Goethe aktuell

Klaus-Dieter Lehmann im Interview: „Ich will keine kulturelle Entwicklungshilfe“

© Manu Theobald Projekt 'Into Johannesburg': 'Eine neue Intensität in der kulturellen Wahrnehmung'. Copyright: Manu Theobald

Klaus-Dieter Lehmann ist rundum zufrieden. Nach gut einem Jahr im Amt spricht der Präsident des Goethe-Instituts noch immer von einem Traumjob. Ganz besonders freut er sich über Fortschritte auf dem „vergessenen Kontinent“. Statt Defiziten sieht er dort vor allem Potentiale. Aber auch in Metropolen wie New York und Istanbul verfolgt Lehmann neue Ideen.

18. Juni 2009

Vor gut einem Jahr sind Sie als Nachfolger von Jutta Limbach Präsident des Goethe-Instituts geworden. Wie oft haben Sie die Entscheidung seither bereut?

Lehmann: Kein einziges Mal. Das war ein wunderbares Jahr.

Was war denn so wunderbar?

Zum Beispiel, dass es eine zielgerichtete Politik der Regierung gab, besonders des Außenministers Frank-Walter Steinmeier, bei der Kultur im Außenverhältnis Deutschlands wieder eine wesentliche Rolle spielte, ohne dass sie instrumentalisiert oder politisiert wurde. Die Reform des Goethe-Instituts wurde ermöglicht, und es gab eine deutliche Etaterhöhung. So konnten wir etwa in Afrika jährlich 5,6 Millionen Euro zusätzlich ausgeben. Mit dem Geld haben wir auch neue Institute und Sprachlernzentren eröffnet.

Die Finanzkrise hat das Goethe-Institut nicht erreicht?

Noch nicht. Und ich möchte jetzt auch keinen Plan B für die Finanzkrise aus der Schublade ziehen. Natürlich muss der Politik klar sein: Beziehungen zum Ausland entwickeln sich nicht nur über ökonomische, sondern eben auch über kulturelle Aspekte. Gerade in der Krise sind Investitionen in kulturelle Bildung ein langfristiger Gewinn.

Was hat Sie am meisten überrascht, als Sie ans Goethe-Institut gekommen sind?

Im Positiven, wie wenig behördlich dieser große Apparat doch ist. Unsere Entscheidung, die Verantwortung in die Regionen zu geben, aus wenigen Akteuren in der Zentrale wieder viele in aller Welt zu machen, hatte ja doch tiefe Einschnitte zur Folge. Dennoch wurde diese Reform mit einer erstaunlich schnellen Bereitschaft aufgenommen.

Und im Negativen?

Was mich etwas verwundert hat, war, dass immer noch sehr stark zwischen außen und innen unterschieden wird. Die 135 Goethe-Institute in über 80 Ländern leisten phantastische Arbeit, aber man erfährt darüber zu wenig in Deutschland. Dabei ist es so wichtig, dass die Deutschen selbst begreifen, dass das, was die Goethe-Institute draußen machen, auch für ihr eigenes Land entscheidend ist.

Katharina Wilhelm
„Eröffnung des Goethe-Instituts in Luanda“


Sie haben bereits Afrika erwähnt. Bei ihrem Amtsantritt haben Sie vom „vergessenen Kontinent“ gesprochen und Afrika zu einem Ihrer Schwerpunkte erklärt. Was hat sich seitdem getan?

Das Goethe-Institut ist schon seit den Sechzigerjahren in Afrika. Aber es hat eigentlich nie eine wirkliche Konzentration auf den Kontinent gegeben. Dabei haben wir in Afrika den Vorteil, dass wir nicht in dem Maße tiefgehende koloniale Traumata abarbeiten müssen wie andere europäische Länder. Deshalb haben die Deutschen in Afrika einen ziemlich guten Ruf. Das ist zumindest meine Erfahrung. Dazu kommt, dass wir keine monolithische Wirtschaftspolitik haben wie etwa China oder die USA, die bevorzugt den Warenverkehr im Blick hat. Wir können eine Form der Beziehungen aufbauen, die über Sprache, Kultur und Kenntnisse der Länder läuft. Und da können sich Wirtschaft und Kultur im Anwenden kultureller Kompetenz wunderbar ergänzen.

Sie kommen gerade aus Angola...

Ja, in der Hauptstadt Luanda haben wir diese Woche ein neues Institut eröffnet, nach Daressalam das zweite in Afrika seit 2008. Damit sind wir auch zum ersten Mal im portugiesisch sprechenden Afrika präsent. Jetzt haben wir in 25 der 47 Länder südlich der Sahara Präsenzen.

Nun ist Kulturarbeit südlich der Sahara natürlich etwas völlig anderes als etwa in Nordamerika.

Das stimmt, aber man darf sich unsere Arbeit deshalb jetzt nicht wie eine Art kulturelle Entwicklungshilfe vorstellen. Die Entwicklungshilfe geht ja immer dorthin, wo Defizite sind. Und die Defizite entdeckt sie mit ihren europäischen oder ihren deutschen Augen. Aber ich will Afrika nicht auf diese Defizite reduzieren. Im Gegenteil: Ich sehe die Potentiale. Da gibt es zum Beispiel den Bereich Film. In Nigeria gibt es ein lebendiges Festival und eine eindrucksvolle Filmproduktion. Für Musik gilt dasselbe. Auch für Mode oder Tanz, das sind alles Dinge, bei denen in Afrika viel Kreativität vorhanden ist, aber es fehlen oft die stabilen Strukturen oder die Mittel, innovative Entwicklungen umzusetzen.

Das Goethe-Institut ist auch in Metropolen wie New York sehr aktiv. Was können Sie dort bieten, was es nicht ohnehin schon gibt? An Kultur herrscht da ja kein Mangel.

Unser neuer Ansatz ist, dass wir in die Szene selbst gehen, um Profil zu zeigen. In New York haben wir deshalb an der Lower Eastside einen Ausstellungsraum eröffnet, junge deutsche Kunst hingebracht und Diskussionen angeregt. Das heißt, man hat einen Hauptstandort – in unserem Fall eine repräsentable Adresse in der Fifth Avenue – und einen Stützpunkt in der Szene.

Residenzen scheinen derzeit auch im Trend zu liegen...

Zu Recht! Ich halte ungeheuer viel von diesen Programmen. Sie schaffen eine neue Intensität in der kulturellen Wahrnehmung. Da schicken wir aus Deutschland Künstler, Autoren, Musiker für eine längere Zeit in eine Metropole und schaffen ihnen alle Verbindungen mit der jeweiligen örtlichen Szene. Und neben diesen Residenzen in Goethe-Instituten soll es künftig auch noch eigene Häuser geben: In Istanbul entwickeln wir mit der Künstlerakademie Tarabya einen Ort, der deutsche und türkische Künstler zusammenführt, von der Kunst, Architektur und Musik bis zur Literatur. Sowohl das Parlament als auch die Regierung unterstützen dieses Vorhaben. Eine ähnliche Residenz planen wir in Kyoto.

Eine wichtige Aufgabe des Goethe-Instituts ist natürlich auch die Vermittlung der deutschen Sprache. Wie hat sich diese Arbeit im letzten Jahr entwickelt?

Da gibt es ein Sonderprojekt, von dem ich ganz begeistert bin: Wir haben zum ersten Mal in der Geschichte des Goethe-Instituts eine Sprachoffensive mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes gestartet, bei der insgesamt in der Welt 45 Millionen Euro eingesetzt werden und an deren Ende – gemeinsam mit den von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen betreuten Schulen – 1300 Schulen stehen werden, die Deutsch bis zur Hochschulreife vermitteln. Wobei wir keine Schulen betreiben. Wir bilden Lehrer aus. Darin haben wir langjährige Erfahrung. Und dann existiert beispielsweise an einer Schule in Jakarta oder an einer Schule in Windhuk eine sehr attraktive Deutschabteilung, die wie ein Staubsauger die Interessenten anzieht, die Deutsch lernen wollen.

Welche Rolle hat das Deutsche heute überhaupt noch in der globalisierten Welt? Lingua franca ist unangefochten das Englische. Und auch Spanisch, Chinesisch, Arabisch scheinen inzwischen längst eine größere Bedeutung erlangt zu haben als das Deutsche.

Ich fahre da eine Doppelstrategie: Zum einen möchte ich die deutsche Sprache als Kulturträger wieder viel stärker zur Geltung bringen. Das Deutsche ist eine wunderbare Sprache für Dichtung, Philosophie, Kunst... Zum anderen ist Deutschland Exportweltmeister. Insofern ist es für viele für die persönliche Berufs- und Lebensplanung nützlich, Deutsch zu lernen, sowohl unter wirtschaftlichen als auch unter wissenschaftlichen Aspekten. Schauen Sie, wie viele Filialen deutscher Unternehmen es im Ausland gibt! Aber wir können natürlich dem Englischen keine Konkurrenz machen. Deshalb verfolgen wir vor allem in Europa sehr stark die Politik der Mehrsprachigkeit. Wir wollen, dass immer in den Schulen neben dem Englischen möglichst eine zweite Fremdsprache unterrichtet wird. Da kann das Deutsche Gewinner sein.

Auch beim umstrittenen Sprachtest für Ehegattennachzug beteiligt sich das Goethe-Institut. Warum?

Niemand hatte bisher für die Migranten, die hier leben und arbeiten, die Voraussetzung formuliert: Wenn ihr euch integrieren wollt, müsst ihr Deutsch können. Man hat Multikulturalismus als Wert angesehen, und was entstand? Parallelwelten, die sich nicht verständigen konnten. In Deutschland haben wir bei den Migranten 40 Prozent Schulabbrecher – weil sie die Sprache nicht beherrschen. Deshalb unterstütze ich die Politik, Nachzügler von Migranten schon im Heimatland mit einem Minimum an Deutsch vertraut zu machen. Für mich ist das auch eine Art der Emanzipation. Da kommt eine junge Frau aus der Türkei oder aus Kroatien nach Deutschland und kann sich hier wenigstens eigenständig bewegen, kann einkaufen, kann zum Arzt gehen. Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die sich diese Voraussetzungen erarbeiten, es sehr positiv empfinden. Das Goethe-Institut will auch in Deutschland selbst – stärker als bisher – die Integration unterstützen. Migranten sollen als Bereicherung empfunden werden.

Im Herbst ist Bundestagswahl. Sie haben sich sehr positiv über Frank-Walter Steinmeier geäußert. Heißt das, Sie wünschen ihm, dass er Außenminister bleibt? Das wird er nicht gern hören...

Wir werden inzwischen von einer parteiübergreifenden Koalition getragen, im Deutschen Bundestag und auch in der Regierung. Das beflügelt uns. Aber die Initiativen gehen natürlich immer von bestimmten Personen aus, und in diesem Fall war das sicher Minister Steinmeier. Ich glaube, dass auch eine neue Regierung „goethe-minded“ ist. Wir haben eine innere Reform erfolgreich geleistet, wir können mit unseren betrieblichen Instrumenten professionell umgehen, so dass die Steuergelder transparent und effizient ausgegeben werden und wir haben Programme, die im Mittelpunkt gesellschafts- und kulturpolitischer Fragen stehen. Ich sehe der Wahl daher sehr gelassen entgegen.

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