Beate Becker über Ramallah: „Es gibt nichts, was unmöglich ist“

Blick über Ramallah, das frei übersetzt „Gotteshügel“ bedeutet (Foto: Beate Becker)
6. November 2010
Mit Palästina verbinden die meisten Menschen den Nahostkonflikt und Flüchtlingslager. Beate Becker lernte Ramallah als offene Stadt kennen, in der man sich wohlfühlen kann. Im Interview erzählt sie von den Reizen der Stadt, Improvisationskunst und unvergesslichen Erfahrungen im Niemandsland.
Was denken Sie über junge Westeuropäer, die ein Palästinensertuch als Accessoire tragen?
Da stelle ich mir mehrere Fragen: Was wollen diese Menschen ausdrücken? Sind sie für etwas oder gegen etwas? Protestieren sie gegen Repression, treten sie für das Recht auf individuelle Freiheit ein? Mittlerweile tragen Stars wie Mary-Kate Olsen so ein Tuch; neue Farben sind aufgetaucht wie türkis, gelb und lila. Zwar finde ich es interessant, welche Entwicklung ein Kleidungsstück über all die Jahre hinweg durchmachen kann, aber ich denke, außer modischen Aspekten steht wenig dahinter. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass jemand, der die Situation kennt, nach Europa zurückreist und dort ein Palästinensertuch trägt – ganz sicher nicht als Mode-Accessoire, und ebenfalls nicht als Zeichen seiner Gesinnung. Selbst die Läden in Ramallah, die solche Tücher verkaufen, sind eher Souvenirgeschäfte.
Welches Vorurteil über Palästinenser sollten wir schnell wieder vergessen?
Im Westen ist bekannt, dass viele Palästinenser seit Jahren in Flüchtlingslagern leben. Oft stellt man sich diese Lager als provisorische Unterkünfte im Sinne einer temporären Unterbringung am Rande der Stadt vor. Stattdessen liegen sie mitten im Stadtgebiet und sind nur durch die enge Bebauung und die hohe Bevölkerungsdichte zu erkennen. So wohne ich gegenüber des Flüchtlingslagers Al-Amari im Süden der Stadt, wo die Menschen seit 1948 hausen. Mittlerweile sind es 7000. Das Camp gibt eine Broschüre über seine Organisationsstruktur heraus. Mich hat diese Organisiertheit überrascht.
Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Ramallah?
Ich mag Orte der Begegnung zwischen Menschen. Mein Lieblingsort ist das relativ neue Café La Vie, besonders dessen Garten, wo man unter Granatapfel-, Ascadenia- und Olivenbäumen ein kühles Bier aus Taybeh genießen kann. Taybeh ist ein Nachbarort von Ramallah mit einer eigenen Bierbrauerei. Die Besitzer von La Vie – zwei Brüder, die lange Zeit in den USA gelebt haben – haben ihr Elternhaus zu einem modernen Café umfunktioniert, die Bäume hat der Vater gepflanzt. Es gibt dort Kuchen, deren Rezepte teilweise aus Büchern unserer Mediathek stammen. Leckerer Kuchen unter Olivenbäumen abends so gegen 19 Uhr, wenn der Wind auffrischt – das ist herrlich.

Goethe-Mitarbeiterin Becker: „Die eingeschränkte physische Bewegungsfreiheit wird wettgemacht durch die Vorstellung, dass es nichts gibt, was unmöglich ist.“ (Foto: privat)
Im Mai bin ich zum ersten Mal nach Gaza gereist, wo wir Ende 2009 einen Dialogpunkt einrichten konnten. Von Ramallah aus kommt man nach Gaza nur über den Checkpoint Erez im Norden des Gaza-Streifens. Ich kannte bereits andere Checkpoints und war nicht darauf gefasst, eine Art Terminal vorzufinden, das auf mich wirkte wie das Terminal B des Frankfurter Flughafens, kurz nachdem es eröffnet worden war. Fast ohne Menschen, ohne Bewegung, aber perfekt funktionierend. Von den oberen Etagen wird man von den Angestellten beobachtet; unten gibt es nur Personen hinter Glasscheiben, die über ein Mikrofon Fragen stellen. Nach den Fragen schicken sie mich weiter ins Innere des leeren Gebäudes; ich soll eiserne Drehtüren passieren, muss aber offensichtlich erst warten, bis die rote Lampe darüber grün wird. Man steht einfach nur da und wartet. Niemand hält es für nötig, zu sagen, wie man auf die andere Seite kommt. Dann irgendwann kann man durch und gelangt in einen langen, käfigartigen Gang mitten durchs heiße Niemandsland. Man geht und geht; ab und zu kommt einer entgegen oder man stößt auf liegengebliebene, halb verrostete Rollstühle. Diese Mischung aus Kontrollverlust und Trostlosigkeit hat mich betroffen gemacht. Auf der Rückreise stempelt man mir einen Ausreisestempel Gaza in den Pass, als sei ich in ein anderes Land gereist.
Wer kommt zu Ihnen ins Goethe-Institut?
Unsere Kursteilnehmer sind überwiegend junge Leute. Gerade in den Sommermonaten sind es Abiturienten, die in Deutschland studieren möchten. Medizin ist immer noch das Wunschstudium Nummer 1. Seit kurzem läuft ein Kurs für Ärzte, die ihre Facharztausbildung in Deutschland absolvieren möchten. Ihre Ausbildung ist ihnen so wichtig, dass sie nach der Arbeit dreimal pro Woche drei Stunden Deutschunterricht in Kauf nehmen.
Was ist Kultur in Ramallah?
An Kultur gibt es hier alles, was man braucht: Kino, Ausstellungen, Konzerte, Restaurants, Bars. Einer der wichtigsten Anlaufpunkte ist das Al-Kasaba-Theater mit zwei Sälen, einem Restaurant und einer Galerie, wo regelmäßig Ausstellungen stattfinden. Seit Oktober 2009 ist im Al-Kasaba auch die erste Schauspielschule Palästinas untergebracht: die Drama Academy Ramallah. Es ist also nicht so, dass es in Ramallah keine kulturellen Veranstaltungen gibt; problematisch sind eher die Isolation der hiesigen Kulturszene und die mangelnde Möglichkeit zum Austausch.
Worauf freuen Sie sich in Deutschland?
Am meisten auf das Gefühl, mal wieder in Deutschland zu sein. Dann befinde ich mich in Situationen, in denen mir plötzlich einfällt, dass ich vieles an Deutschland gut und schön finde, aber doch irgendwie nicht mehr so präsent habe, zum Beispiel die tollen öffentlichen Verkehrsmittel, die Käse- und Brotsorten, die Ruhe und Bedächtigkeit im öffentlichen Leben.
Worauf in Ramallah?
Nach ein paar Tagen Deutschland freue ich mich dann wieder auf das Gewusel in Ramallah, auf das Chaos auf der Straße, auf die frisch gepressten Säfte, auf die Unplanbarkeit.
Was kann man von den Palästinensern lernen?
Palästinenser sind extrem gut im Improvisieren. Manchmal denke ich, dass die eingeschränkte physische Bewegungsfreiheit wettgemacht wird in den Köpfen der Menschen dadurch, dass es in der Vorstellung nichts gibt, was unmöglich ist. Wir Deutsche können von ihnen lernen, dass eine Regel nicht sklavisch befolgt werden muss, dass es Regeln gibt, die in einer bestimmten Situation für eine bestimmte Person keinen Sinn ergeben, und man auf ihre Befolgung verzichten kann, solange man nicht sich selbst oder andere gefährdet.
Die Fragen stellte Sophie Rohrmeier
Das Deutsch-Französische Kulturzentrum liegt im Stadtzentrum von Ramallah (Foto: Goethe-Institut)
Beate Becker (44) arbeitet seit 2003 mit dem Goethe-Institut zusammen: Im Rahmen ihrer Tätigkeit als DAAD-Lektorin in Syrien führte sie am Goethe-Institut Damaskus Studienberatung durch und nahm zusammen mit der Sprachabteilung Prüfungen ab. Im Sommer 2006 zog sie nach Buenos Aires, wo sie am Goethe-Institut unterrichtete. Seit Mai 2010 ist Beate Becker Leiterin der Sprachabteilung am Goethe-Institut Ramallah. Dort ist sie dabei, das Sprachkursangebot auszubauen.










