Bildung und Sprache

Nicht nur eine Frage der Herkunft: Studie zu Bildungschancen

Unterricht; © ColourboxUnterricht; © ColourboxErhebungen über die Bildungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommen oft zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Eine neue Studie von zwei Wissenschaftlerinnen zeigt, dass sich im Prinzip nur Aussagen über einzelne Gruppen treffen lassen – und dass manche Migranten sogar besser abschneiden als die deutschen Schüler.

Dass Kinder mit Migrationshintergrund in der Schule schlechter abschneiden als ihre deutschen Mitschüler, galt lange Zeit als ungeschriebenes Gesetz. Doch ganz so eindeutig ist die Lage offenbar nicht. Das belegt eine Studie von Cornelia Gresch und Cornelia Kristen, deren Ergebnisse in diesem Jahr in der Zeitschrift für Soziologie veröffentlicht wurden. Die beiden Wissenschaftlerinnen stellten fest, dass die Ergebnisse in Studien zur Bildungsbeteiligung enorm variieren können – und zwar je nachdem, mit welchen Merkmalen der Migrationshintergrund bestimmt wird und ob die soziale Herkunft der Befragten mit berücksichtigt wird.

Die Staatsbürgerschaft alleine reicht nicht aus

Muslimin am Computer; © ColourboxProblematisch ist zum Beispiel, wenn Studien lediglich die Staatsangehörigkeit heranziehen, um die Bildungschancen zu ermitteln: „So lassen sich längst nicht alle Personen erfassen, die einen Migrationshintergrund haben“, sagt Gresch, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung tätig ist. Spätaussiedler, Zuwanderer mit einem ausländischen Elternteil oder eingebürgerte Migranten könnten zum Beispiel bei einer solchen Auswertung nicht eigenständig berücksichtigt werden.

Zahlreiche weitere Aspekte sollten deshalb bei Erhebungen herangezogen werden: etwa der soziale Hintergrund der Familie, die genaue Herkunft der Eltern, die Generationenfolge: „In vielen Studien wird das auch gemacht“, sagt Gresch, „allerdings gibt es hier keine einheitliche Vorgehensweise und entsprechend ergeben auch die Befunde kein einheitliches Bild.“

Wie unterschiedlich die Bildungschancen je nach Operationalisierung ausfallen, zeigen Gresch und Kristen in ihrer Studie am Beispiel von Türken, Griechen, Italienern, Polen, Russen oder Spätaussiedlern. Dafür verwenden sie Daten aus dem Mikrozensus 2005, der zum Beispiel auch Informationen über die ehemalige Staatsbürgerschaft der Befragten liefert oder danach fragt, ob die Eltern in Deutschland geboren wurden oder im Ausland.

Cornelia Gresch; © Udo Bochert, WZBAnhand dieser und weiterer Merkmale unterscheiden die Autorinnen drei Varianten, um die Herkunft der Befragten zu beschreiben: neben der aktuellen Staatsbürgerschaft den Staatsbürgerschaftshintergrund, der auch Auskunft über eine ehemalige Staatsangehörigkeit und die Staatsbürgerschaften der Eltern gibt, sowie den Staatsbürgerschaftshintergrund – unter zusätzlicher Einbeziehung der Spätaussiedler und ihrer Nachkommen, die zu den deutschen Staatsangehörigen zählen und vor 1945 ihren Wohnsitz in Süd- oder Osteuropa hatten.

Außerdem bestimmen sie den Generationenstatus, indem sie etwa ermitteln, ob die Befragten selbst in Deutschland geboren sind und ob beide Elternteile aus dem Ausland oder aus Deutschland stammen.

Auch die Generationenfolge ist von Bedeutung

Erwartungsgemäß unterscheiden sich schon die Migrantenanteile an der westdeutschen Bevölkerung je nachdem, ob die Staatsangehörigkeit oder der Staatsbürgerschaftshintergrund berücksichtigt wird: „Der Anteil wird deutlich unterschätzt, wenn man nur die Staatsbürgerschaft heranzieht und das betrifft insbesondere die jüngeren Altersgruppen“, sagt Cornelia Gresch. Bei den Neugeborenen liegt der Anteil der nichtdeutschen Staatsbürger an der westdeutschen Bevölkerung gerade mal bei 10 Prozent. Bei anderen Berechnungen dagegen steigt er auf über 30 Prozent.

Cornelia Kristen; © privatUnd auch die genaue Zusammensetzung der Bevölkerung fällt unterschiedlich aus, je nachdem, wonach man schaut. Spätaussiedler zum Beispiel fallen heraus, wenn man alleine nach Staatsbürgerschaft unterscheidet. Dass sie mit rund 19 Prozent den größten Anteil an Personen mit Zuwanderungshintergrund ausmachen, fällt erst auf, wenn man sich die Gruppe gesondert ansieht.

Bildungshintergrund wichtiger als Herkunft

Betrachtet man allein die Gruppe der 18- bis 20-Jährigen, auf die sich die Autorinnen bei der Berechnung der Bildungsbeteiligung konzentrieren, zeigt sich sogar noch ein anderes Bild. Bei der Gruppe mit Zuwanderungshintergrund steigt der Anteil türkischer Menschen zum Beispiel von 24,7 auf 33 Prozent. Insgesamt hat also jedes dritte Kind mit Migrationshintergrund türkische Wurzeln.

Die Art der Operationalisierung des Migrationshintergrundes erlaubt den Autoren dann auch eine präzise Beurteilung der Bildungschancen und zeigt, dass im Prinzip keine allgemeinen Aussagen über Migranten möglich sind. Mit multivariaten Analysen ermitteln die Autorinnen zum Beispiel, dass Türken oder Italiener Bildungsnachteile aufweisen, wenn alleine nach der Staatsbürgerschaft unterschieden wird – und dass diese geringer ausfallen, wenn anstelle der Staatsbürgerschaft der Staatsbürgerschaftshintergrund verwendet wird, um die Zuwanderer zu identifizieren. Werden zudem die sozioökonomischen Bedingungen der Befragten berücksichtigt, verschwinden die Bildungsnachteile: „Der Bildungshintergrund und die berufliche Stellung der Eltern hat also einen viel stärkeren Einfluss auf die Bildungschancen der Kinder als ihre Herkunft“, sagt Cornelia Gresch.

Schüler; © Colourbox

Nur Aussagen über einzelne Gruppen möglich

Zieht man dann noch die Generationenfolge heran, zeigen sich für einige Jugendliche sogar gegenläufige Befunde: Zwar können bei türkischen Jugendlichen der ersten Generation auch bei gleicher sozialer Herkunft wie Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund Nachteile in den Bildungschancen ermittelt werden. Die zweite Generation aber hat bei diesem Vergleich sogar bessere Bildungschancen. „Man muss deshalb bei Studien sehr genau prüfen, welche Gruppe man sich überhaupt ansieht“, sagt Cornelia Gresch, „allgemeine Aussagen über die Bildungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund lassen sich kaum treffen.“

Die Art der Operationalisierung ist also von großer Bedeutung – auch wenn sie im Kern nicht immer zu komplett neuen Ergebnissen führt. Die Studie macht deshalb noch einmal deutlich, wie wichtig eine präzise Betrachtung der Befragten ist. Da nur so auch ermittelt werden kann, welches Potenzial Menschen mit Migrationshintergrund eigentlich mitbringen – und welche Gruppen vielleicht noch gefördert werden müssen.

Britta Mersch
arbeitet als freie Bildungsjournalistin, Dozentin und Moderatorin in Köln. Sie arbeitet für WDR5 und den Deutschlandfunk und moderiert bei DRadio Wissen eine Wissens-Interviewsendung.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

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