„Football meets culture“: Kultur aus der Tiefe des Raums

Die Gruppe von Constanza Macras beim Training (Copyright: Market Theatre)
31. Mai 2010
Ausnahmezustand in Südafrika: Es werde WM. Da beschäftigt sich auch das Goethe-Institut mit dem Ballsport. Das Projekt Football meets culture schlägt eine Brücke zwischen Fußball und Kultur – und zeigt Johannesburg und Umgebung von einer ganz neuen Seite. Von Angelika Luderschmidt
Die Aufregung in den Medien war groß. Journalisten aus ganz Deutschland reisten nach Johannesburg und begutachteten die Unterkunft der deutschen Nationalmannschaft. Und dann der Schock: Heinz Mulder kennt Michael Ballack nicht! Er hat auch keine Ahnung, wie Lukas Podolski aussieht, weiß nicht, ob Philipp Lahm mit Singen oder Fußballspielen sein Geld verdient. Dabei beherbergt der Manager des Velmore Grande bald die deutsche Nationalmannschaft.
Das südafrikanische Sternehotel nahe Johannesburg hat die Zusage vom Team bekommen und ist für mindestens drei Wochen ausgebucht. Ein Erfolg. Doch nicht nur Mulder glänzt mit Unwissenheit, auch sonst läuft einiges anders als bei der WM vor vier Jahren in Deutschland: Auf den Zimmern gibt es keine Playstation, von der Badewanne versperrt der Türrahmen den Blick auf den Fernseher und zu allem Übel schwimmt im Pool ein toter Frosch.
Fußball als Imagepflege
In Johannesburg versteht man den ganzen Wirbel nicht. Die Vorfreude auf Besuch aus der ganzen Welt ist groß. Fans werden zusammen jubeln, miteinander ins Gespräch kommen, Land und Leute kennenlernen. Die Einheimischen sehen die Weltmeisterschaft als Chance, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, ihnen die Schönheit ihrer Heimat nahezubringen und das Negativimage von Metropolen wie Johannesburg, wenn nicht loszuwerden, so doch zumindest zu relativieren. Ein solches Nationalempfinden ist neu in einem Staat, der durch soziale Gegensätze geprägt ist und in dem die Kluft zwischen Arm und Reich zusehends größer wird.Auch beim Goethe-Institut dreht sich alles um Fußball. Zumindest was den Namen des Kulturprogramms betrifft. Football meets culture legt nahe: Ballsport und Kultur, so die Verantwortlichen, passen gut zusammen. „Wir verstehen Fußball als eine Choreografie“, erklärt Peter Anders, der im Goethe-Institut die Kulturprogramme in Subsahara-Afrika verantwortet. Das ist auch der rote Faden. Denn in den einzelnen Projekten erschließen Künstler aus Südafrika wie aus Deutschland ebenfalls Räume, schaffen Begegnungen zwischen Einheimischen und Besuchern, entwickeln Spielräume für Integration auch auf lokaler Ebene und fördern die Gemeinschaft.
Fotostrecke: Auf dem kulturellen Spielfeld
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Das Programm zeigt: Nicht nur im Fußball ist die Spielfreude groß, auch mit Worten lässt sich jonglieren. Der Begriff Raum bezeichnet zum einen im naturwissenschaftlichen Sinn die Ausgedehntheit materieller Dinge, oder, weniger abstrakt, laut Wörterbuch ein zum Aufenthalt bestimmter von Wänden, Decken und Böden umgebener Teil eines Gebäudes.
So wie das Programm können auch der Begriff „Kultur“ und das Konzept unterschiedlich interpretiert werden: Zum einen sind Räume im übertragenen Sinn Spielräume, bei denen wie beim Projekt X Wohnungen in Privathäusern in den ärmeren Stadtvierteln Johannesburgs Performances stattfinden. Andererseits bedienen sich die Künstler der Definition, ein Raum sei eine in sich abgeschlossene Fläche. Daraus entstand die Idee zum Trailerpark; mehrere Wohnwagen werden während der WM auf dem Gelände des Goethe-Instituts stehen. Camping bedeutet Gemeinschaft.
Camping folgt aber auch strengen Regeln. Die Territorien sind genau festgelegt, Urlauber stecken ihr Reich durch Hecken, Vordächer oder Planen ab. Auf dem Gelände des Goethe-Instituts werden alle Spiele in den Wohnwagen auf einem Fernseher übertragen. Fußballbegeisterte, die kein TV-Gerät haben, können bei der WM mitfiebern. Das Projekt erreicht somit auch Menschen, die normalerweise nicht mit dem Goethe-Institut in Berührung kämen.
Mit dem Truck durch Soweto
Räumliche Grenzen bestimmen bis heute die Geschichte Südafrikas, einem Land, in dem der Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung erst mit den ersten freien Wahlen 1994 Einhalt geboten wurde. Doch auch weiterhin ist die Abgrenzung gegenüber sozial Benachteiligten keine Frage der Stadtarchitektur, sondern Teil des komplexen, auf, wie die Südafrikaner sagen „Displacement“, also Verdrängung angelegten sozialen Systems, in dem die Oberschicht die geografischen Bedingungen bestimmte.Bei Football meets culture werden diese sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe aufgegriffen, Künstler aus Südafrika und Deutschland setzten sich gemeinsam mit der Realität in den verschiedenen Vierteln Johannesburgs auseinander und zeigen dabei ein Land im Aufbruch. „Das Programm ist aber keine Dokumentation der Zustände eines Post-Apartheidsstaats, sondern es geht in erster Linie um die Arbeit der Künstler“, sagt Anders. Den mahnenden Zeigefinger, der auf die schwierige Lebenssituation vieler Südafrikaner weist, will bei Football meets culture niemand erheben.
Integration stellt bei dem Projekt das Bindeglied zwischen Fußball und Kultur dar. „Wir wollen keine Exklusivität vertreten und Inseln schaffen“, so Anders. Stattdessen geht es um Begegnung, Erfahrungsaustausch, Partnerschaften und Überwindung von Distanzen und Vorurteilen. So zeigen Künstler oder Wissenschaftler die urbane Entwicklung Johannesburgs. Das DJ-Duo Gebrüder Teichmann fährt mit einem Truck durch Soweto, sucht den Kontakt zu den Bewohnern und stellt gemeinsam mit ihnen Musik zusammen.
Medien zeichnen einseitiges Bild
„Wir haben eine klare Ansage: Wir wollen Menschen zusammenbringen und die Kontakte später weiterführen“, erklärt Katharina von Ruckteschell-Katte, Leiterin des Goethe-Instituts Johannesburg, das Gesamtprogramm. Künstler aus Deutschland und ganz Südafrika werden dieses Programm gemeinsam mit Stadtbürgern gestalten.In Soweto leben vier Millionen Menschen auf engstem Raum zusammen. Der Stadtteil im Südwesten von Johannesburg gilt als einer der gefährlichsten der Welt. „Wir wollen natürlich nicht, dass die Menschen überfallen werden“, beruhigt von Ruckteschell-Katte und ärgert sich gleichzeitig über die Meinungsmache: „Kaum ein anders Land stellt den Kriminalitätsaspekt so in den Vordergrund wie Deutschland. Der Fokus ist einfach übertrieben. Schließlich gibt es Länder, die ebenso gefährlich sind.“ Aber, und darauf legt auch ihr Kollege Anders Wert, die einzelnen Projekte werden nicht dazu instrumentalisiert, das einseitige Bild von Südafrika in Deutschland zu ändern. „Im Grunde spielt das keine Rolle, wenn man Kunst macht.“
Die Imagearbeit für Südafrika übernimmt stattdessen Zakumi. Das Maskottchen der Fifa-Fußballweltmeisterschaft 2010 kämpft gegen den Afro-Pessimismus. Der plüschige Leopard soll für Selbstbewusstsein, Warmherzigkeit und Gastfreundschaft stehen. Passend dazu seine Zottelmähne. Sie schimmert in hoffnungsvollem Grün. Beinahe an jeder Straßenecke Johannesburgs gibt es Zakumi zu kaufen, daneben Trikots, Fähnchen und Vuvuzelas (Tröten). Die Fankultur zumindest kennt keine räumlichen Grenzen.












