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„X Wohnungen“ in Johannesburg: Die Hütten, die die Welt sind

Susanne BurkhardtCopyright: Susanne Burkhardt
Haus in Soweto Kliptown: Wer hier wohnt, besitzt nicht viel (Foto: Susanne Burkhardt)

12. März 2010

Soweto und Hillbrow – das sind zwei der Stadtviertel in Johannesburg, vor denen die Reiseführer warnen. Hier wohnen die Ärmsten. Und ausgerechnet hier führt das zwischen Theater und Realität oszillierende Projekt X Wohnungen seine Besucher hin. Aber immer nur zwei zur selben Zeit. Von Susanne Burkhardt

Zwei winzige Zimmer. Jeweils etwa sechs Quadratmeter. An einigen Wänden schwarzer Schimmel. Eine kleine Sitzecke, ein Ehebett in einem der Räume. Im anderen: Ein schmales Doppelbett nahe dem Gasherd. Die vier Edelstahl-Töpfe im Metallregal sind akkurat in die Fächer platziert. Hier wohnt Busisiwe, 24, mit ihrer vierjährigen Tochter Asoni und ihrem Vater. Mitten in Kliptown, dem ältesten Viertel der Township Soweto. Strom gibt es nicht. Wasser ein paar Hütten weiter. Die Toilette, eine Art Dixi-Klo, teilt sich die junge schmale Frau mit den Nachbarn. Keine Bäume, keine befestigten Straßen. Manche Häuser sind aus Stein, andere ärmlichste Blechhütten. Wer hier wohnt, besitzt nicht viel.

Durch dieses Wohnviertel, die South-West-Township von Johannesburg, besser bekannt als Soweto, führt eine Route des Theaterprojektes X Wohnungen. An diesem einstigen Knotenpunkt des Befreiungskrieges von der Apartheid, hier, wo das Gemeinschaftsgefühl stark ausgeprägt ist, werden zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 im Juni Theaterbesucher unterwegs sein. Sie werden – immer zu zweit – drei Stunden lang einer vorgegebenen Route folgen, um dann an sieben Orten jeweils ein zehnminütiges Theaterstück, eine Performance oder einfach Kunst im weitesten Sinn zu erleben.

Copyright: Susanne Burkhardt Fotostrecke: Das unbekannte Johannesburg


Nicht in einem Theater – sondern in den Wohnungen derer, die hier leben, gespielt oder aufgeführt von Künstlern aus verschiedenen Ländern. Dabei werden die Zuschauer erstaunt feststellen, wie vielschichtig dieses Viertel ist. Nur einhundert Meter von den Blechhütten entfernt logiert ganz selbstverständlich ein Vier-Sterne-Hotel. Gitter vor den Fenstern sind nicht nötig. Man respektiert sich. Auch zu einem der Zimmer des Hotel Soweto wird die Route des Theaterprojekts führen.

Das einzigartige Format X Wohnungen wurde vor acht Jahren von Matthias Lilienthal, dem Leiter des Berliner Theaters Hebbel am Ufer entwickelt und vom Goethe-Institut nun schon in viele Metropolen der Welt exportiert, zuletzt nach Sao Paolo, Caracas und Wien. Und immer konnten die Besucher an realen Orten fiktive Szenen erleben, die manchmal vom „echten“ Leben schwer zu unterscheiden waren. Theater nicht auf den Brettern, die die Welt bedeuten, sondern in den Hütten, die die Welt sind.

Widersprüche in der früheren Goldgräberstadt

Für Kurator Christoph Gurk und seine Produktionsleiterin Anna Mülter ist das erregend unbekannte Johannesburg eine echte Herausforderung. Die einstige Goldgräberstadt könnte widersprüchlicher kaum sein. Nur an wenigen Orten der Welt gibt es so reiche und auch so arme Menschen wie hier, wo die gutsituierten Wohnviertel wie Hochsicherheitstrakte wirken, die Bewohner abgeschottet hinter Mauern und Elektrozäunen leben. Und wo die Viertel der Armen dazwischen wie gefährliche Untiefen in einem Wasser das freie Bewegen unmöglich machen.

Für ihr Theaterprojekt haben sich Gurk und Mülter für zwei besonders schwierige Wohnviertel entschieden, in denen vor allem schwarze Bewohner leben. Neben Soweto führt eine Tour durch den Stadtbezirk Hillbrow – das New York Afrikas. Hierher kommen täglich neue Einwanderer vom ganzen Kontinent. Nordöstlich von Johannesburgs Central Business District gelegen, wird vor diesem Stadtbezirk, in dem fast 500.000 Menschen leben, in allen Reiseführern gewarnt. Er gilt für Touristen als gefährlich. Ein Ort der Gewalt, der Sünde und der Korruption.

Dabei war Hillbrow einst ein quirliges und hippes Ausgehviertel – vorrangig von Weißen bewohnt. Wie Gespenster wirken die Vergnügungslokale und Cafés von damals, die man heute noch entdecken kann. Während in anderen Bezirken zur Zeit der Apartheid Schwarze strikt keinen Zugang hatten, lebten viele von ihnen dennoch hier, oft illegal. Hillbrow wurde zur „Grey Zone“, einem Gebiet also, wo Menschen verschiedener Hautfarben zusammenlebten. Mit Einzug der Demokratie 1994 verließen die Weißen das urbane Viertel. Heute sind 99 Prozent der Einwohner schwarz.

Ängste hinterfragen

Die Route von X Wohnungen führt durch verschiedene Teile von Hillbrow und soll zeigen, dass sich das Viertel, vor kurzem noch ausgewiesenes No-Go-Area, durchaus verändert hat. Und weiter verändern wird. Der südafrikanische Theaterautor und -regisseur Paul Grootboom beispielsweise will hier in einer der Wohnungen sein X Wohnungen-Projekt realisieren.

Grootboom, der in Soweto aufgewachsen ist, gesteht eine gewisse Angst vor Hillbrow. Vor der Gewalt, vor dem moralischen Verfall. Ein Grund für ihn, hierherzukommen und sich mit der eigenen Angst zu beschäftigen, den Stadtteil neu für sich zu entdecken. Und genau das will X Wohnungen in Johannesburg: den Wandel sichtbar machen, überkommene Bilder und Vorstellungen korrigieren. Das eigene, von Gerüchten gespeiste Wissen, die eigenen Vorurteile, Ängste und Gewaltprojektionen hinterfragen und abzubauen.

Derzeit schauen sich die teilnehmenden Künstler – darunter auch die Südafrikaner Tracey Rose oder Nelisiwe Xabe, die für sie ausgesuchten Wohnungen an, um dann bis zum Juni ihre Projekte für die einzelnen Räume zu entwickeln. Und wenn sich dann die ersten Zuschauer auf den Weg machen, sind das hoffentlich nicht nur die Vertreter des interessierten weißen Mittelstandes, sondern auch die schwarzen Nachbarn, die seit Jahren nicht mehr in Hillbrow oder Soweto waren und durch X Wohnungen diese Teile ihrer Stadt vielleicht wiederentdecken.
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