Bildung und Sprache

Fundstücke – Ein Türöffner zu den deutschsprachigen Ländern

Drei der 16 prämierten DACHL-Fundstücke | Foto: © Erika Kommer, Inka Helwig, Hyacinthe Ketchemen Ngabang

Was haben ein Wildschweingraffiti, ein vermeintliches Bushaltestellenschild und alte Schuhe gemeinsam? Es sind drei von 16 Fundstücken, die im Wettbewerb DACHL-Fundstücke prämiert wurden. In einer Lehrerfortbildung erarbeiteten die Preisträgerinnen und Preisträger auf Grundlage der Fundstücke Vorschläge für den Deutschunterricht.

Der Wettbewerb DACHL-Fundstücke ist eine Initiative zur Stärkung von Deutsch in der ganzen Welt. Das Ziel ist zu zeigen, wie vielfältig das Bild der deutschsprachigen Länder – Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein (DACHL) – weltweit ist, und gleichzeitig innovative Formen der Landeskundevermittlung im Deutschunterricht sichtbar zu machen. Die 16 Preisträgerinnen und Preisträger veranschaulichen mit ihren Fundstücken und Unterrichtsvorschlägen, wie es gelingen kann, die vielfältige, spannende und mitunter auch überraschende Wirklichkeit der deutschsprachigen Länder exemplarisch in den Unterricht zu holen.

Informationen zum Wettbewerb

Die politischen Vertreter der deutschsprachigen Länder initiierten den zweiteiligen Wettbewerb und der Internationale Deutschlehrerinnen- und Deutschlehrerverband (IDV) führt ihn unter Federführung des Goethe-Instituts durch. Der erste Teil des Wettbewerbs ging mit der Fortbildung in Berlin, in der die 16 Preisträgerinnen und Preisträger ihre Fundstücke präsentierten und für diese Didaktisierungen erarbeiteten, zu Ende. Die Unterrichtsentwürfe stehen ab Oktober 2016 auf der Website des Wettbewerbs zur Verfügung. Ab diesem Zeitpunkt wählen Lehrkräfte weltweit im zweiten Teil des Wettbewerbs per Online-Voting jene drei Unterrichtsvorschläge aus, die sich ihrer Meinung nach besonders für den Unterricht eignen. Die Präsentation der drei Gewinnerinnen oder Gewinner und die Preisverleihung finden auf der Internationalen Deutschlehrerinnen- und Deutschlehrertagung (IDT) im August 2017 in Fribourg statt.

Was sind DACHL-Fundstücke?

Dr. Sara Hägi (Bergische Universität Wuppertal) und Dr. Hannes Schweiger (Universität Wien), die Juroren des Wettbewerbs, beschreiben DACHL-Fundstücke als Objekte, die mit den amtlich deutschsprachigen Ländern in Verbindung stehen: Mit ihren Städten und Regionen, ihren Menschen und deren Alltag, ihren Sprachen und ihren Geschichten, ihrer Geschichte und Gegenwart. Fundstücke können demnach Entdeckungen aller Art sein: Alltagsobjekte, Hinweisschilder, Plakate, Gebrauchsanweisungen, Graffitis, Skulpturen, Musikstücke, Geräusche, Alltagsdialoge und vieles mehr. Sie sind Fundstücke im Sinne von Spuren der deutschen Sprache, der deutschsprachigen Länder und ihrer Gesellschaften, über die ihre Entdeckerinnen und Entdecker etwas mitteilen möchten. Für den Deutschunterricht eignen sich Fundstücke besonders dann, wenn sie zum Nachdenken und Diskutieren anregen, ungewöhnliche Einblicke in die deutschsprachigen Länder jenseits von Klischees geben oder zur kritischen Auseinandersetzung mit Klischees anregen.

Wie arbeitet man mit Fundstücken im Deutschunterricht?

Diese Frage haben wir Antje Rüger gestellt, die regelmäßig für das Goethe-Institut Fortbildungen für Deutschlehrkräfte aus dem Ausland durchführt.

Leiterin der Fortbildung im Rahmen des Wettbewerbs „DACHL-Fundstücke“ Antje Rüger | Foto: © Bernhard Ludewig

Warum eignen sich Fundstücke für das Deutschlernen?

Fundstücke ermöglichen den Lernenden einen sehr persönlichen Zugang zur deutschen Sprache und zu den deutschsprachigen Ländern. Sie können sie entweder selbst finden oder wir arbeiten im Unterricht mit Fundstücken, die von anderen stammen. Fundstücke laden ein, Neues zu entdecken und dieses offen und unvoreingenommen wahrzunehmen. Sprach- und Kulturlernen wird durch Überraschungen gefördert. Diese Überraschungsmomente können dazu führen, dass Lernende scheinbar Selbstverständliches hinterfragen oder es in einem neuen Licht betrachten.

Wie findet man Fundstücke?

Fundstücke entdeckt man eher zufällig. Wir nehmen sie als Fundstücke wahr, weil sie uns überraschen und emotional beeinflussen. Am liebsten sind mir Fundstücke, die mich und hoffentlich auch die Lernenden schmunzeln lassen, weil etwas auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Dadurch merken wir, mit welchen festgefahrenen Vorstellungen wir unsere Welt betrachten. Wenn diese durchbrochen werden, schafft man es ganz gut, sich selbst und eigene Überzeugungen nicht allzu ernst zu nehmen und auf Neues zwangloser zuzugehen.

Natürlich besteht die Gefahr, dass die Vieldeutigkeit von Fundstücken für die Lernenden schwer zu entschlüsseln ist. Hier kann jedoch eine gute Didaktisierung helfen. Didaktisierte Fundstücke im Sinne von Kulturfunden sollten nicht als Beispiel für etwas „Typisches“ präsentiert werden, sondern Vielfalt und Komplexität verdeutlichen. Außerdem sollten sie bei den Lernenden und Lehrenden den Entdeckergeist wecken.

Downloads

Hier finden Sie Ideen von Antje Rüger, wie man mit einem Fundstück im Unterricht arbeiten könnte:

Download SymbolDidaktisierung (PDF, 718 kB)
Download SymbolArbeitsblätter (PDF, 1 MB)
Download SymbolPräsentation (PDF, 2 MB)
Download SymbolQuiz (PDF, 2 MB)


Welche Lernziele kann man durch die Arbeit mit Fundstücken erreichen?

Das hängt sehr vom Fundstück und vor allem von der Didaktisierung ab. Generell fördert die Beschäftigung mit Fundstücken die Entwicklung folgender Fähigkeiten und Haltungen:
  • Empathie und Neugier empfinden, die das Deutschlernen beflügeln
  • Fragen auf Deutsch stellen und die Antworten in Beziehung zu eigenen Erfahrungen setzen
  • Strategien entwickeln, sich in der Fremdsprache selbstständig Zusammenhänge zu erarbeiten
  • Vielfalt innerhalb des deutschsprachigen Raums erkennen können
  • Beispielhaftigkeit kulturbezogener Themen, Äußerungen und Situationen erfahren
  • (Um)Deutungsprozesse nachvollziehen und Diskurse aktiv durch die eigene Auseinandersetzung mit dem Fundstück mitgestalten
  • Symbolgehalt einzelner Fundstücke erkennen und verstehen, dass Symbole im Rahmen diskursiver Aushandlung entstehen und zu kollektiven Mustern werden können
Es gibt sicher auch Herausforderungen, wenn man im Deutschunterricht mit Fundstücken arbeiten möchte, oder?

Ja, Kolleginnen und Kollegen fragen mich oft, wie man Fundstücke außerhalb der deutschsprachigen Länder finden kann. Der Wettbewerb zeigt jedoch, dass es DACHL-Fundstücke fast überall gibt.
Manchmal ist auch die Erwartungshaltung der Lernenden und der Lehrenden herausfordernd: Sie möchten „die Wahrheit“ über die deutschsprachigen Länder kennen lernen oder vermitteln. Das widerspricht der Idee der Beispielhaftigkeit von Fundstücken und des kulturbezogenen Lernens generell. Dieses Bedürfnis hängt vermutlich auch mit einem an Prüfungen und Leistungsnachweisen orientierten Unterricht zusammen, in dem Fakten über die deutschsprachigen Länder im Mittelpunkt stehen sollen. Die Frage, wie man kulturbezogene Kompetenzen im Kontext des Fremdsprachenunterrichts evaluiert und wertschätzen kann, ist noch längst nicht beantwortet.
Grundsätzlich wäre es zu begrüßen, wenn das kulturbezogene Lernen und Lehren in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften einen größeren Stellenwert hätte. Gerade der kollegiale Austausch über Fundstücke und Lernmaterialien wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Sinnvoll ist es, sich einem Fundstück durch Fragen zu nähern: Was ist daran ungewöhnlich? Was würde ich gern darüber wissen? Habe ich Ähnliches schon mal gesehen? Eigene Vermutungen kann man mit den Sichtweisen der Fotografinnen, Fotografen, Autorinnen und Autoren von Didaktisierungsvorschlägen vergleichen und so noch weitere interessante Entdeckungen machen.

Literatur

Altmayer, Claus (Hg.) (2016): Mitreden. Diskursive Landeskunde für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Stuttgart: Ernst Klett Sprachen.

Schweiger, Hannes/Hägi, Sara/Döll, Marion (2015): Landeskundliche und (kultur-)reflexive Konzepte. Impulse für die Praxis. In: Fremdsprache Deutsch. H. 52, S. 3-10.


Dr. Imke Mohr
arbeitet als Referentin für Fortbildung im Bereich „Spracharbeit“ der Regionalleitung der Goethe-Institute in Deutschland.

Antje Rüger
ist Fortbildnerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Herder-Institut der Universität Leipzig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Redaktion Magazin Sprache
Oktober 2016

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