Goethe aktuell

Nairobi, 9. November, 18.10 Uhr

Lia VennVon Lia Venn

Eine Ehre ist es, Samuel kennen zu lernen, den Fahrer der deutschen Botschafterin in Nairobi. Er hat sechs oder sieben Botschafter kommen und gehen sehen, dazwischen hat er sie ruhig, sicher und aufmerksam durch die Stadt und das Land gefahren. Wie in diesem Moment die Botschafterin Margit Hellwig-Bötte, Liz, die Fotografin der Daily Nation, und den Gast aus Deutschland.

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Mit Botschafterin Hellwig-Bötte im Slum (Foto: Lia Venn)
Samuel ist seit 16 Jahren Fahrer bei der German Embassy Nairobi und hat zwei Sicherheitstrainings in Deutschland absolviert. Das erste 1993, noch in Bonn, „you know, I also visited St. Petersburg, that hill near Bonn“. Das zweite Training dann 2003 in Berlin. Er war auch im früheren Ostteil der deutschen Stadt. Afrikaner und Deutsche haben ihn zur Vorsicht gemahnt, vor möglichen Begegnungen mit Rassisten und Neonazis. Es sei ihm nichts passiert, es sei sehr interessant gewesen und Deutschland habe ihm sehr gefallen. Ich muss schmunzeln, weil er auch vor meiner Heimat gewarnt wurde, so wie ich vor Nairobbery … Samuel lächelt in den Rückspiegel.

Er ist ein intelligenter, feiner Mensch. Das zeigt sich durch seine Diskretion, Umsicht, auch Nachsicht mit uns. Als die Botschafterin ihn fragt, ob es möglich sei, einen „sicheren“ Slum zu besuchen, damit der Gast einen Eindruck bekomme, denkt er kurz nach und fährt zu einem Slum in direkter Nachbarschaft zur deutschen Botschaft. Nairobis zwei Welten schauen sich mitten ins Gesicht.

Das Elend, das der Besucher aus Zeitung und Fernsehen zu kennen meint, ist real etwas völlig Neues. Etwa so, als lese man in einem Krimi, dass der Held einen Faustschlag in den Magen bekommt – und nun landet der Hieb im eigenen Leib. Erschüttert aber aufmerksam gehen wir durch die schmalen, unbefestigten Wege aus rötlichem Sand. Es ist warm, die Sonne scheint noch. Dass Menschen so leben, weiß man, hat man aber nie sinnlich erfassen können. Wie auch. Es riecht nach Seife und nassem Stoff.

Samuel geht vorneweg, erklärt den Menschen, die uns allesamt neugierig ansehen, wer wir sind. Schaut sich immer wieder nach uns um, hat alles im Blick. Ist ein zurückhaltender Reiseführer durch den Kummer seiner Landsleute. Vermag es aber, nur durch seine Art, ohne Worte, dass man begreift: Der Slum ist für die Menschen, die dort leben, auch ihr Zuhause. Sie würden gerne anders wohnen, aber sie müssen es sich auch leisten können. So lange ist es auf eine Art unfein, ihre Heimat stetig als pures Grauen zu diskreditieren. Es ist furchtbar; aber es ist auch der ihnen vertraute Boden. Samuel sagt nichts, gar nichts in diese Richtung, aber er führt uns dennoch zu dieser Erkenntnis. Nur durch seine Art.

Ich muss ihn immer wieder anschauen, er ist sehr präsent. Besonders hier. In einem kurzen Moment legt er seine große Hand auf den Kopf eines vielleicht fünfjährigen Jungen, lächelt ihn an, im Vorbeigehen. Es ist nur eine kleine Geste, voller Taurigkeit und Liebe. Als ließe ein Vater sein Kind in die Welt ziehen. Er weiß, sie ist grausam, er weiß sie ist wunderschön. Er hofft, dass das Schöne überwiegt.

Die Intensität dieser Geste nimmt der Welt für einen Moment jedes Geräusch. Ein merkwürdiger Augenblick. Ich werde das nicht vergessen. Und Samuel nicht.

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