Bildung und Sprache

Spuren des Rassismus in der deutschen Sprache

Man kann durchaus auch rassistisch sein, ohne sich feindlich gegenüber jemandem zu verhalten.  Foto: Helder Almeida © iStockphotoMan kann durchaus auch rassistisch sein, ohne sich feindlich gegenüber jemandem zu verhalten.  Foto: Helder Almeida © iStockphotoDie wenigsten Menschen betrachten sich als Rassisten. Bedeutet das auch, dass sie sich nicht rassistisch ausdrücken? Sicher nicht, findet die Anglistik- und Afrikanistik-Professorin Susan Arndt. In einem Buch zeigt sie die dunkle Seite der deutschen Sprache.

Vor fast 15 Jahren begann die Anglistin und Afrikawissenschaftlerin Susan Arndt am Seminar für Afrikanistik der Humboldt-Universität in Berlin zu lehren. In ihren Seminaren ging es um Gesellschaften in Afrika, um Prozesse, die durch den Kolonialismus angestoßen wurden und um schwarze Menschen auf der ganzen Welt. Ohne dass Arndt das geplant hatte, kamen dabei immer wieder teils sehr emotionale Diskussionen unter den Studierenden auf. Darin ging es oft um die Frage, wie bestimmte Begrifflichkeiten verwendet werden sollen – oder eben auch nicht. „Ich muss gestehen, dass ich als Weiße sehr unreflektiert mit Sprache umgegangen bin und sehr viele Begriffe übernommen habe, die ich aus meiner Schulzeit und teilweise auch aus der wissenschaftlichen Literatur kannte“, erinnert sich die Wissenschaftlerin heute. „Es sind also Begriffe gefallen, über die sich schwarze Studierende zu Recht empört haben. Ich habe erlebt, wie Studierende während solcher Diskussionen sogar aus Protest den Raum verließen – Schwarze wie Weiße.“

Rassismus – für beide Seiten ein emotionales Thema

Das Buch von Professor Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard.  Foto: © Unrast VerlagJahrelang beschäftigte Arndt sich daraufhin mit der Frage, wie Rassismus funktioniert und was er mit ihr selbst zu tun hat. Dabei wurde immer deutlicher: Auch in scheinbar unverfänglichen Begriffen steckt Wissen, das über Jahrhunderte in Europa gewachsen ist und immer auch auf eine Art das Weiß-Sein als Norm darstellt. Es geht also nicht nur darum, dass man bestimmte rassistische Begriffe in einem Seminar vermeiden sollte. Wer sich dem Rassismus widersetzen möchte, muss die komplexen Strukturen des Rassismus unter die Lupe nehmen. So entstand das Buch Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache, das Susan Arndt, inzwischen Professorin an der Universität Bayreuth, gemeinsam mit ihrer Kollegin Nadja Ofuatey-Alazard herausgibt.

In dem Buch kommen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Künstler und Aktivisten zu Wort. Neben wissenschaftlichen Analysen und Essays findet man in dem 800-Seiten-Wälzer Interviews und Spoken Word Performances, satirische Texte und Kurzgeschichten. Die Beiträge machen deutlich, wie rassistische Erfahrungen den Alltag von Menschen prägen, wie Rassismus historisch entstanden ist, warum er solch eine Macht hat und was Menschen dagegen tun können. Dabei werden auch Konzepte wie „Europa“, „Frieden“ oder „Kunst“ unter die Lupe genommen, die man auf den ersten Blick vielleicht nicht mit Rassismus in Verbindung bringen würde: So zeigt Aicha Diallo etwa auf, dass der Friedensbegriff zwar „im Kern seit der Antike in Konzepte von europäischer Ethik, Philosophie und Religion eingebettet ist“, aber in erster Linie innerhalb der eigenen Territorien, Gesellschaften oder Glaubensgemeinschaften Anwendung fand. Diallo kritisiert, dass sich die weißen Nationen mit dem Begriff als „Hort der Zivilisation feiern“ und damit negieren, dass sie selbst für extreme Gewaltsysteme verantwortlich sind, die sich in „Landraub und Genozid, Versklavungshandel, Kolonialismus und Segregation“ darstellen.

Sprache des Rassismus, Sprache des Widerstands

Professor Susan Arndt  Foto: © Riolo PhotographyAlle Autoren gehen in dem Buch auch der Frage nach, wie man über Rassismus sprechen kann, ohne rassistische Begriffe immer und immer wieder von Neuem zu verwenden. Weil sprachliches Wissen über viele Jahrhunderte hinweg tradiert wird, sind wir uns häufig gar nicht über den rassistischen Gehalt von Worten bewusst. Dennoch ist Sprache für Susan Arndt ein Ort, an dem Rassismus produziert wird: „Viele verwenden heute beispielsweise noch den Begriff ‚Mulatte‘, obwohl er von dem Begriff ‚Maulesel‘ kommt. Hinter diesem Wort steckt aber die Idee, dass keine fortpflanzungsfähigen Nachkommen entstehen können, wenn sich zwei verschiedene Rassen mischen. Das würden die meisten so wohl nicht unterschreiben wollen.“

Andererseits zeigt das Buch Sprache auch als einen Ort, an dem man mit Rassismus ringen, ihm widersprechen und sich ihm widersetzen kann: „Durch den Verzicht auf rassistische Begriffe wird man nicht sprachlos. Man kann Begriffe finden, die vielleicht zunächst Irritationen auslösen und damit die Diskussion über Sprache und Rassismus wieder fördern. Aus dem N-Wort oder dem Begriff ‚Farbige‘ wurden etwa Begriffe wie ‚Schwarze Deutsche‘ oder ‚People of Colour‘ geschaffen. Indem man ‚schwarz‘ großschreibt oder das Wort ‚Menschen‘ mit in den Begriff hineinnimmt, ändert man die Bedeutung.“

Anregung zur Diskussion

Sprache ist ein Ort, an dem Rassismus produziert wird.  Foto: Sergey Peterman © iStockphotoMit ihrem Buch möchten Arndt und Ofuatey-Alazard auch Diskussionen anregen, die über die Sprache hinausgehen. „Häufig setzt man sich in Deutschland nicht intensiv genug mit Rassismus auseinander: Es wird von Ausländerfeindlichkeit oder Fremdenfeindlichkeit geredet, dabei geht es weder um Ausländer noch um Fremde. Und man kann durchaus auch rassistisch sein, ohne sich feindlich gegenüber jemandem zu verhalten.“ Sie wünschen sich, dass in Deutschland viel intensiver über Kolonialismus, Versklavung und Rassismus gesprochen wird – nicht nur in vereinzelten politischen und akademischen Diskursen, sondern in der gesamten Gesellschaft. Vielleicht trägt ihr Buch ein Stück dazu bei.

Literatur:

Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.):
Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. (Unrast, 2011)

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juli 2012

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