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Claus Leggewie über Kultur und Klima: „Unser tägliches Kopenhagen“

KWIJerzy Strzelecki
„Eine andere Welt ist möglich": Düstere Aussichten oder doch ein Lichtblick für die Antarktis? (Foto: Jerzy Strzelecki)

8. Dezember 2009

Ökostrom aus der Steckdose, Bioprodukte im Supermarktregal und klimaneutrale Flugreisen: Wie wirkt sich eigentlich der Klimawandel auf unsere Kultur aus? Der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie über Verantwortung, gerechten Emissionshandel und den Beitrag der Kulturarbeit zum Klimaschutz.

Lange Zeit war der Klimawandel vor allem für Wirtschaft und Politik ein Thema. Welche Rolle spielt er aus kulturwissenschaftlicher Sicht?

Leggewie: Nehmen wir an, in Kopenhagen beschließen die Regierungschefs einschneidende Maßnahmen zur Minderung der Treibhausgasemissionen – dann muss sich nicht nur der Energieverbrauch aus fossilen Quellen drastisch verringern, dafür müssen sich auch unsere Lebensgewohnheiten massiv verändern. Das nenne ich unser tägliches Kopenhagen: Eine Kultur der Ressourcenverschwendung geht zu Ende. Wie deren Grundlagen sind, welche Impulse und Barrieren zur Veränderung es unter Änderungsdruck gibt, damit beschäftigen sich unsere empirischen Forschungsprojekte und Graduiertenkollegs.

Wie untersuchen Sie denn die kulturellen Veränderungen, die vom Klimawandel verursacht werden?

Wir führen vor allem empirische, darunter sozialpsychologische Projekte durch, die wir auf Beobachtungen, Befragungen und Gruppendiskussionen stützen. Eine klassische Befragung von Fischern im Golf von Kalifornien hat beispielsweise ergeben, dass ältere Befragte ein deutliches Bewusstsein für den Rückgang von Fischbeständen und das Verschwinden von Fanggründen haben. Jüngere Fischer hingegen haben keinerlei Vorstellung davon, dass die Bestände vor noch relativ kurzer Zeit erheblich größer und vielfältiger waren. An dem Thema arbeiten wir jetzt weiter.


Klimafolgen in Kanada: Auf der Suche nach dem verlorenen Lachs

Wie sieht es bei uns in Europa aus?

Nicht erst die Diskussion über den Klimawandel hat bewirkt, dass wir unser Konsumverhalten hinterfragen. Einige strategische Milieus kaufen zum Beispiel mehr regionale und mehr Bioprodukte. Die massive Steigerung des Benzinpreises beeinflusst unseren Umgang mit Ressourcen, wir werden sparsamer. Eine Kultur, die auf individueller Automobilität beruht, ist gezwungen, sich zu verändern – ökonomisch und ethisch.

Ist Deutschland denn nicht schon „grün“ genug? Wir entwickeln Elektroautos, bauen Solaranlagen, die Supermärkte bieten Bioprodukte an.

Das sind gute Anfänge. Wir leben in einer der reichsten Gesellschaften der Erde; jeder von uns hat enorm große Handlungsspielräume. Die kann man nutzen, um Dinge am Arbeitsplatz zu verändern, zum Beispiel auf die Standby-Funktion am Computer zu verzichten. Oder im Privaten, indem wir klimabewusst einkaufen. In Schweden werden inzwischen alle Konsumgüter gekennzeichnet – darauf steht, welchen „ökologischen Fußabdruck“ man beim Kauf hinterlässt, wie viel Energie aufgebracht werden musste, um den Gegenstand herzustellen oder einzufliegen.

Sie setzen also auf die Vernunft des freien Menschen?

Nicht so sehr, wir setzen auf das Verantwortungsgefühl. Ich glaube nicht, dass die Menschen durch Wissen über den Klimawandel allein „vernünftig“ werden, sondern eher, wenn sie eigene oder fremde Kinder und Enkel in den Blick nehmen. Wenn ein Autofahrer nicht auf seine CO2-Schleuder verzichten möchte, dann sagt er: „Ich beharre auf meinem Freizeitpanzer, denn es ist mir egal, dass es dir, mein liebes Kind, schlechter gehen wird als mir.“

Aber ist es nicht irrelevant, was wir hier tun? Die größten Mengen an CO2 werden jeden Tag von Ländern wie den USA und China in die Luft geblasen ...

Copyright: KWI
Politikberater Leggewie: „Wir müssen eine Kultur der Teilhabe entwickeln“ (Foto: KWI)
... und von uns, bitte sehr. Gegen den Klimawandel müssen wir eine Kultur der Teilhabe in unseren Gesellschaften und völlig neue globale Kooperationen entwickeln. Sehr wichtig ist das lokale Wissen im Süden. Davon können wir lernen, wie man bewusst mit knappen Ressourcen umgeht.

Und was ist mit Schwellenländern wie China? Steht für die nicht die wirtschaftliche Entwicklung im Vordergrund?

Sinn macht Klimapolitik also nur, wenn man jenseits des tiersmondisme der Blockfreien Pakete schnürt, die wechselseitigen Nutzen schaffen. Länder wie Sudan, derzeit Sprecher der G 77, oder Pakistan, in einem irren Gewaltkreislauf gefangen, oder Bolivien, in einem nicht zu gewinnenden internen Umverteilungskampf befangen, können erheblich vom globalen Emissionshandel profitieren, sofern dieser von einer globalen Organisation kontrolliert wird. Und das ist die Klimadividende: Die Länder des Südens, beginnend mit Indien, veräußern ihre Verschmutzungsrechte an den CO2-insolventen Norden und springen in die Technologie der nächsten, regenerativen Generation. Dann liegen die Zentren einer nachhaltigen Entwicklung in der Sahara, in Südasien und in den Anden. Eine andere Welt ist möglich.


Culture|Futures: Die kulturelle Agenda des Klimawandels

Sie sind auch Politikberater und werden in der Konferenz Culture Futures, die den Klimagipfel in Kopenhagen einleitet, ein Konzept gegen den Klimawandel vorstellen. Wie sieht das aus?

Wir vom Klima-Beirat der deutschen Regierung gehen von folgender Grundlage aus: Europa und die USA sind historisch gesehen die größten Pro-Kopf-Verbraucher von Energie und haben die größte Verantwortung im Klimaschutz zu übernehmen. Wir müssen deshalb in kürzester Zeit unseren Ausstoß von Treibhausgasen verringern – zu Gunsten von niedriger entwickelten Gesellschaften. Burkina Faso beispielsweise sollen mehr Emissionen zugestanden werden, mit der Verantwortung, diese wiederum zur Einführung von regenerativer Energietechnik zu nutzten.

Welche Erwartungen haben Sie an den Klimagipfel?

Ich bin in Maßen zuversichtlich. Ich glaube, dass wir zwar ohne verbindliches Abkommen, aber doch mit einer stark bindenden Selbstverpflichtung aus der Konferenz gehen werden. Daraus werden im nächsten Jahr kleine Konventionen oder doch noch ein übergeordneter Vertrag entstehen, der das Kyoto-Protokoll ablöst.

Sie fordern auch eine Neujustierung der internationalen Beziehungen und engagieren sich für das Goethe-Institut. Kann das Goethe-Institut auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten?

Die internationalen Beziehungen werden ja nicht nur auf Gipfeltreffen gestaltet, sondern auch und gerade durch Netzwerke der Zivilgesellschaft in den verschiedenen Regionen. Dazu kann Kulturarbeit einen ganz wichtigen Beitrag leisten – wie zum Beispiel in Nordamerika, wo das Goethe-Institut im Rahmen des Projektes Die Sprache deiner Umwelt Partnerschaften mit lokalen Umweltschutzverbänden schließt und bereits bestehende Partnerschaften in ganz Québec ausbaut. Ein anderes Beispiel ist das Nordamerika-Netzwerk, welches das Kulturwissenschaftliche Institut Essen auf Initiative des Goethe-Instituts mit Wissenschaftlern in Montréal, Harvard, Washington, Mexiko und Kalifornien aufbaut.

Das Interview führte Julia Amberger

Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und Mitglied im neunköpfigen Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen. „KlimaKultur“ bildet einen interdisziplinären Arbeitsschwerpunkt des KWI – dabei geht es um die kulturellen Voraussetzungen und die sozialen Folgen bei der Anpassung moderner Gesellschaften an den Klimawandel. Auf der Basis seiner Forschungen hat Claus Leggewie im September mit Harald Welzer das Buch Das Ende der Welt wie wir sie kannten veröffentlicht.


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