Auf Geistersuche in Grönland: „Es gibt sie“

Weißer Riese: Eisberg in der Diskobucht an der Westküste Grönlands (Foto: Sabine Küchler)
16. Juli 2013
Es war eine eher ungewöhnliche Expedition: Eine Journalistin und zwei Musiker spürten den Geistern Grönlands nach. Jetzt sind sie mit einer Festplatte voller Interviews und sonderbarer Geschichten und Klänge zurückgekehrt. Ein Reisebericht von Sabine Küchler
„Es ist das Licht“, sagt der Fotograf Olaf Otto Becker, der Anfang Mai in meiner Sendung zu Gast ist. „Das Licht und die Luft werden Sie niemals wieder vergessen.“ Er hat über Jahre Grönland besucht und mit seiner Plattenkamera die Landschaft dokumentiert. Eisberge, verharschte Schneewälle, Wasser und Fels – eine Welt in Weiß und Türkis, deren Schönheit und Erhabenheit atemberaubend und unheimlich ist.
Wir werden uns wiedersehen, denn Olaf Otto Becker wird zufällig auch in Grönland sein, wenn wir reisen. Drei Soundenthusiasten, eine Hörfunkredakteurin und zwei Musiker (Eva Pöpplein und Janko Hanushevsky vom Duo Merzouga), auf der Suche nach Geschichten und Gesängen, dem unverwechselbaren akustischen Ausdruck einer Kultur. Denn uns geht es nicht um Ressourcen und Klimaerwärmung, nicht um die noch unausgeschöpften touristischen Kapazitäten Grönlands, uns geht es um die Tradition der sogenannten Qivitoq-Geschichten. Verschroben und unzeitgemäß mag unser Interesse wirken.

In Ilulissat steht vor jedem Haus ein Schlitten (Foto: Sabine Küchler)
Verwurzelt in der Mystik der Inuit werden diese Geistergeschichten auch heute noch erzählt an langen Abenden, wenn draußen die Winterstürme toben. Wie lebendig ist diese Kultur des Geschichtenerzählens tatsächlich, fragen wir uns, auf welche Weise verbinden die Qivitoq-Geschichten die mystische Welt der Inuit mit der heutigen Lebenswelt der Grönländer?
Anfang Juni brechen wir auf. In der Propellermaschine nach Nuuk sitzt eine ältere Dame neben mir, die mich mit harten Ellbogenstößen auf die Schönheiten ihres Landes aufmerksam macht. Was gar nicht nötig wäre, denn ich kann mich kaum sattsehen an dieser Natur aus Stein und Eis und Meer und Schnee, die – so wirkt es von oben – gut auskäme ohne den Menschen. Wie erstaunt ist man, als plötzlich Nuuk auftaucht, eine Sammlung bunter hingeworfener Häuser im Fels. Unten, an meinem ersten Tag in Nuuk, werde ich feststellen: Nuuk ist modern, urban, weltoffen und irgendwie so ganz anders, als ich gedacht habe. Es wird ein Leitmotiv unserer Reise bleiben – wie unsere diffusen Erwartungen korrigiert werden von der Erfahrung einer auch an Widersprüchen reichen Gegenwart.

Neues Nuuk: Hinter der Nebeldecke schimmern moderne Hochhäuser hervor (Foto: Sabine Küchler)
Vom ersten Tag an sind Rekorder und Kamera im Dauerbetrieb. Am Ende der Reise werden es mehr als 24 Stunden sein, die wir aufgenommen haben: Interviews, Musik, nie gehörte filigrane Naturklänge. Wir werden in Nuuk eine Lektion im Trommeltanz erhalten haben, die uns zeigt, wie stark hierzulande das Bedürfnis ist, eine zeitgenössische Identität aus den Wurzeln der Tradition zu entwickeln. „Die Lieder gehören nicht uns“, sagt eine der jungen Sängerinnen später, „wir nehmen mit unseren Stimmen an ihnen teil, wir singen die Lieder und geben danach den Gesang wieder frei.“
Ist nicht jeder Künstler ein Qivitoq?
Der Filmemacher Karsten dreht gerade einen modernen Qivitoq-Film. „Wir sind doch nur zwei, drei Generationen von den Jägern entfernt und ihrem Denken“, sagt er. Nichts von Folklore, Nostalgie oder esoterischer Bedürftigkeit. „Die Qivitoqs sind da, ganz klar“, sagt Karsten. „Mag sein, dass Nuuk nicht der richtige Ort für sie ist, weil hier zu viele Menschen leben. Aber es gibt sie.“
Im alten Hafen von Nuuk: „Going Qivitoq ist das Prinzip unserer Kultur“ (Foto: Sabine Küchler)
Und die Leiterin der Grönländischen Nationalbibliothek Elisa, die zweimal im Jahr Qivitoq-Abende im Lesesaal veranstaltet, spricht nur noch von Storytelling, seitdem ihr die Leute die Türen eingerannt haben, weil hier alle verrückt nach Geistergeschichten sind. Elisa rümpft die Nase über Menschen, die glauben, man könne mit den Geistern Kaffee trinken. Sie hatte früher ein Eisbärenfell mit magischen Kräften in ihrem Besitz. Sachlich erzählt sie davon, wie das Fell ganz Nuuk mit einem Kurzschluss in komplette Dunkelheit versetzte. Und auch in der Bibliothek leben Geister. „Manchmal hören wir die Geräusche der Tatzen auf Holz, dann atmet es laut, das Licht flackert, und am Morgen hängt ein strenger Geruch im Eingangsbereich.“
Es ist die Dissonanz von Tradition und Gegenwart, in der die alten Geschichten überleben und wachsen. Going Qivitoq, hat der Filmemacher Karsten in Nuuk erzählt, sei die Devise all jener Menschen, die es nicht aushalten können in unseren Städten. Die unserer Zivilisation die Wildnis vorziehen. Going Qivitoq, hat mir der Tupilak-Künstler Kim unten im Hafen von Ilulissat erklärt, „ist das Prinzip unserer Kultur“. Und ich war mir nicht sicher, ob es überhaupt richtig sein kann, einen Tupilak, eine dieser kleinen, trollähnlichen Skulpturen, zu erwerben. Als genügte eine kurze Reise und das richtige, „authentische“ Souvenir, um sich eine Kultur einzuverleiben.

Auf dem Schiff von Nuuk nach Ilulissat geht es an menschenleeren Küsten vorbei (Foto: Sabine Küchler)
„Was bedeutet eigentlich“, haben wir unseren Fotografenfreund Olaf Otto Becker am Ende der Reise gefragt, „was bedeutet eigentlich das Reisen für dich?“ „Man weiß“, hat Olaf geantwortet, „dass man überall nur zu Gast ist. Man nimmt für einen kurzen Moment einen Fensterausschnitt wahr, und es ist sehr gut möglich, dass man überhaupt nicht verstanden hat, was man durch dieses Fenster gesehen hat. Aber man möchte es besser verstehen. Und deshalb zieht man erneut los.“
Aus den gesammelten Interviews und Aufnahmen des Projekts „Qivitoq – Geister Grönlands“ entsteht eine Textreihe von Deutschlandfunk-Redakteurin Sabine Küchler. Sie dokumentiert die Bedeutung der Quivitoq-Geschichten und der Inuit-Tradition im Leben der Menschen im 21. Jahrhundert. Außerdem nutzt das Kölner Klangduo Merzouga die Aufnahmen der rituellen Inuit-Musik und polaren Natur Grönlands für eine elektro-akustische Komposition. Die Eindrücke ihrer Grönlandreise sind auch in ihrem Reiseblog nachzulesen. Qivitoq – Geister Grönlands ist eine Koproduktion von Deutschlandfunk und des grönländischen Radiosenders Kalaallit Nunaata Radioa (KNR)/Greenlandic Broadcasting Corporation in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Dänemark.







