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Autor Ayman Sikseck im Interview: „In gewissem Sinne heimatlos“

Noam GarmizaCopyright: Noam Garmiza
Der Blick von Siksecks Geburtsort Jaffa auf Tel Aviv (Foto: Noam Garmiza)

26. Mai 2010

Was ist Heimat? Dieser Frage stellt sich der palästinensische Israeli Ayman Sikseck gemeinsam mit elf anderen Schriftstellern bei den Deutsch-Israelischen Literaturtagen. Im Interview schildert er seine ganz persönliche Perspektive auf das Thema und auf seinen paradoxen Alltag in einer zerrissenen Stadt.

Herr Sikseck, Sie setzen sich in ihren Texten mit dem Thema „Heimat“ auseinander. Wie gehen Sie an das Thema heran?

Für mich, wie wahrscheinlich für jeden Palästinenser, der in Israel lebt, ist das Thema „Heimat“ sehr komplex: Meine reale Heimat – der Staat, in den ich geboren worden bin – ist Israel. Meine symbolische Heimat aber ist Palästina. Wegen dieses Widerspruchs beschäftigt mich das Thema eigentlich permanent. Das spiegelt sich natürlich auch stark in meinen Texten wider. In ihnen komme ich meiner Heimat wahrscheinlich am nächsten, denn beim Schreiben kann ich sie selbst erschaffen.

Was ist Heimat?

Allgemein versteht man unter Heimat wohl den Ort, an dem man sich wohl fühlt, nicht die Zugehörigkeit zu einer Nation. Diese Bedeutung hat der Begriff verloren. Wegen meiner eigenen Wurzeln fühle ich mich in gewissem Sinn heimatlos, ohne eine nationale Heimat. Für mich ist Heimat allein ein ideologisches Symbol. Es geht nicht länger um eine Region, eine Stadt, einen Ort oder ein Land, sondern um die Idee. Diese Idee liegt für mich in der Kultur, Literatur und Kunst. In der Politik allerdings ist die Idee von Heimat leider noch immer untrennbar mit der der Nation verbunden.

Eine Heimat lässt sich also nicht länger geografisch verorten?

Geografische Grenzen haben längst ihre Bedeutung eingebüßt. Wie absurd es ist, Heimat auch heute noch geografisch verorten zu wollen, sieht man sehr gut an Israel. Die Grenzen Israels werden ständig neu gezogen. Gebiete werden okkupiert, zurückgegeben und anschließend wieder besetzt.

Kann man die Heimat mitnehmen?

Ich denke, dass man sich mit sich selbst zu Hause fühlen kann. Genauso kann man sich auch fehl am Platz fühlen. Ich selbst hoffe, einmal in Europa zu leben; gleichzeitig habe ich eine ambivalente Beziehung zu Israel: Zwar winkt einem hier weder Freude noch Glück, aber man fühlt sich verpflichtet zu bleiben. Wegzugehen käme einem Verrat gleich.

Copyright: Ayman Sikseck
Schriftsteller Ayman Sikseck: „Grenzen haben ihre Bedeutung eingebüßt“
(Foto: Privat)
Braucht man eine Heimat?

Ja. Jeder braucht eine Heimat. Aber die Idee von Heimat selbst kann stark variieren. Für mich ist Heimat nur ein kulturelles Symbol. Für jemand anderen kann sie dagegen sehr stark an eine Region gebunden sein. Keine der beiden Ideen ist „die richtige“, es sind einfach zwei unterschiedliche Perspektiven.

Das Wort „Heimat“ ist eigentlich etwas typisch Deutsches, das vielmehr das Emotionale, das in einer Gegend Verwurzeltsein betont – ganz anders als etwa das am Nationalstaat orientierte, abgrenzende „Vaterland“. Wie verhält
sich das im Arabischen und Hebräischen?

Auch im Hebräischen und im Arabischen beziehen sich die Worte für „Heimat“ auf eine emotionale Bindung und nicht auf einen größeren nationalen Zusammenhang. In meinen Texten beziehe ich mich auf das „Verwurzeltsein“, die Herkunft. Als Palästinenser in Israel wird man dazu animiert, seine Herkunft und die palästinensische Geschichte zu vergessen. Wenn man sich selbst nicht verlieren will, muss man deshalb ständig die Bindung zu seiner Heimat erneuern, sie lebendig halten.

Welche Rolle spielt die Muttersprache? Ist sie ein untrennbarer Bestandteil von Heimat?

Sprache und Heimat sind natürlich sehr eng miteinander verbunden. In meiner Geburtsstadt Jaffa ist beispielsweise die offizielle Sprache Hebräisch – trotz der arabischen Mehrheit. Deshalb war meine Muttersprache Arabisch auch nie so flüssig wie mein Hebräisch, und ich kannte mich lange Zeit besser mit hebräischer als mit arabischer Literatur aus. Als mir das klar wurde, fühlte ich mich leer und begann mich intensiv mit der arabischen Sprache zu beschäftigen. Über die Sprache habe ich dann Zugang zur palästinensischen Literatur gefunden und konnte darüber eine Verbindung zu meiner Geschichte aufbauen.

Hat Ihnen das geholfen?

Ich habe so meine Wurzeln wiederentdeckt. Das hat mich zwar in kultureller Hinsicht erfüllt, aber im Alltag bewege ich mich noch immer zwischen zwei Heimaten. Ich schreibe und veröffentliche meine Romane in Hebräisch, im Alltag spreche und lese ich Arabisch. In meinen Texten versuche ich jüdischen Israelis die Problematik der verlorenen Heimat in der palästinensischen Gesellschaft näher zu bringen.

Ihr größter Wunsch für Ihre Heimat?

Mein größter Wunsch wäre, dass Palästinenser und Israelis ihren Traum, das einzige Volk in diesem Land zu sein, aufgeben. Dieser Traum ist schlicht und ergreifend nicht realisierbar. Ich bin der festen Überzeugung, dass die einzige Lösung ein binationales Land wäre: ein Land, das gleichermaßen israelisch und palästinensisch ist, islamisch und jüdisch; ein Land mit kulturellen, politischen und sozialen Repräsentanten von beiden Seiten. Es gibt hier viele Menschen, die diese Ansicht teilen; doch in der Politik dominiert leider noch immer die Idee von zwei separaten Nationalstaaten. Es ist schwer, hier optimistisch zu sein.

Das Interview führte Franziska Kekulé

Ayman Sikseck, 1984 in Israel geboren, studiert derzeit Vergleichende Literaturwissenschaft an der Jerusalemer Hebrew University. In Prosatexten, Gedichten und Artikeln setzt sich der palästinensische Israeli mit dem Leben und der Identität der arabischen Minderheit in Israel auseinander. Sein erster Roman „To Jaffa“ erschien im Frühjahr 2010.

Die dritten Deutsch-Israelischen Literaturtage mit dem Thema „Heimat im Heute“ finden in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung vom 27. bis 30. Mai in der Berlin statt.
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