Deutsch‐Test für Zuwanderer

Interview mit Michaela Perlmann-Balme, Projektleiterin der Entwicklung des Deutsch-Tests für Zuwanderer

Michaela Perlmann-Balme. Foto: Petra Siewert Ist der „Deutsch-Test für Zuwanderer“ schwerer als das „Zertifikat Deutsch“?

Keinesfalls, eher leichter. Die beiden Tests sind sich in vielen Punkten ähnlich. In beiden werden Hör-, Sprech-, Lese- und Schreibfähigkeiten geprüft. Auch die Art der Aufgaben ist ähnlich. Es handelt sich mehrheitlich um Auswahlantworten, also beispielsweise Multiple-Choice-Aufgaben oder richtig/falsch-Fragen.

Ein entscheidender Unterschied ist jedoch, dass der „Deutsch-Test für Zuwanderer“ ein so genannter skalierter Test ist. Es wird nicht nur eine Niveaustufe geprüft, wie beim „Zertifikat Deutsch“, sondern gleich zwei: A2 und B1. Während das Niveau A2 die Fähigkeit verlangt, einfache Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke zu verstehen und zu verwenden, verlangt das Niveau B1 eine höhere Sprachkompetenz. Die Prüfungsteilnehmer sollen sich in einfacher und zusammenhängender Sprache über vertraute Themen wie Arbeit, Schule, Freizeit usw. äußern können.

Das Sprachniveau B1, das sich auf die sechsteilige Skala des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen bezieht, wurde vom Auftraggeber, dem Bundesinnenministerium, als Prüfungsziel vorgegeben. Bestanden ist der Test dann, wenn das Niveau B1 erreicht ist, wenn also drei von vier Teilen mit B1 abgelegt worden sind. Der Prüfungsteil „Sprechen“ muss jedoch in jedem Fall mit B1 bestanden werden. Indem aber auch das leichtere Niveau A2 in dem Test abgeprüft wird, kann der Prüfungsteilnehmer seine Sprachfähigkeiten und gegebenenfalls seinen weiteren Lernbedarf einschätzen. Das ist neu.

Ist das Niveau B1 als Prüfungsziel denn angemessen?

Dazu gehen die Meinungen auseinander. Unter Experten gilt dieses Niveau einerseits als überaus ambitioniert und anspruchsvoll für viele Migrantinnen und Migranten, zumindest wenn es in 600 Unterrichtsstunden erreicht werden soll. Andererseits wird es jedoch von den meisten Experten als Minimalanforderung für sprachliche Integration angesehen.

Am Anfang der Entwicklungsarbeit dieses neuen Sprachtests stand für uns die Frage: Was muss ein Zuwanderer können, wenn er in Deutschland seine ersten Schritte macht? Wie muss der Sprachtest aussehen, damit er den Bedürfnissen der Migranten gerecht wird? Diese Bedarfsanalyse wurde vom Institut für Deutsch als Fremdsprache der Ludwig-Maximilians-Universität in München durchgeführt. Auf dieser Grundlage hat das Goethe-Institut das Rahmencurriculum für Integrationskurse Deutsch als Zweitsprache entwickelt, das Bedürfnisse und Lernvoraussetzungen der Zielgruppe der Kurse beschreibt und so die Ziele und Lerninhalte der Integrationskurse vorgibt.

Was kam dabei heraus?

Bestimmte Themen sind für Migranten von besonderer Bedeutung, etwa die Betreuung von Kindern, Schule, Ausbildung und die Orientierung auf dem Arbeitsmarkt. Mit diesen Themenfeldern ist ein bestimmter Wortschatz verbunden, aber auch eine Menge Wissen. Diese Aspekte wurden im Zertifikat Deutsch. kaum bzw. überhaupt nicht berücksichtigt. Der Deutsch-Test für Zuwanderer aber ist genau auf diesen speziellen Sprachbedarf abgestimmt. Es wird ein Wortschatz geprüft, der etwa für Beratungsgespräche, für Sprechstunden mit Lehrern oder auch für Gespräche bei Behörden und für das Ausfüllen von Formularen notwendig ist. Dieser Ansatz bereitet die Zuwanderer auf alltägliche Situationen vor und vermittelt ihnen gleichzeitig das notwendige Wissen zum Beispiel über die Betreuungsangebote, die es für ihre Kinder in Deutschland gibt.

Ist es also zum Bestehen des Tests notwendig, das Schulsystem in Deutschland zu kennen?

Es gibt keine einzige Frage in dem Test, die Wissen abfragt. Es kann aber bei der Prüfung eine Hörsituation vorkommen, in der ein Lehrer die Mutter eines Kindes anruft und sie auf Probleme des Kindes in der Schule hinweist oder sie in seine Sprechstunde einlädt. Auf diese indirekte Weise erfahren der Zuwanderer, dass es in Deutschland möglich ist, in eine Eltern-Sprechstunde eingeladen zu werden. Wir nennen das implizite Landeskunde.

Wie werden die Zuwanderer auf solche Fragen vorbereitet?

Das passiert im Sprachkurs. Durch das Rahmencurriculum für Integrationskurse, das ebenfalls vom Goethe-Institut entwickelt wurde, und den Deutsch-Test für Zuwanderer ist vorgegeben, welche Inhalte ein Vorbereitungskurs idealerweise vermitteln soll. Wie und mit welchem Lehrmaterial die einzelnen Integrationskursträger aber in ihren Kursen arbeiten, darauf hat das Goethe-Institut keinen Einfluss.

Wir haben die Fachverlage jedoch schon frühzeitig über das Rahmencurriculum und die Prüfungsinhalte informiert. Unser 200 Seiten starkes Handbuch zum „Deutsch-Test für Zuwanderer“ stellt die Prüfung für Fachleute detailliert dar. Auf der Grundlage dieser Vorgaben erstellen die Verlage Lehrmaterialien, mit denen optimal auf die Prüfung vorbereitet wird. Eine Liste der empfohlenen Lehrmaterialien hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zusammengestellt. Welches Lehrbuch der einzelne Integrationskursträger aussucht, ist ihm überlassen. Aber natürlich haben die prüfenden Institutionen selbst ein Interesse daran, dass möglichst viele ihrer Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Test bestehen

Gibt es schon Rückmeldungen von Seiten der Träger? Was halten sie von dem neuen Test?

Wir haben den Deutsch-Test für Zuwanderer in enger Zusammenarbeit mit denjenigen Trägern entwickelt, die am Ende auch die Prüfung abnehmen werden. Das heißt, wir haben Vertreter der prüfenden Institutionen eingeladen, bereits in der Entwicklungsphase die entstehenden Aufgaben zu testen und uns Feedback zu geben. So haben wir sichergestellt, dass die im Test gestellten Aufgaben und das Schwierigkeitsniveau sich als praktikabel erweisen. Als die ersten Testversionen fertig waren, haben wir diese an rund 50 Träger geschickt. Erprobt wurden diese Prüfungssätze dann in genau den Kursen, in denen später der Deutsch-Test für Zuwanderer auch abgenommen wird. Durch detaillierte Rückmeldungen wissen wir, dass die Kursteilnehmer mit den Aufgaben und Anforderungen mehrheitlich gut zurechtkamen. Viele Hinweise haben uns geholfen, einzelne Aufgaben zu verbessern.

Der Integrationskurs bereitet mit 600 Lerneinheiten auf die Sprachprüfung vor, aber nicht jeder Zuwanderer ist an schnelles und effektives Lernen gewöhnt. Wie werden denn die Lehrer der Kurse auf die besonderen Herausforderungen einer so heterogenen Zielgruppe vorbereitet?

Mit dem Deutsch-Test für Zuwanderer hat das Goethe-Institut eine Zielvorgabe entwickelt. Wie diese jedoch in den Kursen umgesetzt wird, fällt in die Zuständigkeit unseres Auftraggebers, vertreten durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Das Bundesamt legt fest, welche Träger die Prüfung abnehmen dürfen und wie die Lehrer ausgebildet sein müssen.

Ein entscheidender Faktor wird die Umsetzung des neuen Sprachtests sein. Damit hat das Bundesamt die telc GmbH (The European Language Certificate) beauftragt. Das heißt, telc gibt die Prüfungsordnung vor, organisiert die Einschreibung, korrigiert die schriftliche Prüfung und stellt die Zeugnisse aus. Auch die Vorbereitung der Träger gehört zu den Aufgaben von telc.

Mit dem Rahmencurriculum und dem „Deutsch-Test für Zuwanderer“ haben wir die Inhalte vorgegeben, auf denen die Kursinhalte beruhen sollten, um optimal auf die Prüfung vorzubereiten. Wie telc die gemeinsam erarbeiteten Vorgaben in den Kursen umsetzt, darauf hat das Goethe-Institut keinen Einfluss.
Das Interview führte Alexis Malefakis.

Juni 2009

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