Portugiesische Fachkräfte: Deutschlands Kliniken rufen

Der Weg nach Deutschland: Bessere Berufsaussichten locken – doch der Abschied von der Heimat fällt nicht leicht (Foto: Christoph Mücher)
31. Mai 2013
Im Süden Europas haben junge Leute oft kaum noch Jobchancen. Deutschland hingegen braucht dringend Fachkräfte. Mit Deutsch in den Beruf heißt daher eine neue Initiative des Goethe-Instituts, die den Weg in den deutschen Arbeitsmarkt ebnen soll. Ein Besuch in Lissabon. Von Christoph Mücher
Das „Auditorium“ ist brechend voll. Das Goethe-Institut in Lissabon feiert ausnahmsweise mal sich selbst. 50 Jahre alt ist es geworden. Ein triftiger Grund also, die Freunde des Hauses – von denen es in Portugal besonders viele gibt – zu einem fröhlichen Fest zu laden. Aber kein Grund, die Arbeit zu unterbrechen. Und so beginnt, während sich im Haus die Gäste Anekdoten aus fünf Jahrzehnten erzählen, im neu eingerichteten Klassenraum in der ehemaligen Hausmeisterwohnung ein Spezialkurs für Krankenpfleger. In knapp vier Monaten werden 14 junge Frauen und zwei unerschrockene Männer auf B1-Niveau gebracht, um dann ihre neuen Stellen an Kliniken in Frankfurt und München anzutreten. Der neue Arbeitgeber zahlt nicht nur die Kursgebühren, sondern zugleich auch den portugiesischen Mindestlohn von rund 500 Euro, damit sich die Kursteilnehmer voll auf den Erwerb des Akkusativs und des entsprechenden Fachsprachenrepertoires konzentrieren können.
Beeindruckend der Elan und Optimismus der Gruppe, die schon nach einem Tag Unterricht den Gast mit Fragen auf Deutsch löchert. Dabei hatte niemand schulische Vorerfahrungen mit dieser Sprache. Englisch ist die erste und für die meisten einzige Fremdsprache. Carolina beherrscht sie besonders gut. Sicher, sie hätte auch nach Großbritannien gehen können, meint die junge Frau mit leicht amerikanischem Akzent. Doch auch wenn ihr das sicher leichter gefallen wäre, reizt sie die neue Erfahrung. Hierfür hat sie einiges auf sich genommen, schließlich stammt sie eigentlich aus Madeira. Nun wohnt sie in Lissabon, zusammen mit zwei Freundinnen, die ebenfalls am Goethe-Kurs teilnehmen.
Vorbereitung auf das B1-Niveau: Deutschkurs für Krankenpfleger im Goethe-Institut Lissabon (Foto: Christoph Mücher)
Der Abschied von der Familie sei ihr schon schwergefallen, doch waren sich alle einig, dass es sich lohne, diesen Schritt zu gehen, der einen Ausweg aus der gerade unter jungen Leuten so verbreiteten Arbeitslosigkeit verspricht. Erfahren hat Carolina von dem Kurs durch einen Kollegen, der den ersten Modellkurs erfolgreich absolviert hat und nun in Frankfurt sein Geld verdient. Die klare Perspektive ist sichtbar motivierend und auch diejenigen, die weniger sprachbegabt wirken als Carolina, hängen sich voll rein. Am zweiten Tag kämpfen sie schon wacker mit den Zahlen, hören zwölfstellige Telefonnummern, vergleichen Geburtstage, Adressen und Glückszahlen.
Hausaufgaben im schattigen Garten des Goethe-Instituts
30 Minuten vor Unterrichtsschluss packt Lina ihre Sachen. Freundlich verabschiedet sich die junge Frau, nicht etwa weil die Nachmittagssonne sie ins Freie lockt. Vielmehr wartet die Abendschicht in ihrem Krankenhaus, verbunden mit einem Weiterbildungskurs für Pflegerinnen. „Das ist zwar etwas viel“, räumt Lina lachend ein, doch ein Ende der Mehrbelastung sei ja in Sicht. Entspannung findet sie als Klarinettistin einer Jazz-Band, ein Hobby, das spätnachts seinen Tribut fordere. Ihre Klassenkameradinnen zeigen sich nicht weniger dynamisch. Kaum dass der Unterricht vorbei ist, versammelt sich die halbe Klasse um einen der schattigen Tische unter den Bäumen im Garten, um Erfahrungen zu reflektieren und Hausaufgaben zu machen.Kein Wunder, dass die Frankfurter Klinik mit dem ersten Schwung ihrer portugiesischen Helferinnen hochzufrieden ist, wie Anne Nicklich berichtet, die die Sprachkurse in Lissabon koordiniert. Das hohe professionelle Ethos und die schier nicht zu erschütternde Fröhlichkeit der jungen Pflegerinnen scheint die Investition des deutschen Arbeitgebers zu rechtfertigen. Naturgemäß sei der Wechsel vom Tejo an den Main für viele zunächst eine anstrengende interkulturelle Erfahrung gewesen, zumal Pfleger in Portugal weiterreichende Kompetenzen hätten. Aber noch seien alle guter Dinge und an Bord.
Mittlerweile hat auch Anne Stöhr im Garten Platz genommen. Die junge Lehrerin erholt sich bei einem Kaffee von sechs Unterrichtsstunden. Dabei macht ihr das Intensivprogramm sichtlich Spaß. Der enge Kontakt mit der Gruppe schaffe ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl, es sei ein bisschen wie Familie, und diese Gruppe sei motiviert und lernfreudig. Die Betreuung des Sonderkurses sei eine besondere Herausforderung. „Wir bemühen uns, schon frühzeitig Fachvokabular einzubauen, und arbeiten dabei auch mit authentischem Material, das uns die Krankenhäuser zur Verfügung stellen“, erklärt sie. Ein maßgeschneidertes Programm, das ergänzt wird durch ein webgestütztes Angebot, mit dem weiteres Material zur Vertiefung und eine Plattform zum Austausch zur Verfügung stehen.
Pilotschulen für Deutsch
Dorothea Klenke-Gerdes, seit vier Jahren Leiterin der Spracharbeit in Portugal, begrüßt den neuen Schwung, den die gesteigerte Nachfrage nach Deutsch gebracht hat. Dabei stoße das Institut aber immer mehr an seine Grenzen. Dank des Umbaus gebe es zwar neue Klassenräume, aber auch diese seien mittlerweile nahezu rund um die Uhr belegt. „Es ist durchaus möglich, außerhalb des Instituts neue Räumlichkeiten zu finden“, räumt Klenke-Gerdes ein, „aber für eine solche Ausweitung bräuchten wir neue Lehrkräfte.“ Gut ausgebildete Deutschlehrer seien angesichts des Booms stark ausgelastet und es sei nicht gerade einfach, neue – etwa aus Deutschland – zu bekommen, zumal man eine dauerhafte Beschäftigung nicht in Aussicht stellen könne.Wichtiger, als das eigene Sprachangebot auszubauen, ist es für Klenke-Gerdes jedoch, das Wahlfach Deutsch innerhalb des portugiesischen Bildungssystems zu stärken. „Die staatlichen Lehrpläne bieten zu wenig Raum und Kontinuität für die zweite Fremdsprache“, beklagt sie, „auch wenn es an Willensbekundungen aus der Politik nicht fehlt.“ Sie wünsche sich ein größeres Engagement auch der Eltern, die frühzeitig Einfluss auf die Bildungsoptionen ihrer Kinder nehmen sollten.
Immerhin gibt es erste Erfolge. So hat ein Gymnasium dieser Tage den ersten Deutschkurs seit 20 Jahren eingeführt, weitere sollen folgen. Das Goethe-Institut versucht, diese Entwicklung zu unterstützen, indem es wichtige Schulen mit „Leuchtturmfunktion“ unterstützt. So ist ein Netzwerk von „Pilotschulen für Deutsch“ entstanden, an denen die Sprache mit Elan und Erfolg unterrichtet wird. Hilfreich dabei sind die Vorbilder von Menschen, die es geschafft haben, dank ihrer Deutschkenntnisse zu neuen beruflichen Ufern aufzubrechen – so wie die jungen Krankenpflegerinnen.
Diesen Text haben wir – etwas gekürzt – dem Magazin des Goethe-Instituts entnommen. Noch mehr spannende Reportagen, Hintergründe und Interviews zum Thema finden Sie in der Ausgabe „Deutsch!“.
Seit Anfang 2012 bieten die Goethe-Institute in Südeuropa verstärkt berufsbezogene Sprachkurse an. Sie richten sich vor allem an ausländische Fachkräfte, die eine Anstellung in Deutschland gefunden haben oder suchen. Ingenieure, Mediziner, Juristen oder Krankenpfleger werden sprachlich auf den deutschen Berufsalltag vorbereitet. Auch in Deutschland können sich beispielsweise Mediziner aus dem Ausland gezielt sprachlich weiterbilden. Das Kommunikationstraining Deutsch für Ärzte etwa findet an allen Goethe-Instituten bundesweit statt. In Freiburg und Mannheim folgt dem fachsprachlichen Training ein praktischer Teil in Kliniken, in dem die Kursteilnehmer von der Anamnese bis zur Patientenaufklärung von medizinischen Mentoren begleitet werden. Das Programm Medizin. Kompetenz. Deutsch – Fachsprache in der klinischen Praxis wird in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Freiburg angeboten.







