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Deutsche Spuren in Israel: „Nehmen Sie ein Kupferhaus mit nach Palästina!“

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Können Sie’s bitte einpacken? Mehrere dieser deutschen Take-Away-Häuser landeten Anfang der Dreißiger im heutigen Israel (Foto: Noa Ben Shalom)

22. März 2013

In dem Kaffeehaus mit Meerblick spricht man Deutsch, in Sichron Ya’akow rüsten schwäbische Christen das Land für den Ernstfall aus, und in Jaffa trifft man plötzlich Willy Brandt. Israel ist voller Verbindungen nach Deutschland. Für die Spurensuche gibt es jetzt eine neue App. Von Susanne Knaul

„Natürlich haben wir eine Karte auf Englisch“, sagt der Kellner zu einer Touristin aus Deutschland. Es gab Zeiten, da hatte das Café Mersand, Frischman- Ecke Ben-Yehuda-Straße in Tel Aviv, sogar welche auf Deutsch. Das 1955 von deutschen Einwanderern gegründete Café ist eine der Oasen in Israel, wo bis heute Deutsch gesprochen wird, wenn hier an den Nachmittagen die Jecken, die deutschstämmigen Juden, zum Kaffeeklatsch mit Apfelstrudel kommen. Im Zeitungsständer liegt der Tachles, das jüdische Wochenmagazin aus der Schweiz. Wer günstig sitzt, kann vom Café aus einen Blick aufs Meer erhaschen.

Gegen Abend wird das Publikum jünger. Es scheut das Ambiente der Fünfzigerjahre nicht. An einem Tisch sitzt ein Mann allein vor seinem Laptop, an einem anderen ein Pärchen vor Bier und Gasos, einer grellfarbigen Brause, die es in verschiedenen Geschmacksrichtungen gibt. Das Café Mersand gehört zu den Anlaufpunkten, die mit einer neuen iPhone-App abrufbar sind.

Denn das Goethe-Institut in Tel Aviv macht sich jetzt per Smartphone auf die Suche nach deutschen Spuren in Israel. Wer mehr wissen will über das Grab Oskar Schindlers auf dem Zionsberg in Jerusalem, das Haifaer Technion oder das Klimatherapiezentrum am Toten Meer mit dem Namen Christiane Herzog – das Goethe-Institut liefert per Berührung auf dem Handy-Display die passende Information.

Orte erzählbar machen

Kaum 30 Einträge zeigt das junge Projekt vorläufig, aber das soll bald anders werden. Bis Ende Juni fordert das Goethe-Institut dazu auf, mitzumachen und einen kurzen Text plus Foto einzusenden über Orte, die auf deutsche Präsenz in Israel hinweisen. Mit etwas Glück lässt sich dabei sogar eine Reise nach Deutschland gewinnen. Der Startschuss zum Wettbewerb stieß „auf guten Widerhall“, berichtet Klaus Krischok, der Leiter des Tel Aviver Goethe-Instituts.

Krischok ist der geistige Vater des Projekts Deutsche Spuren, und er hofft auf die Beteiligung vor allem von jungen Israelis. Schon ausprobiert haben es die New Yorker Kollegen mittels einer mobilen Website. In Israel – wie auch in Brasilien und Bratislava – wird die Spurensuche zum ersten Mal als App angeboten. Damit will Krischok dem veränderten „Leseverhalten junger Menschen“ entgegenkommen.

Gerade in Israel gibt es „so viele Orte mit deutschem Bezug“, sagt Krischok, so dass Geschichte nicht abstrakt sein muss, sondern „anhand dieser Orte erzählbar wird“. Die bisher gesammelten Texte stammen allesamt aus der Feder der Zeit-Korrespondentin Gisela Dachs, und sie sind auf drei Sprachen – Deutsch, Englisch und Hebräisch – als Text oder O-Ton kostenlos herunterzuladen, allerdings vorerst nur per iPhone.

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Erst vor wenigen Jahren hat die Christiane Herzog Stiftung für Mukoviszidose-Kranke am Toten Meer ein Klimatherapiezentrum errichtet (Foto: Noa Ben Shalom)

Krischok ist gespannt, was im Rahmen des Wettbewerbs noch alles zum Vorschein kommt. Neu war für ihn selbst etwa die Willy-Brandt-Straße in Jaffa und die aus Deutschland stammenden Kupferhäuser, von denen heute noch drei in Haifa und eines in Safed steht. Mit dem Slogan „Nehmen Sie ein Kupferhaus mit nach Palästina“ warb einst die Firma Hirsch Kupfer und Messingwerke AG in Zeitungsanzeigen um Käufer. Der Architekt Robert Krafft und der Ingenieur Friedrich Förster entwickelten die Fertighäuser, die sich praktischerweise in Pakete packen ließen und innerhalb von nur einem Tag bezugsfertig sein sollten. Später nahm sich Walter Gropius der Entwicklung der Kupferhäuser an, von denen bis Kriegsende insgesamt 100 produziert wurden. Nicht von ungefähr trugen die Modelle Namen wie Haifa, Jaffa, Tel Aviv und Jerusalem. Das kleinste Haus mit 70 Quadratmetern Wohnfläche gab es für 6.550 Reichsmark, wobei die Verpackung und das Verschicken der Pakete nach Palästina mindestens noch einmal soviel gekostet haben dürften.

Das Projekt des Goethe-Instituts will drei Zeitabschnitte abdecken: die Vorgeschichte bis zur Staatsgründung beginnend im 19. Jahrhundert, dann die Zeit des Holocaust, der Immigrationswelle aus Deutschland bis zur Staatsgründung und schließlich der deutsch-israelische Austausch und deutsche Präsenz in Israel heute. Wie in Sichron Ya’akow zum Beispiel, wo ein paar hundert Christen eine kibbuzartige Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft errichtet haben. Beth El („Das Haus Gottes“) nennen sich diese christlichen Zionisten, die in den Sechzigerjahren aus Schwaben nach Israel kamen.

Nur nach Voranmeldung und auf entsprechenden Knopfdruck öffnet sich das riesige Eisentor zum Firmengelände der Rainbow-Kompaktanlagen für den Schutz bei ABC-Angriffen. Die Produktionsanlage wird ausschließlich von Mitgliedern der Beth-El-Gemeinde betrieben. Einzig für das Marketing wurde ein Israeli engagiert. Im Empfang sitzen drei große blonde Frauen, die ihre langen Haare zum Dutt hochgesteckt haben. Sie tragen altmodische, bis zum Hals zugeknöpfte Kittel. Eine der Regeln von Beth El ist, dass sich die Frauen niemals die Haare schneiden.

Marlene Dietrich als Pionierin

Die deutschen Christen mögen rein äußerlich so gar nicht in ihre Umgebung und Zeit passen, trotzdem gehört ihr Unternehmen zu den modernsten im Land, vielleicht sogar in der Welt. Ein Kunde der fleißigen Schwaben ist die israelische Armee. Von den Empfangs- und Verkaufsräumen aus gibt ein Fenster den Blick auf die Produktionsanlagen frei. Druckausgleichsgeräte und Filter werden hier hergestellt und sind in jeder Größe erhältlich. Selbst Bürohäuser und Hotels lassen sich von Beth El auf den Ernstfall vorbereiten.

Die „deutsche Gemeinde von Sichron Ja’akow“ ist vielen Israelis längst ein Begriff. Manchmal muss man hingegen erst mit der Nase auf etwas gestoßen werden, um überhaupt zu merken, dass es einen deutschen Bezug gibt. Im Restaurant Beit Zion America im Tel Aviver ZOA House etwa hängt ein Bild von Marlene Dietrich. Das Bild „ist eine Hommage an Marlene Dietrich“, so schreibt Gisela Dachs. „Es erinnert an die Israel-Tournee des deutschen Stars im Jahr 1960 – fünf Jahre vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern.“ Sie war die erste Sängerin, die deutsche Texte auf eine israelische Bühne brachte.

Was Projekt-Initiator Krischok bisweilen Kopfschmerzen bereitet, ist die Frage, wo Israel aufhört. „Die Auffassung, was Israel ist und wo es endet, ist in Israel eine andere, als im Ausland“, meint er, riskierte es aber trotzdem, das Grab der Else Lasker-Schüler mit in seine Spurensuche aufzunehmen. Die sterblichen Überreste der deutschstämmigen Dichterin liegen auf dem Friedhof am Ölberg in Ostjerusalem.



Die „Deutsche Spuren“-App ist ein interaktiver Reiseführer des Goethe-Instituts, mit dem man deutschen Spuren in Israel, aber auch in Brasilien oder im slowakischen Bratislava folgen kann. Weitere Orte werden folgen. Die App informiert über Architektur, Geschichte und Personen – in Text, Bild und Video. Über die Websites der jeweiligen Goethe-Institute gelingt die Spurensuche auch vom heimischen Rechner aus.
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