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Bas Böttcher: Literatur wie ein Rockkonzert

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Literat voller Energie: Bas Böttcher (Foto: gezett.de)

22. August 2009

Dichten für den Augenblick – beim Poetry Slam geht es um den mitreißenden Vortrag vor Publikum. Das gesprochene Wort ist immer noch der kraftvollste Ausdruck, sagt Bas Böttcher, Vorreiter des „Dichterwettstreits“. Im Gespräch mit Rory MacLean erläutert er für Meet the Germans, was Hip-Hop, Hardcore und Shakespeare mit seiner Kunst zu tun haben.

Dichter hören Worte im Kopf und verbinden Silben mit Sinn, so wie ein Komponist Musik schreibt. Auch Schriftsteller müssen ihre Sätze hören, damit der Klang der gewählten Worte ihre Ideen von den Buchseiten abheben lässt, auch wenn wenige Leser Bücher jemals laut lesen. Die Musik der Sprache ist jedoch vor allem in der gesprochenen Dichtung zu hören, bei der die Kunst des Vortrags untrennbar mit dem Schöpfungsakt verknüpft ist.

„Die Poesie des gesprochenen Worts hat drei wesentliche Grundlagen: Klang, Zeit und Sinn“, erzählt mir der Prinz des deutschen Poetry Slam, Bas Böttcher, in einem Cafe neben dem Berliner Landwehrkanal. „Kombiniert man Klang und Zeit, so hat man Rhythmik. Kombiniert man Rhythmik mit Sinn, dann kann die Arbeit überzeugen.“

Bas Böttcher – Bekommbar Copyright: Michael Maier
Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Audio zu hören Aus der aktuellen CD Neonomade (CD und Buch, Voland & Quist 2009)

Poetry Slam stammt ursprünglich aus Amerika. In den Siebzigern und Achtzigern verwandelten Dichter in New York und Chicago ihre privaten Lesungen in öffentliche Inszenierungen und später Wettbewerbe, bei denen sie das Publikum als Jury heranzogen. Sie vermischten Stimme, Klang und Theater, flirteten mit dem Hip-Hop, lehnten sich an die Tradition der Dub Poetry an und verschoben die Grenzen noch weiter, indem sie bei ihren Auftritten Choreografie und Beatboxing einbezogen. Dabei erfanden sie eine atemlose neue Literaturform voller Energie. Bas Böttcher war der erste Deutschsprachige, der sie auf die deutsche Bühne brachte.

„Meine Wurzeln liegen tief in den 1980ern“, sagt er zwischen Schlückchen von seinem Espresso. „Ich bin mit der Neuen Deutschen Welle aufgewachsen, dem deutschen Musikgenre, das aus Punk und New Wave entstanden ist. Ich hörte Bands wie Kraftwerk und Falco. Ich liebte ihren einfachen Umgang mit Songtexten.”

Böttcher, ein entspannter, sympathischer Mittdreißiger, war die ganze Nacht auf, aber trotz Schlafmangels scheint es ihm nicht an Frische oder Begeisterung zu fehlen.

„In der Schule ging ich in den Chor, weil die ganzen hübschen Mädchen drin waren, und lernte, zusammen mit nicht weniger als fünfzig anderen Menschen gleichzeitig zu singen, zu harmonieren und den Takt zu halten. Es war eine fantastische Vorbildung für mein späteres Leben. Dann begann ich mit dem Schreiben von Songtexten und gründete mit meinem Freund DJ Loris Negro eine Band nach dem Vorbild von Hardcore-Bands wie NoMeansNo. Ich spielte kein Instrument, also musste ich singen, und die Band – sie hieß Zentrifugal – hatte einigen Erfolg. Unser Publikum tanzte und feierte, was super war, aber im Lauf der Zeit wurde mir klar, dass sie eigentlich lieber auf meine Worte hören sollten.“

Böttcher kam zum ersten Mal durch den „hyperkorrekten“ Lyriker Lemn Sissay aus Manchester mit Spoken Word Poetry in Berührung. Sissays Auftritt 1993 in Bremen warf ihn um, und wenig später trat Böttcher im Vorprogramm des Mojo Clubs in Hamburg zum erstmals selbst auf die Bühne. Die Veranstaltung – eine Art poetischer Wirbel auf Deutsch und Englisch – kam so gut an, dass Böttcher, damals 20 Jahre alt, zu einer Soloshow erneut eingeladen wurde.

„Vielleicht wollten die sich damals auch nur die Flugkosten für einen weiteren englischen Dichter sparen“, lacht er mit einem Achselzucken.

Böttcher begann zu reisen, trug seine Gedichte von einer Stadt zur anderen und baute sich im ganzen Land ein treues Stammpublikum auf. In gewisser Hinsicht war er ein wandernder Geschichtenerzähler in der Tradition der mittelalterlichen Minnesänger, übermittelte scharfe und oft sarkastische Beobachtungen zum heutigen Leben, verwendete aber das hochmoderne Web, Mobiltelefone und schnelle Zugverbindungen. Seine wachsende Popularität machte ihn gleichzeitig bescheiden und aufgeregt.

„Es ist ein faszinierender Moment, wenn man vor zwei- oder dreihundert Leuten steht und zusieht, wie sie ruhig werden und auf den Anfang der Show warten. Ich hatte nie einen gedruckten Text vor mir. Ich hatte kein Instrument. Alles hing davon ab, was ich mit dem Moment anfing. Das war der Punkt, an dem das Adrenalin zu fließen begann und ich anfangen konnte, mich mitzuteilen.”

Böttcher gewann wieder und wieder den deutschen Poetry-Slam-Preis. Ihm wurden Stipendien des Literarischen Colloquiums Berlin und der Pariser Sorbonne Nouvelle verliehen. Er dehnte seine Tourneen auf das Ausland aus und nahm dazu oft seine Textbox mit, eine mannshohe Plexiglaskabine mit Übersetzungsmonitoren, die er in seiner Wohnung entworfen und gebaut hatte. Dieser tragbare, schalldichte Raum für Vorstellungen erlaubte ihm, auf geräuschvollen Buchmessen in Beijing, Bangkok, Sao Paulo und Frankfurt das Publikum über Kopfhörer zu unterhalten.

“Wir leben heute in einer Welt des Ausschneidens und Einfügens,” sagt Böttcher. “Worte, Musik, Filme – alles lässt sich kopieren. Nur der Mensch lässt sich nicht kopieren. Deshalb ist die Live-Performance so wichtig. Die Zuhörer haben ein tiefes Bedürfnis nach dem Original.”

Er ist sich der Illusionen und Täuschungen der Popkultur bewusst, wie er in seinem Gedicht mit dem doppeldeutigen Titel Dran glauben schreibt und performt:

Bas Böttcher – Dran Glauben
Copyright: Pawel Woznicki
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Dran Glauben
Häng deine Hoffnung an ein Plastikschwein made in Taiwan,
häng deine Hoffnung an ein’ Pflasterstein und andern Kleinkram.
Zur Show gibt es Kitsch,
zum Popstar das Image,
zur Schönheit die Bräunung,
zum Glück gibt’s die Täuschung.
Also:
Dran glauben!
Kram kaufen!
Augen schließen!
Den Schwindel genießen! ...

„Mir liegt der Sinn der Worte und der Weg, sie am kraftvollsten zu kommunizieren, sehr am Herzen“, gibt er zu. „Wenn ich schreibe, bekomme ich ein Gefühl für den Text, als ob ich das Material mit meinen Fingern bearbeite. Ein Lyriker muss die Sprache respektieren. Sie ist ein so machtvolles Medium. Vor allem wir Deutschen wissen, was passieren kann, wenn man die Sprache missbraucht. Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst.“

Heute erschließt Böttcher ständig neue Wege zur Vermittlung seiner dynamischen Arbeit, zum Beispiel durch sein Buch Megaherz, das Unterrichtsprogramm Die Poetry-Slam-Expedition, seine DVD Poetry Clips und jetzt seine neuen Gedichtbände mit CD, Dies ist kein Konzert und Neonomade. Er hat auch Ambitionen, fürs Theater zu schreiben.

„Mich hat Shakespeares Konzept des Theaters immer fasziniert, wie er mit den Schauspielern zusammengearbeitet und wie er die Worte für das laute Sprechen geschrieben hat. Schließlich ist die Wurzel für das Wort Sonnet das italienische Wort für Klang.“

In den nächsten Monaten tritt Böttcher an Dutzenden von Orten in ganz Deutschland und Österreich sowie Frankreich und Kroatien auf. Im Herbst kommt er nach London zur Language Show im Messezentrum Olympia. Schauen Sie ihn sich an und sehen Sie zu, wie Worte und Ideen lebendig werden.

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