Neun Fragen an ...

Therese Eckardt über Ulan Bator: „Sie fahren, wie sie reiten“

Therese EckardtCopyright: iStock
Der wohl berühmteste Mongole thront als Denkmal auf dem Sukhbaatar Platz: Dschinghis Khan (Foto: iStock)

3. April 2012

Was wissen wir eigentlich über die Mongolei? Vermutlich nicht viel mehr als über Pferdekopfgeigen. Die spielt man dort. Wie lebt es sich im Land der Bodenschätze, zwischen Filzzelten und Fleischessern? Therese Eckardt, Goethe-Mitarbeiterin im Verbindungsbüro Ulan Bator, berichtet.

Welches Vorurteil über die Mongolei sollten wir ganz schnell wieder vergessen?

Eckardt: Das Bild der weiten Steppenlandschaften mit Pferden und Hirten, die Vorstellung einer transsibirischen Eisenbahnreise und, dass Menschen auf dem Pferd zur Arbeit reiten. Das trifft auf die Mongolei nur teilweise zu, auf Ulan Bator überhaupt nicht. Die Hauptstadt pulsiert. Fast die Hälfte der 2,7 Millionen Einwohner des Landes lebt dort. Der Verkehr nimmt mehr und mehr zu, man sieht sämtliche westliche Automarken. War man zwei Monate lang nicht am anderen Ende der Stadt, stehen dort schon wieder neue Hochhäuser. Auch die Technologie ist sehr fortschrittlich. Mich beeindruckt zum Beispiel das Mobilfunksystem: Man kann sich durch Eingabe eines Zahlencodes gegenseitig Guthaben schicken und borgen.

Ihr größter Kulturschock?

Die Straßenverhältnisse. Als Fußgänger lebt man hier gefährlich. Zum Beispiel bedeutet eine rote Ampel nicht, dass die Autos halten. Und es kommt vor, dass auf einer zweispurigen Straße noch eine fünfte Fahrbahn eröffnet wird. Man hat das Gefühl, es wird in der Stadt gefahren wie in der Steppe geritten.

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Auch sie trifft man in der Steppe: Kamele – und noch häufiger in der Wüste Gobis (Foto: Therese Eckardt)

Was bewegt die Menschen in Ulan Bator derzeit am meisten?

Die Mongolei erlebt seit Jahren einen Mining Boom. Es werden Minen ausgebaut, um Bodenschätze wie Kupfer, Gold oder besondere Erden zu bergen. Die Menschen beschäftigt die gerechte Verteilung des Rohstoffvorkommens. Einerseits ist die Rede von einem Wirtschaftswachstum, das Arbeitsplätze schaffen und einen soziokulturellen Wandel bewirken soll. Auf der anderen Seite haben die Mongolen Angst vor der Abhängigkeit von ausländischen Investoren. Im Juli stehen die nächsten Wahlen an. In diesem Zusammenhang gibt es heiße Diskussionen über den versprochenen Anstieg der Löhne und Gehälter – der bisher noch nicht eingetreten ist.

Was ist Kultur in Ulan Bator?

Das sind traditionelle Tänze und Gesänge wie der Kehlkopfgesang und das Spielen alter Instrumente, zum Beispiel der Pferdekopfgeige. Auch die Kalligrafie, die alte mongolische Schrift Khuuchin Mongol Bischig, wird im Land gelehrt. Daneben gibt es die moderne Kultur mit Konzerten, Opern und Streetart-Festivals. Im Sommer sollte man das Nationalfest der Mongolen, das Naadamfest, nicht verpassen. Man kann im ganzen Land Pferderennen, Bogenschießen und Ringen, die drei typischen Sportarten der Mongolen, beobachten.

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Zum „Nadaamfest“ setzen selbst die Ampeln auf Pferde. Bei Grün, versteht sich (Foto: Mareike Günsche)

Warum lernen Mongolen Deutsch?

Die Mongolei hat eine enge Verbindung zu Deutschland, was auf die Zeit, in der das Land eine sozialistische Volksrepublik war, zurückgeht: Damals leisteten Experten aus der ehemaligen DDR hier Entwicklungsarbeit, und viele Mongolen studierten im östlichen Teil Deutschlands. Bis heute geht man davon aus, dass ungefähr 30.000 Menschen im Land deutsche Sprachkenntnisse haben. Vergleicht man die Zahl mit der Gesamtbevölkerung, so hat die deutsche Sprache eine doch beachtliche Stellung in Ostasien. Dass Mongolen heute Deutsch lernen, hat verschiedene Gründe. Das deutsche Bildungssystem ist aufgrund seiner Qualität sehr anerkannt. Viele junge Mongolen haben das Ziel, in Deutschland zu studieren oder als Au Pair zu arbeiten.

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Therese Eckardt: „Die Mongolen sind eine Fleischesser-Nation“ (Foto: Mareike Günsche)
Und was machen Ihre Mongolisch-Kenntnisse?

Ich würde sagen, ich habe Basiskenntnisse und kann mit der Sprache problemlos einkaufen oder Taxi fahren. In der Zukunft möchte ich sie ausbauen.

Was ist das Schwierigste an der mongolischen Sprache?

Dass Vokale mehrere Aussprachmöglichkeiten besitzen, die zu unterschiedlichen Bedeutungen eines Worts führen. Wenn man beispielsweise im Restaurant Wasser, also us, mit der falschen Aussprache des u bestellt, sind es schnell Haare. Es gibt vier u-Varianten, deren Unterschiede unsereins kaum heraushört.

Welche Erfahrung werden Sie nie vergessen?

Vor drei Jahren hatte ich die Möglichkeit, eine Woche bei einer Nomadenfamilie zu verbringen. Ich lebte in der Jurte, dem traditionellen Nomadenzelt mit Filzwänden, welches sich schnell auf- und abbauen lässt, und teilte den Tagesablauf mit der Familie. Für 250 Lämmer haben wir die richtigen Mütter herausgesucht, um die Kleinen zu versorgen und wir holten gefrorenes Wasser aus dem Brunnen, um kochen zu können. Das tollste Erlebnis war, dass ich einen Nomadenjungen auf einem Pferd begleiten konnte, und wir haben zweihundert Pferde zur Wasserstelle getrieben.

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Das Jurte-Camp im Terelj-Nationalpark (Foto: Therese Eckardt)

Was lieben die Mongolen über alles?

Fleisch! Die Mongolen sind eine Fleischesser-Nation, was an der Geschichte des Landes und den natürlichen Gegebenheiten liegt. Wir haben in der Mongolei ungefähr 40 Millionen Stück Vieh – 2,7 Millionen Einwohner. Der typische Nomade isst hauptsächlich Hammel. Ich bin übrigens Vegetarierin. Zum Glück eröffnen immer mehr vegetarische Restaurants. Und die Regale in den Supermärkten bieten von Jahr zu Jahr mehr Obst, Gemüse – und Waren aus Deutschland.

Die Fragen stellte Daniela Gollob

Mit sieben Jahren kam Therese Eckardt, 31, zum ersten Mal in die Mongolei. Ihre Eltern leisteten technische Entwicklungshilfe. Nach ihrem Studium der Erziehungswissenschaft, Medienwissenschaft und Psychologie kehrte sie dorthin zurück – um an Schulen Deutsch zu unterrichten. Ihre Tätigkeit im Verbindungsbüro in Ulan Bator begann sie im Jahr 2008. Sie bereitete die Sprachkursprogramme vor, die das Goethe-Institut zwei Jahre später aufnahm. Seitdem betreut sie diese.
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