Goethe aktuell

Buchrechte: Enteignet Google?

Stephan Röhl Copyright: Johannes Becker / PIXELIO
„Google interessiert nur der weiße Rand“ (Foto: © Johannes Becker / PIXELIO)

6. Oktober 2009

Brauchen wir eine Weltbibliothek? Kann man Wissen besitzen? Erobert ein Internetriese den weltweiten Büchermarkt? Wenn es um Google Books geht, kochen die Emotionen hoch. Die leidenschaftliche Debatte ist nun auch auf einer Tagung in Berlin geführt worden – mit etwas kühlerem Kopf. Von Katja Winckler

Ein gewisses Unbehagen ist dann doch da. Da kommt ein riesiges Unternehmen und digitalisiert fremder Autoren Bücher – massenhaft. Rund zehn Millionen Exemplare sind es bisher. Geht es bei der entstehenden Weltbibliothek lediglich um „Wissen für alle“, wie der Suchmaschinen-Gigant Google glauben machen will? Oder werden Urheberrechte mit den Füßen getreten, ja wird Autoren und Verlagen vielleicht sogar die Existenzgrundlage entzogen?

Wie komplex die Problematik ist, wie wenig absehbar die Folgen für Autoren, Verlage, Bibliotheken und Nutzer, das wurde jetzt auf einer Fachtagung des Goethe-Instituts, der Heinrich-Böll-Stiftung und des Informationsportals iRights.info in Berlin deutlich.

„Wem gehört das Wissen?“ Andreas Poltermann von der Heinrich-Böll-Stiftung stellt die entscheidende Frage. Darf ein privates Unternehmen wie Google für öffentliche Güter Verantwortung übernehmen? Wer sich eine eindeutige Antwort auf diese Fragen erhofft, wird bei der Veranstaltung Enteignung oder Infotopia? Google Books und die Zukunft des Wissens freilich enttäuscht.

Vergleich vertagt

Für das Goethe-Institut etwa gebe es nicht die Position, erklärt Christoph Bartmann, der Leiter der Abteilung Kultur und Information. „Wir sind nicht daran interessiert, ganz rasch für diese Fragen eine Antwort zu finden. Vielmehr möchten wir mit dieser Veranstaltung eine öffentliche Debatte ermöglichen, begleiten sowie den Austausch ins Ausland vermitteln.“

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Christoph Bartmann vom Goethe-Institut: „Es gibt nicht die Position“ (Foto: Stephan Röhl)
Zum Hintergrund: Im Jahr 2004 hat das Unternehmen Google mit dem millionenfachen Einscannen von Buchbeständen großer Bibliotheken begonnen, darunter auch Werke deutscher Autoren. Erklärtes Ziel von Google ist es, bis 2015 insgesamt 15 Millionen Bücher zugänglich zu machen. Juristisch jedoch ist die Mega-Bibliothek nicht unumstritten. Google besteht darauf, auch urheberrechtlich geschützte Werke zu digitalisieren – es sei denn, die Rechteinhaber haben dies ausdrücklich untersagt. Eine Frechheit, finden viele Verleger und Autoren: Die Beweislast liege bei Google, das Unternehmen müsse die ausdrückliche Zustimmung der Betroffenen einholen.

Als Reaktion auf eine Sammelklage amerikanischer Verlage und Autoren hat nun Google einen Vergleich vorgeschlagen: das Google Book Settlement. Demnach wäre es für Google rechtens, ohne einzelne Erlaubnisse Buchbestände zu scannen und Internetnutzern zugänglich zu machen; die Rechteinhaber hätten allerdings Anspruch auf 63 Prozent möglicher Einnahmen.

Eine abschließende Anhörung, die für den 7. Oktober geplant war, ist inzwischen vertagt worden, stattdessen gibt es an dem Tag nun eine sogenannte Statuskonferenz, bei der die Prozessbeteiligten, darunter auch das US-Justizministerium, das weitere Vorgehen besprechen. Dem Vernehmen nach steht eine Einigung auf weitreichende Änderungen des bisherigen Vergleichs an. Sollte es jedoch zu einem völligen Scheitern des Großprojekts kommen, wäre das für die einen eine möglicherweise für immer verlorene Chance, für die anderen die Verhinderung einer Monopolstellung des „bösen“ Medien-Moguls.

Ausverkauf der Autoren?

Auch auf dem Podium in den Räumen der Heinrich-Böll-Stiftung treten diese gegensätzlichen Positionen zutage – es ist eine Mischung aus Misstrauen und Hoffnung. Peter Glaser etwa ist ein Vertreter der Skeptiker. Der Bachmann-Preisträger warnt eindringlich vor einem Ausverkauf der Autoren: Google sei „nicht an den Texten als Kulturgut, sondern an dem weißen Rand drum herum interessiert“. Man hole sich ein Problem ins Haus, das einem zum Verhängnis werden könne, weil man die Folgen noch nicht absehen könne.

Joerg Pfuhl dagegen warnt vor Schwarz-Weiß-Denken: „Ich begrüße das Settlement als Schritt in die Zukunft“, sagt der Chef der Verlagsgruppe Random House, „denn wir wollen nicht mit leeren Händen dastehen, weil wir dann gegenüber Google keine Rechtsposition haben.“ Die ständig wachsende Anzahl an Veröffentlichungen könne doch kein Lagerhaus fassen. Seine Verlage setzten daher auf das E-Book.

Auch Jan Meine, Verleger aus Leipzig, sieht die Sache eher entspannt. Ihn freut vor allem, dass Google eine überfällige „Riesendebatte“ ausgelöst hat. Von seinen Autoren, so erzählt er, nähmen bereits einige am Google-Partnerprogramm teil. Auch Gabriele Beger von der Staatsbibliothek Hamburg plant, mit Google zusammenzuarbeiten, da kein anderer Anbieter mit der Digitalisierung ähnlich weit vorangekommen sei.

Irene Pakuscher, die Leiterin des Referats Urheber- und Verlagsrecht im Bundesjustizministerium, befürwortet zwar „eine Digitalisierung der Kulturwerke, aber ohne Missachtung der Urheberrechte“. Ihr Ministerium prüfe derzeit, ob der Gesetzgeber in Sachen Copyright tätig werden müsse.

Grundsätzlich einig war man sich immerhin in einer Sache: An der Digitalisierung führt kein Weg vorbei. Sonst, so Bibliothekarin Beger, „landen wir in der Steinzeit und lassen den USA den Wettbewerbsvorteil.“
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