Wörter mit Migrationshintergrund
Die Gewinner  
1. Platz: Tollpatsch, aus dem Ungarischen

Dieses Wort ist viele Kilometer gelaufen und hat Grenzen überwunden. Es hat einen Fuß vor den anderen gesetzt, hat sich auf seinem weiten Weg von Ungarn nach Deutschland die Sohlen abgelaufen. Endlich am Ziel, steht das einst breitfüßige, schwerfällige Wort in deutschen Landen nur ungeschickt vor uns. Wir lachen über den Neuankömmling, aber integrieren den Migranten schnell und so konsequent, dass wir seinen Migrationshintergrund ganz vergessen haben. – „Talpas“ nannte man ungarische Fußsoldaten im 17. Jahrhundert. „Breitfüßig, schwerfällig“ war die Bedeutung dieses Spitznamens (ung. Talp = Sohle, Fuß).
Barbara Eulberg, Berlin

2. Platz: Currywurst, aus dem Tamil

Ein Traumpaar: die urdeutsche „Wurst“ lebt mit „Curry“ in glücklicher Ehe – und das schon seit über drei Jahrzehnten! „Wurst“ stammt aus altem deutschen Hause, während „Curry“ aus der Tamilsprache Südindiens und Sri Lankas (karil) über das Portugiesische (caril) und das Englische (carriel [1598] à currey [1747]) nach Deutschland gezogen ist. Das Paar ist aus der deutschen Nachtszene nicht mehr wegzudenken, und trotz wachsender Konkurrenz des Döners weiterhin gesund und rüstig. Mit seiner vorbildlichen, von gegenseitigem Respekt geprägten Ehe liefert es den lebendigen Beweis, dass Integration eben nicht Assimilation heißen soll.
Mark Mühlhäusler, Bad Suderode

3. Platz: Engel, aus dem Griechischen

Der geflügelte Gottesbote hat sich sanft und leise in der deutschen Sprache und Symbolwelt niedergelassen. Er ist in Träume, Bräuche, Fensternischen und Kirchen geflogen. Er hat lächelnd Grenzen, Kulturen und Zeiten durchschritten. Überall war und ist er willkommen und ihm öffneten sich Welten und Herzen. Fremd ist er schon lange nicht mehr bei uns. So schön kann Migration sein.
Klaus Göldner, Maxhütte-Haidhof

Schulklassenwettbewerb: Milchshake, aus dem Englischen

Milchshake ist das allerbeste eingewanderte Wort! Es ist ein Sprachcocktail, der aus Englisch und Deutsch geschüttelt ist und der zeigt, dass das Deutsche keine Berührungsängste mit anderen Sprachen hat. Der vertraute Rohstoff Milch, den schon Babys mit auf den Weg bekommen, passt sich später – wie so vieles – an die neue, englische Sprache an. Dazu kommt noch, dass es zu unserem Wort keine treffende deutsche Übersetzung gibt, denn wer möchte schon einen „Milchschüttel“ trinken?
Klasse 8a, Paul-Klee-Gymnasium, Gersthofen

Jugendwettbewerb: Chaos, aus dem Griechischen

Mein bestes eingewandertes Wort ist Chaos. Das ganz Besondere daran: Es steht für etwas, das schon vor der Entstehung der Welt da war! Im Altgriechischen bedeutete das Wort „leerer Raum“. Schon die alten Griechen waren sich aber nicht ganz einig, was sollte es sein? Laut Hesiod gab es da einen „gähnenden Abgrund“, laut Platon ein „wüstes Durcheinander“ (gefunden in: Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache). Das fing ja gut an mit unserer Welt; was daraus geworden ist, das sieht man ja … . Was mir am besten an dem Wort Chaos gefällt, ist, dass es sowohl in seiner ursprünglichen als auch in seiner heutigen Bedeutung die verschiedenen Zustände meines Zimmer beschreiben kann. Wie kann das sein?! Als ich mein Zimmer im Dachgeschoss bezog, befand es sich in seinem Ursprungszustand – ein leerer Raum. In kürzester Zeit hat es sich der heutigen Bedeutung des Wortes angepasst: wüstes Durcheinander! Jedes Aufräumen entspricht einer lebendigen Etymologie des Wortes, wenn im Schnelldurchgang aus dem wüsten Durcheinander ein (fast) leerer, zumindest ziemlich geordneter Raum wird. Der Vorgang läuft jedoch, aus unerklärlicher Ursache, in umgekehrter Richtung mindestens ebenso schnell ab – mein Zimmer stellt also einen universellen (Teufels)kreis dar! Mit der Chaosforschung und der Chaostheorie habe ich mich noch nicht allzu viel beschäftigt, ich weiß nur, dass es vermutlich nicht sonderlich viel mit dem Durcheinander in meinem Zimmer zu tun haben kann. Außerdem genügt mir jetzt schon, was nach zehn Jahren Schule in meinem 16-jährigen Kopf gelegentlich abgeht. Da feiere ich, zur Entspannung, lieber meine ganz privaten Chaos-Tage, auch ohne Alkohol, Drogen und Randale. Und chaotische Systeme brauche ich nicht in der Mathematik oder Physik zu suchen, ein Blick in meinen Rucksack oder auf meinen Schreibtisch genügt … Und damit schließt sich der Kreis meiner Begründung, warum nur „Chaos“ mein bestes eingewandertes Wort sein kann.
Sandro Plonka, 15 Jahre, Vogtsburg


Die besten Einsendungen der Ausschreibung veröffentlichte der Hueber Verlag in einem Buch mit dem Titel „Eingewanderte Wörter“. Jeder Teilnehmer, dessen Beitrag in das Buch aufgenommen wird, erhält ein Geschenkexemplar.