Bildung und Sprache

Bilinguale Beziehungen: Eine Liebe – viele Sprachen

Welche Konstellationen nutzen bilinguale Paare, um ihre Beziehungen sprachlich zu gestalten? | © Privat

Welche Konstellationen nutzen bilinguale Paare, um ihre Beziehungen sprachlich zu gestalten? Welche Vor- und Nachteile hat es, wenn man sehr persönliche Fragen in einer Fremdsprache erörtern muss? Und wie werden Entscheidungen zur sprachlichen Erziehung von Kindern gefällt? Vier Berliner Paare stellen sich vor.

„Unser Kind soll beide Sprachen lernen“ – Lena aus Deutschland und Denis aus Nicaragua

Lena aus Deutschland und Denis aus Nicaragua | © Privat

Lena und Denis haben sich in Nicaragua kennengelernt und leben jetzt gemeinsam in Berlin. In Nicaragua und in der ersten Zeit in Deutschland sprachen sie vor allem Spanisch, denn seine Deutschkenntnisse reichten für echte Gespräche einfach nicht aus. Komplexe Themen wie die gemeinsamen Zukunftspläne diskutieren die beiden bis heute auf Spanisch. Aber Denis lernt schnell und Deutsch wird in der Beziehung immer wichtiger. Lena genießt es, dass sie ihre Gefühle jetzt in ihrer Muttersprache ausdrücken kann und von Denis verstanden wird. Wenn sie bei Lenas Eltern oder mit deutschsprachigen Freunden unterwegs sind, sprechen sie aus Höflichkeit nur Deutsch. Aber in der U-Bahn und an öffentlichen Orten unterhalten sie sich gerne auch mal in Spanisch über Persönliches – damit sie nicht von allen verstanden werden.

Als unangenehm haben die beiden die Situationen auf Ämtern erlebt, als Denis noch nicht so gut Deutsch konnte: Lena redete häufig für ihn, weil sie das Gefühl hatte, dass das in wichtigen Situationen einen besseren Eindruck macht. Ärgerlich fanden die beiden, dass die Leute dann häufig in seinem Beisein mit ihr über ihn sprachen. Insgesamt finden Lena und Denis ihre Zweisprachigkeit gut. Denis mag Lenas Akzent im Spanischen und als angehender Sprachlehrer erklärt er ihr gerne Grammatik und Aussprache. Jetzt recherchieren Lena und Denis, was man bei einer mehrsprachigen Erziehung beachten sollte, denn Lena ist schwanger und die beiden möchten ihrem Kind von Beginn an möglichst viele Türen öffnen.

„Bloß keine Dialekte in der Sprache des anderen“ – Francesca aus Deutschland/Italien und Rodolfo aus Italien

Francesca aus Deutschland und Italien und Rodolfo aus Italien | © Privat

Francesca lebte als Kind einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters zunächst in Italien und dann in Deutschland. Ihren italienischen Mann lernte sie bei einer Urlaubsreise kennen. Die beiden wohnen jetzt seit Jahrzehnten gemeinsam in Berlin und sprechen untereinander fast nur Italienisch. Ganz selten verwendet Francesca in Gesprächen mit Rodolfo mal ein deutsches Wort, allerdings nur, wenn es ihr schneller einfällt als das italienische Pendant. Aber wenn andere Deutsche dabei sind, sprechen beide aus Höflichkeit Deutsch. Für Francesca war völlig klar, dass ihre Kinder wie sie selbst zweisprachig aufwachsen sollen, deshalb redet Rodolfo Italienisch und Francesca Deutsch mit ihnen. Francesca ist stolz, dass die Kinder heute nicht nur in Italienisch, sondern auch in den anderen Fremdsprachen sehr gute Noten haben.

Beide genießen es, dass alle Familienmitglieder Filme, aber auch Witze oder Sprachspiele sowohl auf Deutsch als auch auf Italienisch verstehen. Nur ganz selten gibt es Konflikte, die mit der Sprache zu tun haben: Einige Deutsche kritisieren, dass Francesca sehr laut und schnell spricht und manchmal auch Silben verschluckt, was sie auf den italienischen Einfluss zurückführt. Einmal im Jahr fährt die Familie zu Rodolfos Familie nach Süditalien, wo Rodolfo mit seinen Verwandten im örtlichen Dialekt spricht. Die Kinder kommen damit besser zurecht als Francesca: Sie dachte anfangs immer, die Familie sei sauer auf sie, weil alle so laut redeten und sie den Dialekt nicht verstand. Inzwischen hat sie aber ein bisschen Dialekt gelernt und die Verwandten bemühen sich, Hochitalienisch mit ihr zu sprechen. Rodolfo hat Verständnis für sie, denn mit Bayerisch oder Sächsisch kommt auch er nicht zurecht.

„Wir lachen häufig über Zungenbrecher oder Sprachmischungen.“ – Ursula aus Deutschland und Daniel aus Ghana

Ursula aus Deutschland und Daniel aus Ghana | © Privat

Daniel spricht meist Englisch, versteht inzwischen aber so gut Deutsch, dass sich Ursula häufig in ihrer Muttersprache mit ihm unterhält. Wenn es um wichtige oder intime Dinge geht, spricht auch Ursula Englisch – wahrscheinlich, weil sie Daniel in dieser Sprache kennengelernt hat. Daniel übt sein Deutsch in Berlin beim Handeln auf Flohmärkten und auf der Bühne: Er singt, trommelt und trägt Kindergeschichten vor, die er gemeinsam mit Ursula auch auf Deutsch und Ewe, eine Kwa-Sprache aus Südghana und Togo, übersetzt. Daniel engagiert sich in der Ewe-Union, einer Vereinigung von Ewe-Sprechern in Berlin. Ursula begleitet ihn manchmal, um ihre Kenntnisse in seiner Muttersprache zu trainieren. Außerdem nehmen die beiden sich am Wochenende manchmal Zeit, damit Daniel Ursula ein bisschen Ewe beibringen kann. Wichtig finden sie das vor allem für ihre Besuche in Ghana: Mit Englisch kann Ursula sich zwar gut verständlich machen, aber ohne die anderen Sprachen wie Ewe, Twi oder Ga fühlt sie sich bei den alltäglichen Gesprächen häufig etwas außen vor.

Manchmal wünscht sie sich, dass er lustige oder emotionale Dinge sofort übersetzen würde, aber sie versteht auch, dass das die Kommunikation unterbrechen würde. Die kulturellen Unterschiede zwischen beiden führen manchmal zu Konflikten: Daniel legt zum Beispiel Wert darauf, dass man bestimmte Äußerungen wie einen Dank mit einer Geste unterstreicht, Ursula denkt jedoch nicht immer daran. Wenn Daniel allein in Ghana ist, spricht er am Telefon besonders häufig Deutsch mit Ursula, um von anderen nicht verstanden zu werden. Ursula schickt ihm dann gerne auch mal SMS mit einigen Worten in Ewe, weil er ihr fehlt und seine Muttersprache den Nachrichten eine emotionale Nuance gibt. Einmal musste Ursula in Berlin den Notarzt rufen, weil es Daniel sehr schlecht ging. Die Ärztin wollte nur mit Daniel und nur auf Deutsch sprechen, aber er hatte Probleme, sie zu verstehen. Diese Situation haben Ursula und Daniel als sehr unangenehm in Erinnerung. Aber meist genießen die beiden ihre Mehrsprachigkeit und lachen häufig über Zungenbrecher oder Sprachmischungen.

„Unsere Mehrsprachigkeit ist eine Bereicherung.“ – Johan aus den Niederlanden und Euna aus Brasilien

Johan aus den Niederlanden und Euna aus Brasilien | © Privat

Zum Glück konnte Euna ein wenig Englisch und Johan etwas Portugiesisch, als sie sich auf einer Busreise in Brasilien kennenlernten. Denn ohne die gemeinsame Sprache hätten die beiden sich überhaupt nicht verständigen können. Mit ihrer Tochter Erica reiste Euna daraufhin immer wieder nach Den Haag, um Johan zu besuchen. Doch die beiden Brasilianerinnen bekamen in den Niederlanden keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis, sodass sich die kleine Familie für ein gemeinsames Leben in Berlin entschied. Johan und Euna kommunizieren jetzt nicht mehr auf Englisch, denn Johan ist sehr sprachbegabt und hat inzwischen ziemlich gut Portugiesisch gelernt. Manchmal spricht er mit seiner Frau auch Deutsch, aber sie versteht dann nicht alles, was er sagt. Erica redet Portugiesisch mit ihrer Mutter und Deutsch mit Johan.

Mit seinen niederländischen Verwandten unterhält sich Johan zwar auf Niederländisch, die beiden Frauen verbinden mit der Sprache jedoch vor allem das Land, in dem sie nicht willkommen waren. Für Johan ist das kein Problem, denn er freut sich, dass er mit Euna und Erica in verschiedenen Sprachen kommunizieren kann. Auch Euna genießt ihr mehrsprachiges Leben in Berlin: Als Mitglied einer deutsch-spanischen Gemeinde und durch ihre Integrationskurse und Gelegenheitsjobs hat sie Kontakt zu Spaniern und anderen Lateinamerikanern, aber auch zu Italienern und Portugiesen, deren Muttersprachen sie inzwischen ganz gut versteht. Sie spricht allerdings nach wie vor überwiegend Portugiesisch und ist manchmal ein bisschen traurig darüber, dass ihr die deutsche Sprache so schwerfällt. Umso toller findet sie, dass alle Kinder in Deutschland die Möglichkeit haben, bereits in der Schule Fremdsprachen zu lernen.

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Königs Wusterhausen bei Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2014

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