Bildung und Sprache

Farids neue Wörter – Deutsch für junge Flüchtlinge

Die deutsche Sprache als erster Schritt für den Zugang zu Bildung | © Igor Mojzes – Fotolia.com

Krisen im Nahen Osten und in Europa führen Tausende junge Flüchtlinge nach Deutschland. In besonderen Klassen lernen sie Deutsch. Das stellt auch die Lehrer vor große Herausforderungen.

Farid sitzt an einem regnerischen Wintertag auf der Schulbank der Internationalen Förderklasse (IFK) des Berufskollegs Ulrepforte in Köln, Nordrhein-Westfalen. Was der 16-Jährige auf seiner Flucht von Syrien nach Deutschland erlebt hat, erzählt er nicht. Der Jugendliche kam wenige Monaten zuvor aus der völlig zerstörten Stadt Aleppo. Aber er kriegt den Mund nicht auf, erläutert Anne Mehler, Deutschlehrerin der IFK. Mit offenen Augen und Ohren sitzt Farid, einer von rund 65.000 Flüchtlingskindern in Deutschland, sprachlos zwischen anderen Flüchtlingen und Migranten in einer speziellen Klasse, um möglichst rasch Deutsch zu lernen und dazuzugehören.

Lehrer brauchen Unterstützung

Auch an den Schulen macht sich die Zahl der Flüchtlinge bemerkbar. Für Lehrkräfte sind die unterschiedlichen Deutschkenntnisse der Flüchtlingskinder eine gewaltige Herausforderung. „Einige sprechen ein paar Brocken Deutsch, andere nicht. Einige sind Analphabeten, andere fürs Gymnasium geeignet. Die Kinder entstammen unterschiedlichen Kulturkreisen mit unterschiedlichen Erziehungsstilen, aber auch unterschiedlichen Laut- und Schriftsystemen“, erläutert Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Nordrhein-Westfalen. Lehrer seien auf diese Aufgabe nicht genügend vorbereitet und bräuchten Unterstützung: durch Dolmetscher, Psychologen und Sozialarbeiter. Zu Recht fordern Experten, vermehrt Lehrkräfte auszubilden, die auch die rechtliche und soziale Situation der Asylbewerber besser verstehen und sozialpädagogische Hilfe anbieten könnten.

„Das Leben im Übergangswohnheim, in einem ungewohnten Land und mit einer neuen Sprache ist durch viele Einschränkungen, Verunsicherungen und zeitlich befristete Perspektiven geprägt“, erläutert Helmut Kehlenbeck, der den Bereich Interkulturelle Angelegenheiten und Migrantenförderung der Stadt Bremen leitet. Es sei daher unabdingbar, dass diese Kinder und Jugendlichen frühzeitig die Schule besuchten, verbunden mit einem Spracherwerb, einer schnellen Integration in eine Regelklasse und – je nach Altersklasse – einer beruflichen Orientierung.

Probleme bei der Einschulung

Die deutsche Sprache zu kennen, ist der erste und wichtigste Schritt für den Zugang zu Bildung in Deutschland. Doch es ist nicht immer klar geregelt, wie der Spracherwerb für junge Flüchtlinge funktionieren kann: Häufig werden jüngere Kinder einfach in den normalen Unterricht integriert, andere Schulen bieten parallel Kurse für Deutsch als Fremdsprache (DaF) an, darüber hinaus gibt es private Initiativen, beispielsweise Deutschstunden durch pensionierte Lehrkräfte.

Wer Glück hat, schafft es indes gleich in eine der staatlichen Sprachlernklassen, die es in allen Bundesländern gibt und die kontinuierlicher und professioneller fördern können. Diese besonderen Klassen richten sich von der Primar- bis zur Sekundarstufe zwei an Flüchtlingskinder aller Altersklassen. Je nach Bundesland tragen sie unterschiedliche Namen: In Bayern spricht man von „Übergangsklassen“, in Bremen von „Vorkursen“ und in Nordrhein-Westfalen von „Auffangklassen“ und „Internationalen Förderklassen“ (IFK). Die IFK in Nordrhein-Westfalen sind für jugendliche Flüchtlinge ab 16 Jahren, Asylbewerber und Aussiedler vorgesehen, die kaum Deutsch verstehen oder sprechen. Denn diese Altersgruppe ist momentan in den Schulen stark vertreten. In diesen Klassen sollen die Jugendlichen ihre Deutschkenntnisse verbessern und berufliche Grundkenntnisse erwerben. Benotet werden die Leistungen dort nicht – nach ein bis zwei Jahren wechselt die Hälfte der Flüchtlinge in die Berufsschule.

Das Kommunale Integrationszentrum der Stadt Köln weist rund 300 Schülerinnen und Schülern Plätze in einer der 15 IFK-Klassen der Stadt zu. Die meisten beherrschen zunächst nur Deutsch auf Anfänger-Niveau, sie können also lediglich kurze Sätze bilden und Nebensätze mit „weil“ formulieren, so IFK-Lehrerin Anne Mehler.

An der Lebenswirklichkeit vorbei

Um in die Regelklasse des Berufskollegs zu kommen, brauchen die Schüler aber mindestens die Fähigkeit zur selbstständigen Sprachverwendung in Alltagsgesprächen und im Beruf. Zwar haben viele Jugendliche vor der IFK schon einen verpflichtenden Integrationskurs mit Deutschförderung besucht. „Das reicht aber nicht aus, um über das Anfängerniveau hinauszukommen“, sagt Anne Mehler.

Die Lehrerin besitzt viele Lehrwerke für Deutsch. Schließlich muss sie den verschiedenen Sprachkenntnissen ihrer Schüler gerecht werden. „Doch viele Themen der Deutsch-Lehrbücher gehen an der Lebenswirklichkeit der Flüchtlinge völlig vorbei“, sagt sie. Es fehlten Texte zur Wohnungssituation der Flüchtlinge, lebenspraktische Informationen über Geld oder darüber, wie man einen Briefumschlag beschriftet und ein Kontoformular ausfüllt.

So bastelt sich Mehler ihre Materialien selbst zusammen. Zusätzlich zum Rahmenlehrplan hat sich Anne Mehler noch eine Selbstlernmappe zusammengestellt. Dort finden sich beispielsweise Texte zu Berufen wie Tischler oder Kraftfahrzeug-Mechatroniker.

„Grammatik pur ist langweilig“

Anne Mehler verbindet Grammatik mit der Lebenssituation der Flüchtlinge. „Grammatik durch die Hintertür“ nennt die Lehrerin das. „Wie findest du es, dass … die Schule um halb acht anfängt?“, fragt sie. Und schon hat sie eine lebendige Diskussion über Nebensätze mit „dass“ losgetreten. „Grammatik pur ist langweilig“, erklärt sie.

Über traumatische Umstände der Flucht der Jugendlichen spricht sie indes weniger. Anne Mehler befürchtet, sie könnte das im Unterricht nicht auffangen. Wohl aber kommen Begegnungen der Flüchtlinge mit der Polizei in Deutschland oder Diskriminierung im Alltag zur Sprache. Vorne im Klassenraum hängt ein großes, weißes Plakat. Es ist mit „Neue Wörter“ überschrieben. Hier stehen neue Wörter, die sich die Jugendlichen einprägen sollen: „das Formular“, „das Amt“ oder „die Behörde“. Das sind Wörter aus dem Alltag der Schüler. Schließlich hat die Mehrheit einen ungesicherten Aufenthaltsstatus und lebt in Wohnheimen.

Mit den Behörden haben sie öfter zu tun, etwa wenn es um die Aufenthaltserlaubnis geht, Wohnungssuche oder um Geld. Die meisten wollen aber keinen Ärger mit den Behörden, sie wollen hierbleiben. „Sehr viele Kinder von Flüchtlingen bringen eine sehr hohe Leistungs- und Integrationsbereitschaft mit“, sagt Helmut Kehlenbeck. Sie begriffen die Zeit in der Schule als Chance, neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Doch je älter Flüchtlingskinder bei der Aufnahme in Schulen sind, desto größer seien auch die Herausforderungen – für die Schüler wie für die Lehrkräfte.

Arnd Zickgraf
arbeitet als Bildungsjournalist und freier Autor unter anderem für WDR-Online in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2015

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