Plastik, der Klang vermischt sich mit der scheppernden Melodie aus einem Handy.

Essen aus dem Müll, träumen von zu Hause

Foto: Veronica Frenzel„Wasser“ schreit plötzlich einer. Durch ein Loch in der Plastikplane tropft es auf die Decken, dann prasselt es herein. Von der Hütte gegenüber sieht Ibrahim, wie sein Heim zusammenbricht.

Als es aufhört zu regnen, holt sich Ibrahim einen der Plastikkanister, die auf dem Boden herumliegen, um auf dem Fabrikgelände gegenüber Wasser fürs Abendessen zu holen. Es ist das Gießwasser für die Erdbeeren. Bevor er den Kanister füllt, macht er einen Abstecher zu den Mülltonnen hinterm Supermarkt. Er hat schon lange nichts mehr zu essen ins Lager gebracht, kaufen kann er nichts. Aber im Müll findet Ibrahim heute nur eine Kiste mit halbverfaulten Erdbeeren.

Nach dem Abendessen legt Ibrahim sich in die Hütte, die sie notdürftig repariert haben. Die Matratze ist noch nass. Der Moment vor dem Einschlafen ist für ihn der schönste. „Ich hoffe immer, dass ich von meiner Frau und den Kindern träume“, sagt er. Im Traum ist er bei ihnen im Senegal. Ein eigenes Haus und ein Auto haben sie nicht.

Veronica Frenzel
lebt als freie Autorin in München und im andalusischen Málaga.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2010

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