Goethe aktuell

Autorin Ariane Grundies über Helsinki: „Ich habe plötzlich Gedichte geschrieben“

Dominik BaurCopyright: Dominik Baur
Autorin Grundies: „Man darf sich nicht abschrecken lassen“ (Foto: Dominik Baur)

29. September 2009

Der Finne als solcher ist – nun ja, anders. Da wo der Deutsche laut ist, ist er still; wenn der Deutsche schweigt, macht er Lärm. Das zumindest hat Stadtschreiberin Ariane Grundies in Helsinki erfahren dürfen. Und auch das Gegenteil davon. Ein Gespräch über Klischees, Saunen und kleine Messer.

Frau Grundies, Sie waren im Sommer zwei Wochen als „Stadtschreiberin“ für das Goethe-Institut in Helsinki. In Ihrem ersten Blog-Eintrag haben Sie geschrieben: „Ich freue mich darauf herauszufinden, wie verrückt die Finnen wirklich sind.“ Und? Wie verrückt sind sie?

Grundies: Also ich habe niemanden gesehen, der sein Handy weit weggeworfen hat. Ob die Finnen wirklich verrückt sind oder nicht, weiß ich nicht. Aber da für mich alles neu war, hat einiges recht verrückt gewirkt. Manchmal machen sie schon komische Sachen.

Zum Beispiel?

Man weiß ja, dass Finnen sehr still sind. Aber an Orten, wo ich es kenne, dass es still ist, etwa in der Kirche oder in der Sauna, da sind die plötzlich ganz laut. Und wo unsereins in normaler Lautstärke spricht, an der Supermarktkasse oder auf der Fähre, da war immer alles ganz still. Niemand hat was gesagt.

Als Sie das Angebot bekamen, Stadtschreiberin zu werden, haben Sie gleich ja gesagt?

Ja. Ich habe mich sehr gefreut. Ich mag ja den Norden sehr, und ich war noch nie in Finnland.

Was macht denn den Job eines Stadtschreibers aus?

Eigentlich ist es nur Augen und Ohren offen halten – und dann darüber schreiben, was man so erlebt. Und was man so denkt über die Dinge, denen man da so über den Weg läuft.

Copyright: Ariane Grundies Fotostrecke: Eindrücke einer Stadtschreiberin


Was war denn für Sie selbst das skurrilste Erlebnis in den zwei Wochen?

Das war in einer Sauna. Ich bin eigentlich kein Sauna-Fan, aber das eine oder andere Mal bin ich in Deutschland schon in die Sauna gegangen. Doch in Finnland ist das komplett anders. So etwas wie Ruheräume gibt es da nicht. Stattdessen sitzen die Leute auf Teppichen und trinken Bier. Das war fast wie in einer Kneipe. Sehr skurril. Es gibt sogar Konzerte in der Sauna. Eigentlich wollte ich zu einem gehen, aber leider habe ich es verpasst.

Wenn man die Titel Ihrer Bücher ansieht, möchte man Ihnen ein kleines Faible für Gebrauchsanweisungen unterstellen: Was wäre besonders wichtig in einer Anleitung für Finnland?

Das Wichtigste ist: Man darf sich nicht abschrecken lassen und muss den Finnen offen begegnen – auch wenn sie erstmal grimmig aussehen.

Die meinen’s gar nicht so?

Man weiß es nicht. Die sagen ja oft überhaupt nichts. Dann darf man sich nicht irritieren lassen, und irgendwann werden die dann auch gesprächiger. Vielleicht.

Sie haben geschrieben, Ihnen sei der Unterschied zwischen still und stumm klar geworden.

In meiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern sind die Leute ja auch eher etwas still. Aber wenn ich denen etwas erzähle oder die mir, dann sagt man wenigstens mal „Mhm“, „Aja“, „Okay“, „Nö“ oder was auch immer. Der Finne dagegen sagt – nichts. Die kommunizieren einfach nicht so. Die schauen dich nur an und hören dir zu. Aber du weißt nicht, ob sie dich jetzt total bescheuert finden oder sich gerade gut unterhalten.

Sie haben die ausbleibende Reaktion in solchen Fällen einfach zu Ihren Gunsten ausgelegt?

Nein, das kann ich ganz schlecht. Ich hab’ mir immer gesagt: Die halten mich für total bescheuert. Aber die Wahrheit ist, dass nicht alle Finnen so sind. Ich bin auch sehr kommunikativen Menschen begegnet. Die haben mir stundenlang was erzählt – und ich habe dann „Mhm“, „aja“ und „okay“ gesagt.

Was können wir von den Finnen lernen?

Die Finnen sind uns schon in einigen Sachen voraus. Sie sind ja tatsächlich sehr gebildet. Bildungs- und Kultureinrichtungen sind dort für alle offen. Das finde ich sehr gut. Dann finde ich es praktisch, dass man überall beim Warten eine Nummer ziehen kann. Die Menschen dort sind überhaupt sehr geduldig – und das ist weise. Einmal gab es ein Zugunglück, und die Züge hatten Verspätungen von sechs Stunden, aber das wurde mit einer absoluten Ruhe aufgenommen. Niemand hat sich beschwert. Die Leute standen da und haben gewartet. Was sollen sie auch machen? Es nützt ja nichts. Wobei: Mir geht’s besser, wenn ich mich etwas aufrege.


Meet in Finland: Zum Stadtschreiber-Blog von Ariane Grundies und Thomas Lang

Und woran sollten wir uns lieber kein Beispiel nehmen?

Es ist ein Klischee, aber es ist wahr: Die Finnen können abends sehr schnell betrunken, laut und aggressiv werden. Wenn man dann die Straße entlang geht, torkeln einem viele Menschen entgegen, die durch die Gegend brüllen. Auch die Frauen ziehen da ziemlich ungehemmt betrunken durch die Straßen. Und dann haben die Männer da alle so kleine Messer. Mir hat jemand zugetragen, dass 85 Prozent der Frauen, die in Finnland eines nichtnatürlichen Todes sterben, von Männern erstochen werden.

Das ist nicht Ihr Ernst!

Ich weiß auch nicht, ob man das glauben kann. Aber es klingt beunruhigend.

Haben Sie sich auch mit finnischer Literatur beschäftigt?

Mir wurde empfohlen, Der Schmetterlingssammler von Joel Haahtela zu lesen. Davon haben die dort alle geschwärmt. Das Buch ist tatsächlich sehr gut.

Haben Sie selbst schriftstellerisch etwas von Ihrer Zeit in Helsinki mitgenommen?

Eine Sache war ungewöhnlich. Ich schreib’ sonst eigentlich kaum Gedichte. Aber in diesen zwei Wochen habe ich plötzlich sehr viele geschrieben. Ich habe keine Ahnung, warum. Aber es ging gut. Vielleicht habe ich auch einfach die Idee von Helsinki, dass man da gut Gedichte schreiben kann.

Mit einem der Gedichte haben Sie ja Ihren Blog abgeschlossen. Werden wir die anderen auch noch zu lesen bekommen?

Nein, die sind für meine Schublade. Im Ernst: Ich weiß nicht, was aus diesen Gedichten wird. Erstmal nichts. Vielleicht kann ich sie mal meiner Oma zum Geburtstag schenken oder so.

Zwei Wochen sind kurz. Wollen Sie wieder nach Finnland?

Ich habe schon Lust, noch mehr von Finnland zu sehen. Vor allem möchte ich gern Helsinki im Dunkeln kennenlernen. Ohne diese Euphorie, die in den Monaten, in denen es hell ist, auf einen hereinbricht. Der Sommer, das ist Ausnahmezustand. Da sitzen die Finnen draußen, picknicken oder tanzen im Regen. Ich möchte auch wissen, wie das normale Finnland ist, und sehen, ob ich es wiedererkenne.

Copyright: Dominik Baur
Ariane Grundies wurde 1979 in Stralsund geboren. Sie hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert und lebt in Berlin. Sie hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt erschien im August die Gebrauchsanweisung für Mecklenburg-Vorpommern. Im Juni machten sie und ihr Schriftstellerkollegen Thomas Lang aus München sich auf, um als Stadtschreiber aus Finnland zu berichten, sie aus Helsinki, er aus Tampere. Im Oktober kommen die finnischen Autoren Joel Haahtela und Hannele Mikaela Taivassalo zum Gegenbesuch nach München und Rostock. (Foto: Dominik Baur)
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten