Bildung und Sprache

Dolmetschen im Krankenhaus – wie sich deutsche Kliniken der Mehrsprachigkeit stellen

Klinikmitarbeiter vermitteln zwischen Arzt und Patient | © rocketclips – Fotolia.com

Immer häufiger springen mehrsprachige Klinikmitarbeiter im Berufsalltag als Laien-Dolmetscher ein. Aber Zweisprachigkeit allein qualifiziert nicht zum professionellen Dolmetschen.

„Frau Aziz, Sie sprechen doch Arabisch, können Sie hier mal kurz übersetzen?“ – auf diese Bitte hin beginnen in deutschen Krankenhäusern täglich Dolmetscher-Einsätze für Reinigungskräfte, Köche oder Krankenpfleger. Die mehrsprachigen Klinikmitarbeiter vermitteln dann zumeist zwischen Arzt und Patient. Hierbei handelt es sich oft genug um folgenreiche Gespräche – etwa eine genaue Anamnese, von der eine korrekte Diagnose abhängt. Die betroffenen Patienten sind häufig Arbeitsmigrantinnen und -migranten von einst, die nun alt, krank und pflegebedürftig sind. Gerade diese Generation verfügt häufig nicht über ausreichende deutsche Sprachkenntnisse. Das gilt auch für Patienten aus dem Ausland, die sich gerne in Deutschland behandeln lassen, sowie in zunehmendem Maße für kranke Geflüchtete, die sich einer ärztlichen Behandlung unterziehen müssen.

Folgen mangelhafter Dolmetschleistungen

Der Umgang der Kliniken mit dem Bedarf an Dolmetschdiensten reiche von Spontanlösungen über interne Dolmetscherlisten und Mitarbeiterschulungen bis hin zur Inanspruchnahme bezahlter professioneller Dolmetschleistungen, stellen die Gesprächsforscher Bernd Meyer und Kristin Bührig fest. Die Hamburger Linguisten erbrachten im Rahmen des DFG-Projekts Dolmetschen im Krankenhaus den Beleg dafür, „dass nicht nur die Dolmetschleistung von Angehörigen, sondern auch die des medizinischen Personals sehr unterschiedlich ausfallen können und bisweilen unzulänglich sind“.

Die Folgen einer mangelhaften oder nicht erbrachten Dolmetschleistung liegen auf der Hand: Die Patienten verstehen möglicherweise die Tragweite einer Diagnose nicht, halten sich nicht an eine Therapieempfehlung oder werden vor einem Eingriff nicht entsprechend aufgeklärt – was sich gesundheitlich negativ auswirken und für die Klinik rechtliche Konsequenzen haben kann. Oftmals gehe es in medizinischen Gesprächen zudem um sehr persönliche, belastende Inhalte, die außerdem kulturell bedingt unterschiedlich bewertet werden können. Auch sind beispielsweise Pflegekräfte nicht mit dem typischen Ablauf eines Aufklärungsgesprächs vertraut.

Praktikable und kostengünstige Lösung

Trotzdem befürworten Meyer und Bührig den Einsatz zweisprachiger Pflegekräfte – als derzeit beste unter den schlechten Lösungen. 2003 haben sie die Forschungsergebnisse aus dem Dolmetschprojekt in eine Fortbildung für bilinguales Pflegepersonal überführt. Die zweitägigen Workshops fanden seither in zahlreichen Krankenhäusern statt, etwa in Nürnberg, Köln oder Heilbronn.

Die Position des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) hingegen lautet anders: „Nur Profis sollten hier zum Einsatz kommen, denn schließlich geht es potenziell um Leib und Leben. Für Ärzte bedeutet der Einsatz von Profis zudem Rechtssicherheit“, erklärt Monika Eingrieber, BDÜ-Vizepräsidentin und selbst Dolmetscherin. Auf professionelle medizinische Dolmetscherdienste verzichten Kliniken jedoch häufig, da sie die Dolmetschleistung bislang nicht abrechnen können. So sind sie darauf angewiesen, andere möglichst praktikable und kostengünstige Lösungen zu finden.

Ein hausinterner Dolmetscherdienst

Das Städtische Klinikum München behandelt mit monatlich durchschnittlich 1.300 Patienten nicht deutscher Nationalität einen hohen Migrantenanteil. Fester Bestandteil des Fachreferats Interkulturelle Versorgung ist der schon seit 1995 bestehende hausinterne Dolmetscherdienst: eine pragmatische Lösung, die bereits von anderen Kliniken übernommen wurde. Über 100 geschulte mehrsprachige Mitarbeiter mit medizinisch-pflegerischer Grundausbildung bieten für Patienten wie Angehörige Dolmetscherleistungen in zurzeit 32 Sprachen an.

Elisabeth Wesselman, Fachreferentin für interkulturelle Versorgung am Klinikum, legt Wert darauf, dass die hausinternen Sprachmittler in einem strukturierten Setting mit festen Ansprechpartnern arbeiten und einen Arbeitszeitausgleich erhalten. Bevor die Sprachmittler tätig werden, findet eine ausführliche Einweisung zum Ablauf und zu den rechtlichen Aspekten statt. Hier lernen sie beispielsweise, wie wichtig es ist, sich beim Dolmetschen neben den Patienten zu setzen, damit der Arzt einen direkten Augenkontakt zum Patienten und nicht nur zum Dolmetscher hat. Sie werden außerdem darin bestärkt, Verständigungsschwierigkeiten anzusprechen und auch mal Nein zu sagen, wenn sie sich einer Aufgabe nicht gewachsen fühlen. Für alle dolmetschenden Pflegekräfte ist zudem ein jährlicher Fortbildungstag mit der Möglichkeit zu intensivem Erfahrungsaustausch obligatorisch. Elisabeth Wesselman ist zufrieden: „Der Dolmetscherdienst wird geschätzt und gerne genutzt. Die hausinternen Sprachmittler sind hoch motiviert, wissbegierig und stolz auf ihre Leistung.“ So kommt die migrationsbedingte Mehrsprachigkeit der Mitarbeiter nicht nur den Patienten zugute, sie wird auch vom Arbeitgeber als Plus wahrgenommen und entsprechend gewürdigt.

Trotz dieses erfolgreich praktizierten Modells in einzelnen Kliniken gilt es dennoch, Lösungen auch auf übergeordneter politischer Ebene zu finden. Der BDÜ fordert schon seit Längerem das „Dolmetschen auf Krankenschein“ – also die Kostenübernahme für professionelle Dolmetschleistungen durch die Krankenkassen. „Dies ist angesichts der hohen Verantwortung bei medizinischen Einsätzen durchaus gerechtfertigt“, betont Monika Eingrieber.

Katja Marquardt
ist Linguistin und freie Journalistin in Frankfurt am Main und hat sich in ihrer Masterarbeit mit gedolmetschten Arzt-Patienten-Gesprächen beschäftigt.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2015

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