Bildung und Sprache

Der Bedarf ist groß – Alphabetisierung in Deutsch als Zweitsprache

Seit 2005 sind Zuwanderer verpflichtet, an Deutschkursen teilzunehmen.  Foto: Matt Jeacock © iStockphotoSeit 2005 sind Zuwanderer verpflichtet, an Deutschkursen teilzunehmen.  Foto: Matt Jeacock © iStockphotoZugewanderte Analphabeten haben früher selten den Weg in den Deutschunterricht gefunden. Die deutsche Sprache haben sie, wenn überhaupt, ungesteuert und mündlich erworben. Das hat sich seit der Reform des Zuwanderungsrechts geändert.

Seit 2005 sind Alt- und Neuzuwanderer verpflichtet, an staatlich finanzierten Deutschkursen teilzunehmen. Die damals eingeführten 600-stündigen Integrationskurse wurden jedoch nicht allen gerecht. Spezielle Kursarten wurden geschaffen – darunter auch Kurse mit einem Umfang von bis zu 1.200 Stunden für Zuwanderer mit Alphabetisierungsbedarf.

Krieg verhinderte den Schulbesuch

Wie groß unter den Zuwanderern der Anteil derer ist, die einen solchen Alphabetisierungsbedarf haben, erfasst keine Statistik. Dass ihr Anteil nicht unerheblich ist, zeigt die Tatsache, dass im Jahr 2010 in den ersten drei Quartalen 13,9 Prozent aller Integrationskursteilnehmer in sogenannten Alphakursen saßen. Seit 2005 haben insgesamt 65.645 Menschen daran teilgenommen. Der tatsächliche Bedarf dürfte noch größer sein: Weil nicht überall Alphakurse zur Verfügung stehen, landen immer wieder Menschen mit Alphabetisierungsbedarf in den allgemeinen Kursen.

37 Prozent der Alphakurs-Teilnehmer sind primäre Analphabeten.  Foto: Nicole S. Young © iStockphotoGemäß dem Integrationspanel, einer vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beauftragten Erhebung, sind 37 Prozent der Alphakurs-Teilnehmer primäre Analphabeten. Diese Menschen haben in ihrer Heimat keine Schule besucht, haben also auch in ihrer Muttersprache nie Lesen und Schreiben gelernt. Die Gründe dafür sind unter anderem Kriege und Unruhen, ebenso wie Kinderarbeit und gesellschaftliche Traditionen. Vor allem Mädchen werden in vielen Ländern oft nicht zur Schule geschickt.

Der Kurs als Chance

Folglich sind fast zwei Drittel der Teilnehmenden weiblich. Viele dieser Frauen leben schon seit Jahrzehnten in Deutschland, kommen aber erst in die Kurse, wenn die Kinder aus dem Haus sind. „Diese Teilnehmerinnen sind sehr motiviert“, berichtet Alexis Feldmeier von der Uni Bielefeld aus seiner Erfahrung als Kursleiter. „Sie nehmen den Kurs als Chance wahr, vielleicht zum ersten Mal etwas für sich persönlich zu erreichen.“

Auch, wer in der Heimat die Schule für kurze Zeit besuchen konnte, beherrscht die Schriftsprache häufig nicht gut genug, um sie im Alltag wirklich nutzen zu können. 42 Prozent der Teilnehmenden zählen zur Gruppe der funktionalen Analphabeten. Feldmeier weist darauf hin, dass es didaktisch-methodisch und auch lernpsychologisch einfacher und richtiger wäre, diese Teilnehmer zunächst in der Muttersprache zu alphabetisieren. Das geschieht seit der Einführung der Integrationskurse aber kaum noch. Die DaF-Professorinnen Heike Roll und Karen Schramm sprechen sogar von einem „Rückfall zu monolingualen deutschen Alphabetisierungsangeboten, der das offizielle Bekenntnis der Bundesrepublik zur europäischen Mehrsprachigkeit konterkariert“.

Fast zwei Drittel der Teilnehmenden sind weiblich.  Foto: selimaksan © iStockphotoKeiner Alphabetisierung in der Muttersprache bedürfen weitere 21 Prozent der Teilnehmer. Die sogenannten Zweitschriftlerner haben über längere Zeit die Schule besucht, haben dort jedoch ein nicht-lateinischen Schriftsystem wie Arabisch erlernt. Daher sitzen in den Kursen völlig lernungewohnte Menschen ohne „Stifterfahrung“ neben Menschen, die in ihrer Heimat acht oder neun Jahre zur Schule gegangen sind.

Phonologische Bewusstheit schaffen

Nicht nur diese heterogene Zusammensetzung der Kurse stellt die Lehrkräfte vor große Herausforderungen. Denn Alphabetisierung spielt in der herkömmlichen Deutsch-als-Zweitsprache-Didaktik kaum eine Rolle. „Man verfolgt ja ein ganz anderes Ziel, nämlich Lesen- und Schreibenlernen. Dieses Ziel wird im DaZ-Unterricht nicht verfolgt“, sagt Alexis Feldmeier. Feldmeier hat im Auftrag des BAMF das Konzept für einen bundesweiten Alphabetisierungskurs verfasst, das seit 2009 den Alphakursen als Grundlage dient.

Am Beispiel des Ausspracheunterrichts beschreibt er die besonderen Herausforderungen für die Lehrkräfte: „Im Alphakurs ist es in den ersten 400 bis 500 Stunden das A und O phonologische Bewusstheit zu entwickeln, also die Fähigkeit einen Anlaut oder einen Reim zu erkennen und auf Silbenebene ein Wort zu segmentieren, etwa ‚Mar-me-la-de‘ sagen zu können. Diese Fähigkeiten werden im DaZ-Bereich vorausgesetzt und sind kein Gegenstand des Ausspracheunterrichts.“

Lehrwerke sind in Vorbereitung

In den Kursen sitzen auch völlig lernungewohnte Menschen.  Foto: ene © iStockphotoVerschiedene Einrichtungen wie das Leipziger Herder-Institut bieten Alphabetisierungsfortbildungen an. Seit Beginn des Jahres 2011 müssen DaZ-Lehrkräfte die Gebühren von 750 Euro allerdings meist selbst aufbringen; angesichts der geringen Honorare in der Erwachsenenbildung können sich das viele nicht leisten. Deshalb ist fraglich, ob die Kurse überall weiter stattfinden können.

Nicht nur das methodische Wissen mussten und müssen sich Lehrkräfte oft in Eigenregie aneignen, auch bei den Lehrmaterialien war in der Vergangenheit Improvisationstalent gefragt. Doch hier ist Abhilfe in Sicht: Mehrere große Lehrbuchverlage bringen 2011 Lehrwerke für die Alphabetisierungskurse auf den Markt. Gut ausgebildetes Lehrpersonal und maßgeschneiderte Materialien ändern allerdings nichts daran, dass die Lernenden maximal das Sprachniveau A2 des Europäischen Referenzrahmens erreichen, mehr ist in 1.200 Stunden nicht zu schaffen. Feldmeier kritisiert: „Die Teilnehmer werden nicht so weit gefördert, dass sie die Bedingungen für die Einbürgerung erfüllen können.“ Voraussetzung für die Einbürgerung ist der Nachweis des Sprachniveaus B1.

Literatur:

Alexis Feldmeier:
Alphabetisierung von Erwachsenen nicht deutscher Muttersprache. Leseprozesse und Anwendung von Strategien beim Erlesen isoliert dargestellter Wörter unter besonderer Berücksichtigung der farblichen und typographischen Markierung von Buchstabengruppen. (Dissertation an der Universität Bielefeld, 2008)

Henrike Pracht:
Alphabetisierung in der Zweitsprache Deutsch als Schemabildungsprozess: Bedingungsfaktoren der Schemaetablierung und -verwendung auf der Grundlage der usage-based theory (Münster et. al., 2010)

Heike Roll/Karen Schramm (Hrsg.):
Alphabetisierung in der Zweitsprache Deutsch (OBST – Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, Heft 77, 2010)

Nina Rother:
Das Integrationspanel. Ergebnisse einer Befragung von Teilnehmenden zu Beginn ihres Alphabetisierungskurses (Working Paper 29 der BAMF-Forschungsgruppe, 2010)

Christoph Brammertz
ist Kommunikationswissenschaftler und Germanist. Er arbeitet als
Online-Redakteur bei „Schulen ans Netz e. V.“ in Bonn und lebt in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

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