Bildung und Sprache

Islam in europäischen Schulbüchern – Korrektur des Zerrbildes

© Goerg-Eckert-Institut© Georg-Eckert-Institut Die renommierte Religionswissenschaftlerin Gerdien Jonker kritisiert die stereotype Darstellung von Muslimen in europäischen Schulbüchern. Mit dem Projekt „1001 Idee“ versucht sie, daran etwas zu ändern.

Die Diskussionen über die Integration der Muslime in Deutschland reißt nicht ab. Und der Diskurs wurde gerade in jüngster Zeit durch das umstrittene Buch von Thilo Sarrazin noch stark verschärft.

Der ehemalige SPD-Politiker und Banker Sarrazin verbreitet darin provokante Thesen über Muslime und deren vermeintlich mindere Intelligenz und mangelnde Integrationsbereitschaft. Im Laufe der öffentlichen Debatte hat sich gezeigt, dass ein überraschend hoher Anteil der Deutschen solche Thesen für zutreffend hält.

Experten führen solche Reaktionen hingegen auf ein falsches und mangelhaftes Bild zurück, das sich ein großer Teil der Öffentlichkeit von den Muslimen in Deutschland gebildet hat.

Mit dem Projekt „1001 Idee“ engagieren sich jetzt die Religionswissenschaftlerin Gerdien Jonker und das Braunschweiger Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung für eine Korrektur dieses Zerrbildes.

Hip-Hop in Afghanistan

Seit drei Jahren bereitet „1001 Idee“ interessierten Lehrern Hintergrundmaterial im Internet auf. Vor allem die Sachgebiete Geschichte, Jugendkultur, Religion, Zusammenleben und Sport werden dort behandelt. Diese Informationen sollen dazu beitragen, im Schulunterricht einen differenzierten Blick auf die muslimische Kultur und Geschichte zu vermitteln.

Eine wachsende Anzahl von Fachleuten hat bisher 61 Unterrichtseinheiten zusammengestellt, die in den unterschiedlichsten Fächern und Klassenstufen verwendet werden können. Also nicht nur in der Sozialkunde oder im Geschichtsunterricht, sondern ebenso gut im Musikunterricht.

So wurde beispielsweise Unterrichtsmaterial zum Thema „Hip-Hop aus Afghanistan“ entwickelt. Für die meisten deutschen und europäischen Schüler sicher eine überraschende Entdeckung.

Bei „1001 Idee“ ist dieser Youtube-Clip Teil der Unterrichts-Einheit zum Thema „Musik entlang der Seidenstraße“. Ergänzt wird der Kurzfilm durch Texterklärungen und Kartenmaterial, das den Lehrern, vor allem in Deutschland, der Schweiz und Österreich, die Arbeit erleichtern soll.

„Es geht uns darum, Jugendlichen klarzumachen, dass junge Menschen auf der anderen Seite der Welt im Alltag genau mit denselben Problemen zu tun haben“, erklärt die Religionswissenschaftlerin Gerdien Jonker, Leiterin des Projekts.

Straflässige Vernachlässigung des Themas Islam

Das Institut arbeitet bereits europaweit mit Hochschulen und Lehrer-Fortbildungsseminaren zusammen, das Internet-Angebot ist auf Deutsch und Englisch aufbereitet und wird von Didaktikern begleitet.

Die Reaktionen von Lehrern seien äußerst positiv, meint Jonker. Die meisten von ihnen seien dankbar für diese Art von Hilfe, denn sie spürten den Nachholbedarf auf diesem Gebiet. Das Thema Islam sei bisher im europäischen Schulunterricht sträflich vernachlässigt worden – und zwar bereits seit dem 17. Jahrhundert.

„Damals hatten wir es noch mit einem rein christlichen Narrativ zu tun“, so Jonker. „Das besagte: Wir Christen machen es so und da ist unsere kulturelle Grenze. Die Muslime gehören nicht zu uns. Die Erzählung vom Islam wurde so wiedergegeben: Ausbreitung und Angriff auf Europa – wir müssen uns verteidigen.“

Im 19. Jahrhundert haben die Kreuzzüge sechzig, siebzig Seiten in den Geschichtsbüchern umfasst und das europäische Gefühl verstärkt – wenn nicht erst geschaffen –, dass man vom Islam bedroht sei, erklärt Jonker.

Inzwischen sei das Thema zwar vom Umfang her erheblich reduziert worden, aber der Grundtenor habe sich kaum verändert. Die Zuwanderung muslimischer Gastarbeiter und erst recht der 11. September haben dann diese Gefühle erneut verstärkt.

Natürlich gebe es Konfliktlinien zwischen der westlichen und der islamischen Welt. „Aber die zusammen auf ein paar Seiten als Wissen über ‚die‘ Muslime zu präsentieren – das fanden wir einfach katastrophal. Die Realität ist wesentlich komplexer. Und das möchten wir vermitteln.“
Peter Philipp

Copyright: Deutsche Welle 2010/Qantara.de

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