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Schlingensief im Interview: „Ich will nicht den Afro-Clown mimen“

Susanne LettenbauerCopyright: Susanne Lettenbauer
Schingensief in Burkina Faso: „Die Schule ist das Wichtigste“ (Foto: Susanne Lettenbauer)

13. März 2010

Der Grundstein ist gelegt, aber wie geht es nun weiter mit Christoph Schlingensiefs Festspielhaus in Burkina Faso? Dort Wagner zu treffen, dürfe man nicht erwarten, sagt der Künstler, sondern sich selbst. Im Interview spricht Schlingensief über Afrika, Opern und Missverständnisse.

Herr Schlingensief, was bedeutet Afrika für Sie?

Hier ist man total mit sich selbst konfrontiert, das habe ich vor vielen Jahren schon in Simbabwe gespürt. Ich will weder den Touri noch den Afro-Clown mimen, aber ich werde hier unglaublich ruhig. All die motorischen, hektischen Störungen, die man in Deutschland so hat, sind weg. Das sage ich allen, die hierher kommen: Sie sollen nicht erwarten, dass Sie im Operndorf auf Wagner oder Mozart treffen, sondern auf sich selbst. Und dazu braucht man Zeit.


Operndorf in Afrika: Schlingensief realisiert Lebenstraum (Radioreportage im Bayerischen Rundfunk)

Wie haben Sie den Ort für das Operndorf – Remdoogo, eine knappe Autostunde außerhalb von Ouagadougou – ausgewählt?

Wir haben uns Grundstücke in der Innenstadt angeschaut, aber wir wollten nicht in Konkurrenz zur Theater- und Kulturszene hier treten und den großen Gönner spielen.

Der Name „Operndorf“ weckt Missverständnisse.

Ja, das ist so. Es gibt eben Leute, die alles und jedes immer misstrauisch beurteilen, die mich gewarnt haben vor den Verhältnissen hier, die alles besser wissen. Nach Manaus und Bayreuth habe ich den Namen Operndorf bewusst gewählt, ich bin romantisch, und ich bin auch kitschig. Ich weiß um die poetische Kraft von Worten ...

... die poetische Kraft des Wortes Oper?

Ja, unbedingt. Aber wichtiger sind die Kinder. Die Schule, die wir in Remdoogo bauen, ist das Wichtigste überhaupt.

„Das fliegende Opernhaus“ – Schlingensief in Afrika

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Ein Film von Sibylle Dahrendorf

Bayreuth habe Sie krank gemacht, sagten Sie einmal. Ist Afrika die Heilung?

Du brauchst immer ein Balsam für deine Trauer. Manchmal ist es die Religion. Ich denke hier auch an Epidauros, das antike Theater in Griechenland, wohin die Menschen zur Heilung kamen. Unser Architekt Francis Kéré wird in Remdoogo eine Tagesklinik bauen, eine Krankenstation, wo man alle möglichen Operationen ausführen kann. Das ist Bestandteil des Vertrages mit dem Kulturministerium.

An einen regulären Spielbetrieb ist nicht gedacht?

Es wird ein Dorf, eine Musterhaussiedlung – ein Modell. Durch meine Krankheit habe ich begriffen, dass man es jetzt machen muss. Afrika hat eine Stabilität in seiner Spiritualität, die brauchen wir für unsere Zukunft. Wir müssen hier einfach eine Fläche schaffen, da muss nicht mein Name dranstehen und ich will mich hier auch nicht beerdigen lassen. Es ist ein Traum. Sonst wenden wir uns im Leben doch immer genau der Sache zu, die uns schadet.

Ohne den Architekten Francis Kéré, der aus Burkina Faso stammt, würden Sie es kaum schaffen.

Ohne ihn geht es nicht, dann hätte ich alles abgesagt. Peter Anders vom Goethe-Institut hat uns zusammengebracht, und wir sind ein wunderbares Team.

Die Fragen stellte Rüdiger Schaper vom „Tagesspiegel“
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