Mode in Bangladesch: „Es ist abartig, wenn Firmen nur ein paar Cent für ein T-Shirt zahlen“

Wenn die Näherinnen – wie in dieser Textilfabrik in der Nähe von Dhaka – überall gerechte Löhne bekämen, sagt Modemacher Sontag, würden die Endpreise nur geringfügig steigen (Foto: Judith Mirschberger)
12. Juli 2013
Nach dem Einsturz einer Fabrik nördlich von Dhaka schaut die Welt kritisch auf Bangladeschs Textilindustrie. Der Modedesigner Michael Sontag war gerade selbst dort – als Dozent eines Workshops für junge Kollegen. Im Interview spricht er über Risiken und Chancen einer Branche für ein ganzes Land.
Beim Einsturz einer Textilfabrik nördlich von Dhaka starben im April über 1000 Menschen, 2500 wurden verletzt. Die Katastrophe hat mal wieder den Blick auf die schlechten Arbeitsbedingungen in dem südasiatischen Land gelenkt. In Deutschland wächst die Kritik an zu preiswerter Kleidung. Haben Sie trotzdem Verständnis, wenn Menschen bei uns in Discountern Mode zu Schnäppchenpreisen kaufen?
Sontag: Selbstverständlich. Einkommensschwache Familien mit Kindern können einfach nicht so viel Geld für Kleidung ausgeben. Die haben doch kaum eine Wahl. Aber es kann auch nicht sein, dass die Leidtragenden die armen Näherinnen in Bangladesch sind.
Hat die Modeindustrie hier eine Verantwortung?
Natürlich, überhaupt keine Frage. Es ist einfach abartig, wenn internationale Modeketten beim Einkauf in Bangladesch nur ein paar Cent für ein T-Shirt zahlen. Da muss sich wirklich was ändern, jeder klar denkende Mensch versteht das. Die Frauen – meist sind es ja Frauen – müssen für ihre harte Arbeit gerecht bezahlt werden. Letztlich würden sich die Endpreise bei uns nur unwesentlich erhöhen, das muss drin sein.
Haben Sie selbst Textilfabriken in Bangladesch besucht?
Was haben Ihre Gesprächspartner dazu gesagt?
Sie wollen die Textilindustrie trotz dieses schrecklichen Unglücks unbedingt in ihrem Land haben. Kein Wunder: Ein sehr hoher Prozentsatz der Arbeitnehmer ist in diesem Wirtschaftszweig beschäftigt. Es wäre fatal, wenn die Jobs wegfallen würden. Die Bekleidungsindustrie ist für das Land schließlich eine große Chance. Allerdings müssen die Umstände und Arbeitsbedingungen stimmen. Daran muss dringend gearbeitet werden, und das ist auch machbar.
Sie waren gerade zum ersten Mal in Bangladesch – als Dozent bei einem Mode-Workshop des Goethe-Instituts. Was hat Sie an diesem ungewöhnlichen Lehrauftrag gereizt?
Bangladesch ist eben weltweit bekannt für seine Textilindustrie, aber nicht für Modedesign. Darüber wollte ich mehr erfahren: Wer beschäftigt sich hier mit Design, was gibt es für Ausbildungsmöglichkeiten und welche Impulse kann ich als europäischer Modedesigner geben?
Wer hat an dem Workshop teilgenommen?
Neun Designerinnen und ein Designer mit verschiedenen beruflichen Hintergründen: Teilweise studieren sie an Kunsthochschulen, manche arbeiten auch schon in der Textilindustrie – Potenzial haben sie alle. Von Anfang an waren sie begeistert, neugierig und sehr motiviert. Sie verstehen schnell und haben eigene Ideen. Ich war echt beeindruckt.
Was haben Sie im Kurs gemacht?
Wir waren drei Dozenten, die als Team gearbeitet haben, aber jeder von uns hat seinen eigenen Schwerpunkt gehabt. Sakina M’Sa hatte ein Kleid vorbereitet, auf dessen Grundschnitt die Teilnehmer ihre eigenen Kleider entwickelt haben. Bei Bibi Russel zeichneten sie klassische Modeillustrationen, die sie dann in konkrete Entwürfe umsetzten. Und ich habe mit ihnen drapiert. Das ist mein Kennzeichen: Ich entwickle Kleidungsstücke direkt an der Schneiderpuppe, ohne sie vorher zu zeichnen. Ich habe den Kursteilnehmern meine Technik gezeigt, dann bekam jeder Stoffe und eine Puppe, um eigene Kreationen zu drapieren. Grundsätzlich war das für sie nichts Neues, diese Technik gehört ohnehin zur Kleiderkultur in Bangladesch. Nur meine spezielle Art, der Versuch, den Moment festzuhalten, war für sie neu.
Modeschau zum Abschluss des Workshops: „Auch ich habe meine Sehgewohnheiten geändert“ (Foto: Md. Reaz Uddin)
Neben gestalterischen Tipps ging es also auch um Technik und Materialien?
Ja, sowohl als auch. Ich habe mit den Teilnehmern über die Entwürfe diskutiert und Denkanstöße gegeben, was gute oder weniger gute Ideen sind. Anschließend habe ich ihnen aber auch konkret gezeigt, wie sie ihre Schnitte abnehmen müssen, um sie erst auf Papier und dann auf den Originalstoff übertragen zu können. Wir arbeiteten dabei nur mit natürlichen Materialien aus Bangladesch. Besonders Bibi Russel nutzt viele Stoffe und Accessoires, die traditionelle Handwerker auf dem Land herstellen. Mir ist dabei selbst nochmal bewusst geworden, wie wichtig der Fokus auf solch besondere Handwerkskunst für unsere Arbeit als Designer ist.
Ist Mode überhaupt ein Thema in Bangladesch, einem der ärmsten Länder der Welt?
Absolut. Mode ist wichtig; sie ist Ausdruck von Kultur und ein Kommunikationsmittel. Bei uns ist es angesagt, mit zerrissenen Jeans, verwaschenen T-Shirts und Dreitagebart rumzulaufen. So sehen hier die ganz Armen aus. Jeder, der sich ein bisschen was leisten kann, zeigt das durch saubere, ordentliche Kleidung. Mode hat einen großen Stellenwert in Bangladesch.
Unterscheidet sich Modedesign in Bangladesch von dem, was Sie aus Europa kennen?
Es gibt natürlich ästhetische Unterschiede. Mir ist aber in Dhaka besonders das Nebeneinander von traditionellen und westlich geprägten Kleidungsstücken aufgefallen. Viele Frauen tragen Sari oder Salwar Kamiz, einen Dreiteiler aus Oberteil, Hose und Schal. Tags darauf erscheint dieselbe Frau dann in Jeans und T-Shirt. Diese Vielfalt bildet sich auch in den Entwürfen unseres Workshops ab. Für mein Empfinden sieht das teilweise sehr kostümiert aus, dann aber auch wieder ganz modern. Diese Erfahrung ist toll, weil auch ich meine Sehgewohnheiten hinterfrage.
Hat Sie der Besuch in Dhaka inspiriert?

Designer Sontag: „Potenzial haben sie alle“ (Foto: Christian Schwarzenberg)
Können Sie sich Textilien made in Bangladesch auch bei exklusiven Labels vorstellen?
Auf jeden Fall. Zum Teil wird das ja auch schon gemacht. Generell hat man in Bangladesch die handwerklichen Fähigkeiten, alles umzusetzen, was dafür notwendig ist. Ob die Kollektionen von Designern aus Bangladesch auch ästhetisch in Europa ankommen, ist eine andere Frage. Das hat aber nichts mit der Qualität zu tun.
Wo setzen die Nachwuchsdesigner nun Ihre Anregungen aus dem Workshop um?
Insgesamt sind rund 30 Kleidungsstücke entstanden. Die Ergebnisse gefallen mir sehr gut. Gemeinsam treffen wir nun eine Auswahl, was wir auf den Modenschauen zeigen wollen. Darüber wird auch die nationale Presse berichten, die sich generell sehr interessiert zeigt. Diese Aufmerksamkeit könnte den Teilnehmern nützen, wenn wir wieder weg sind. Außerdem sind zwei von ihnen auf Einladung der deutschen Botschaft zur Fashion Week nach Berlin gekommen. Dort schauen sie sich unter anderem auch meine Show an. Vielleicht komme ich ja wieder mal nach Dhaka. Lust und viele weitere Ideen hätte ich jedenfalls.
Das Interview führte David Weyand
Vor 50 Jahren besiegelte der Élysée-Vertrag die deutsch-französische Freundschaft. Anlässlich dieses Jahrestages haben sich das Goethe-Institut Dhaka und die Alliance Française in Dhaka und Chittagong zusammengetan und gemeinsam ein Kulturprogramm entwickelt, dieses Mal zum Thema Modedesign. Unter Anleitung der renommierten Modeschöpfer Sakina M’Sa aus Frankreich, Michael Sontag aus Deutschland sowie Bibi Russel – ehemaliges Top-Modell, Unesco-Botschafterin und Designerin – aus Bangladesch, wurden zehn junge Modedesigner zu einem dreiwöchigen Workshop nach Dhaka eingeladen. In den Räumen des Goethe-Instituts gestalteten sie gemeinsam eine Kollektion, die sie abschließend auf vier Modeschauen in der Alliance Française in Dhaka und Chittagong der Öffentlichkeit präsentierten. Michael Sontag, geb. 1980 im bayerischen Trostberg, studierte Modedesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Als Gaststudent war er auch an der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs in Paris, einer der bedeutendsten französischen Ausbildungsstätten für Design. Mit seiner ersten Solo-Modenschau gelang ihm im Sommer 2009 auf der Fashion Week in Berlin der internationale Durchbruch. Sein besonderes Markenzeichen sind asymmetrische Schnitte, Drapierungen und Naturtöne.








