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Genozidforscher Feierstein: „Wir haben einen Teil von uns verloren“

Tim Reinhart/pixelioTim Reinhart/pixelio
Dunkle Vergangenheit: die Gedenkstätte des KZ Auschwitz (Foto: © Tim Reinhart / PIXELIO)

25. Januar 2010

Vor 65 Jahren haben sowjetische Truppen das KZ Auschwitz befreit. 7.500 Gefangene haben überlebt, über eine Million Menschen waren bereits ermordet worden. Wie erinnern wir uns heute den Holocaust? Ein Gespräch mit dem argentinischen Genozidforscher Daniel Eduardo Feierstein.

Herr Feierstein, Sie beschäftigen sich mit Gedächtniskultur – in Deutschland, aber beispielsweise auch in Ihrer argentinischen Heimat. Wie gehen Sie dabei vor?

Feierstein: Ich untersuche, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen, wie wir uns zum Beispiel in Argentinien an die Militärdiktatur erinnern. Oft beobachte ich Strafprozesse: Diese beeinflussen unser Erinnern und schaffen eine gemeinsame Identität.

Wie erinnern wir uns heute an Verbrechen wie den Holocaust? Die meisten Überlebenden sind ja bereits tot.

Das ist in der Tat ein Problem. Die nachfolgenden Generationen müssen aber weiterhin fragen, was ihre Vorfahren getan, gedacht und gefühlt haben. Es besteht die Gefahr, dass wir den Nationalsozialismus verurteilen, über die Schuld der Deutschen im Allgemeinen räsonieren, aber dabei völlig die Rolle ausblenden, die unsere eigene Familie gespielt hat. Dieser politisch korrekte Diskurs ist viel zu banal.

Wie kommt es zum Genozid – gibt es so etwas wie eine Logik hinter dem Massenmord?

Jeder Genozid basiert auf folgendem Prinzip: Zunächst wird der Bevölkerungsgruppe, die ermordet werden soll, eine eigene Identität unterstellt. So haben die Nazis den deutschen Juden eine vermeintlich ethnische Identität aufgezwängt und die Juden von den Deutschen unterschieden. Die Menschen sollten sich nur noch durch die Gruppe definieren, zu der sie gehörten. Dabei war die Identität der deutschen Juden natürlich vielschichtig und hätte genauso gut auf deutsche Nicht-Juden gepasst.

Copyright: Birgit Sondergeld
Genozidforscher Feierstein: „Aus Opfern werden wieder Opfer“ (Foto: Birgit Sondergeld)
Wann spricht man von Genozid?

Wenn ein Teil der gesamten Nation ausgelöscht worden ist. Darin unterscheidet sich der Genozid auch komplett vom Krieg. Im Krieg gibt es zwei Gegner, die sich gegenseitig bekämpfen – die Gesellschaft spielt dabei keine Rolle.

Auch in Argentinien war die Terminologie ein großes Thema.

Von 1976 bis 1983 haben die Diktatoren über 30.000 Menschen entführt und ermordet. In letzter Zeit ist viel darüber diskutiert worden, ob man die Verbrechen des Militärs als „Genozid“ klassifizieren kann. Schließlich hat man sich dafür entschieden.

Warum ist denn die Begrifflichkeit so wichtig? Verbrechen ist doch Verbrechen.

Der Terminus, den man verwendet, um über die Vergangenheit zu sprechen, ist wie ein Stempel, den man ihr aufdrückt. Deshalb beeinflusst ein Begriff, wie wir die Geschichte unseres Landes wahrnehmen. Die Bezeichnung „Genozid“ bringt die ganze Gesellschaft mit den Folgen des Massenmords in Verbindung, die ganze Nation ist betroffen. Wenn ein Teil deines Volkes verloren geht, dann geht auch ein Teil von dir verloren, von deiner eigenen Identität.

Welche Rolle spielen die überlebenden Opfer in unserer Erinnerungskultur?

Im Dritten Reich dachten viele über die KZ-Häftlinge: Die werden schon nicht unschuldig sein, sonst hätte man sie ja nicht verhaftet. Später hat man dann versucht, sie zu ignorieren - ihnen zuzuhören ist viel schwieriger, als sich allgemein mit dem Thema Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. In Argentinien war das übrigens genauso. Heute sind viele misstrauisch und fragen: Wie haben die es geschafft zu überleben? Die „richtigen“ Opfer, so der Gedanke, sind doch alle tot. Indem wir ihre Unschuld in Frage stellen, machen wir die Überlebenden wieder zu Opfern; das ist wirklich schrecklich.

Wer treibt in Argentinien den Aufarbeitungsprozess voran?

Vor allem das einfache Volk. Schon während der Diktatur haben jeden Donnerstag Mütter und Großmütter auf dem Plaza de Mayo die Rückkehr ihrer verschwundenen Söhne gefordert – direkt vor dem Präsidentenpalast. In den Achtzigern, gegen Ende der Militärdiktatur, haben Demonstranten die Häuser der Täter mit Tomaten und Eiern beworfen. Auf Demonstrationen gegen das Regime haben die Menschen im Chor gerufen: „Ihr werdet sein wie die Nazis, wo auch immer ihr hingehen werdet, wir werden euch finden.“ Wie ein Lauffeuer hat sich die Parole in der Gesellschaft verbreitet, 40 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft, 40 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz.

Die Fragen stellte Julia Amberger

Daniel Eduardo Feierstein ist Genozid- und Gedächtnisforscher an der Universidad Nacional de Tres de Febrero, Buenos Aires. Er beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der Militärdiktatur in Argentinien. Im Rahmen des Programmes Scholars in Residence des Goethe-Instituts und des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) hat er zwei Monate in Deutschland verbracht, wo ihn sein deutscher Austauschpartner Christian Gudehus, Erinnerungsforscher am KWI, in die deutsche Wissenschaftsgemeinschaft eingeführt hat.


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