Goethe aktuell

Rückkehr nach Gaza: Ein Fenster zur Welt

Copyright: Goethe-Institut Ramallah/Joerg Schumacher
Der Lesesaals des Dialogpunkts in Gaza (Computerskizze: Goethe-Institut Ramallah/Joerg Schumacher)

13. November 2009

Ein Jahr nach dem Krieg leben die Menschen im Gazastreifen immer noch unter schwierigsten Bedingungen. Kaum einer darf ausreisen, Lebensmittel, Medikamente und andere Güter des täglichen Bedarfs sind knapp. Trotz der widrigen Umstände hat das Goethe-Institut nun einen Dialogpunkt eröffnet – mitten im Krisengebiet. Von Barbara Galaktionow

„Wir sind das erste Institut, das in Gaza nach dem Krieg eine Präsenz eröffnet“, sagt Joerg Schumacher, der seit Januar 2009 das Goethe-Institut Palästinensische Gebiete in Ramallah leitet. Das sei nicht einfach gewesen. Der Eröffnungstermin musste mehrfach verschoben werden. Mal fehlten Holz und Metall für die Bücherregale, mal gab es Schwierigkeiten bei der Einfuhr von Büchern und anderen Medien oder Israel vereitelte die Einreise von Schumacher und anderen Institutsmitarbeitern aus dem Westjordanland in den Gazastreifen.

Doch nach mehr als einjähriger Planungszeit hat es nun geklappt: Das Goethe-Institut hat in der Stadtbibliothek in Gaza-Stadt einen sogenannten Dialogpunkt eingerichtet. Im Rahmen eines Sonderprogramms, das den Dialog mit islamisch geprägten Ländern und Regionen im Nahen Osten und Nordafrika fördern will, sollen ein Lesesaal, Sprachkurse und Veranstaltungen mit deutschen und palästinensischen Künstlern und Intellektuellen den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und dem Gazastreifen beflügeln.

Schumacher ist trotz aller Schwierigkeiten zuversichtlich, dass es die Mühe wert war und ist: „Ein Lesesaal in Gaza ist sinnvoll, freier Zugang zu Informationen und auch die Vermittlung der deutschen Sprache und der deutschen und europäischen Kultur ist gerade jetzt im Moment in Gaza wichtig.“ Denn der Dialogpunkt biete den Menschen dort genau das, was ihnen – über Lebensmittel und Medikamente hinaus – zur Zeit fehle, Informationen über das Geschehen außerhalb des Gazastreifens. Zudem mache die Einrichtung den Palästinensern deutlich, dass das Ausland die Menschen in Gaza nicht vergessen habe.

Copyright: Goethe-Institut Ramallah/Joerg Schumacher Fotostrecke: Dialogpunkt in Gaza - ein Ort der Hoffnung


Auch der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann ist überzeugt, dass das Goethe-Institut mit dem Dialogpunkt einen Beitrag dazu leistet, „die Zivilgesellschaft in den Palästinensischen Gebieten langfristig zu stärken“.

Der Lesesaal des Dialogpunkts ist mit etwa tausend Medien ausgestattet – Büchern, interaktiven Sprach- und Lernmaterialien, Zeitschriften, DVDs und Musik-CDs. Das Angebot ist thematisch breit gestreut und reicht von deutschen Klassikern wie Thomas Mann über zeitgenössische Autoren bis hin zu Kinderliteratur. Neben Materialien, die zum Grundbestand aller Dialogpunkte gehören, wurden auch Bücher ausgesucht, die speziell für die Menschen im Gazastreifen interessant sind, wie zum Beispiel Werke des palästinensischen Schriftstellers Mahmoud Darwisch. Bei den Büchern handelt es sich meist um deutsche Bücher in arabischer Übersetzung oder arabische Werke in deutscher Übersetzung.

Um die alltägliche Abwicklung, also Ausleihe, Betreuung und Beratung, kümmert sich Dialogpunktbetreuer Sahel Karma, ein deutschsprachiger Angestellter der Stadtbibliothek. Er hofft, besonders Jugendlichen in Gaza neben Informationen auch einen „Ort zum Lernen und offenen Diskutieren“ bieten zu können.

150 Deutschlerner

In Zusammenarbeit mit der Sprachabteilung des Goethe-Instituts in Ramallah werden in der Stadtbibliothek zudem deutsche Sprachkurse angeboten – allerdings nicht zum ersten Mal. Bereits seit 2006 unterrichtet Sprachlehrer Akram Arouq für das Goethe-Institut im Gazastreifen Deutsch. Etwa 150 Palästinenser pro Jahr nutzten bislang dieses Angebot, Arouq zufolge meist junge Männer, die sich auf ein Studium in Deutschland vorbereiteten, aber auch junge Frauen, die zu ihren bereits in Deutschland lebenden Ehemännern ziehen wollten.

Der Gazakrieg habe das gesamte öffentliche Leben lahmgelegt, auch die Deutschkurse hätten mehr als einen Monat lang nicht stattfinden können, berichtet der Sprachlehrer. Für viele seiner Sprachschüler habe dies einen deutlichen Einschnitt in ihrer Lebensplanung bedeutet. Demnach konnten manche ihre Kurse nicht beenden und dadurch auch für die Visaerstellung notwendige Sprachprüfungen nicht fristgerecht ablegen. Einige verloren so ihre Chance, in Deutschland zu studieren oder konnten keinen Antrag auf Familienzusammenführung stellen. Andere scheiterten sogar trotz Sprachtest und Visum – an den immer noch weitgehend abgeriegelten Grenzen nach Israel und Ägypten.

In der Eröffnung des Dialogpunktes sieht Arouq nun einen kleinen Hoffnungsschimmer für die Menschen in Gaza. Der Goethe-Instituts-Ableger sei von großer Bedeutung für einen kleinen Kreis von Menschen, die einen Kontakt zu Deutschland und deutscher Kultur hätten, „insbesondere für Rückkehrer aus Deutschland oder für Menschen, die nach Deutschland wollen, um zu dort zu studieren oder zu leben“, berichtet Arouq. Darüberhinaus habe der Dialogpunkt aber noch eine allgemeinere Bedeutung. Denn er eröffne ein kleines Fenster zur Außenwelt.
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten