Goethe aktuell

Kulturmanagement in den Emiraten: Eine Berliner Museologin für Sharjah

Robert-Bosch-StiftungCopyright: Anika Büssemeier
Kulturmanagerin Susanne Weiß im Gespräch (Foto: Anika Büssemeier)

14. Juni 2010

Fingerspitzengefühl und Kompromissbereitschaft sind nötig, wenn man Kulturmanagement in den Vereinigten Arabischen Emiraten betreiben will. Susanne Weiß, die dort eben dies im Auftrag von Robert-Bosch-Stiftung und Goethe-Institut tut, hat beides. Zum Glück. Von Harriet Wolff

Schwellenängste abbauen, Brücken bauen: „Ich glaub’, ich bin hier in meinem Element“, sagt Susanne Weiß, lächelt und notiert sich im nächsten Moment schon wieder eine Idee auf ihrem Handy. Es geht um den Internationalen Museumstag, und die 33-jährige Berlinerin hat in ihrer Funktion als Kulturmanagerin der Robert-Bosch-Stiftung am Sharjah Museums Department (SMD) ein ambitioniertes Projekt angeschoben. Jedes der 17 Museen des Emirats am Arabischen Golf soll ein Objekt aus seinem Bestand auswählen, das perfekt die Idee der jeweiligen Institution verkörpert – auf Gefühls- wie auf Kopfebene. „Social Harmony“ lautet die weltweite Mottovorgabe. Die studierte Museologin und frühere Leiterin des Kunsthauses Dresden weiß aus vergangenen Aufgaben an Museen und Kunstvereinen im In- und Ausland, wie inspirierend es für Kuratoren und ihr Team ist, wirklich verbunden zu sein mit den ausgestellten Objekten.

Seit September 2009 lebt und arbeitet Susanne Weiß im knapp 2.600 Quadratkilometer kleinen Sharjah, einem der sieben Emirate am Arabischen Golf und direktem Nachbar von Dubai. Sie ist die erste Kulturmanagerin, die die Robert-Bosch-Stiftung in Kooperation mit den Goethe-Instituten in Kairo und Abu Dhabi in die Region entsendet. Zwei weitere Kollegen arbeiten momentan in Assiut/Ägypten und im marokkanischen Marrakesch. Bereits seit 2005 kommen Robert-Bosch-Kulturmanager mit einem ein- bis zweijährigen Stipendium an „Dialogpunkte“ des Goethe-Instituts. „Die Stiftung und das Goethe-Institut erhoffen sich mit dem Programm einen kooperativen Dialog zwischen Deutschland und der arabischen Welt, der konstant ist und ein facettenreiches Bild beider Länder entstehen lässt“, so Susanne Weiß. Und für Bettina Berns, Programmdirektorin bei der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart, ist das Sharjah Museums Department „eine hochattraktive Adresse für unsere Stipendiatin“. Diese war vom Goethe-Institut auf Grund der internationalen Ausrichtung ihrer Arbeit, eingeladen worden sich zu bewerben.

Susanne Weiß’ Kollegen sind bis auf wenige Ausnahmen Emiratis. „Ich tauche hier in einen islamischen Alltag ein, der einerseits geprägt ist von starkem Zusammenhalt und Religiosität, andererseits von großer Weltoffenheit und Neugier.“ Über 70 Prozent der etwa 450 Mitarbeiter des Sharjah Museums Department sind Frauen, Zweisprachigkeit – arabisch und englisch – ist die Regel. „Diese Sprachgewandtheit hat mich sofort fasziniert – perfektes Englisch ist in der deutschen Museumslandschaft nicht unbedingt die Regel.“

Erst beobachten, dann Prozesse formen

Für Susanne Weiß ist es eine gewinnbringende Erfahrung, auf dem Gebiet des interkulturellen Lernens an „zwei so wichtige Institutionen wie das Goethe-Institut und die Robert-Bosch-Stiftung angebunden zu sein und in deren Namen zu handeln“. Sie ist glücklich, „das eigene Territorium verlassen zu haben“. Jetzt geht es ihr darum, nach einer Beobachtungsphase vor Ort ihre Kenntnisse und Erfahrungen einzubringen, „Lernprozesse zu formen“. Susanne Weiß begreift ihre Aufgabe als Kulturmanagerin als Herausforderung: „Meine bisherige eigene Arbeit wird reflektiert und professionalisiert.“

Ihr Dienstort Sharjah hat in letzter Zeit viel unternommen, seinen Ruf als kulturelles Zentrum der Vereinigten Arabischen Emirate zu festigen. Der Herrscher von Sharjah, Sheikh Sultan Bin Mohammed Al Qasimi, den Künsten verbunden und zweifacher Doktor in Geschichte und Geografie, ließ 2006 das Sharjah Museums Department gründen. Unter diesem Dach arbeiten nun alle musealen Einrichtungen zusammen, die Vielfalt ist groß – Archäologie, Wissenschaft, Islamische Kultur und Moderne Kunst sind nur einige Bereiche. Susanne Weiß ist hier engagiert als Verbindungsglied für mindestens ein Jahr. Momentan laufen von ihr konzipierte Workshops für die jeweiligen Mitarbeiter, die von Museumsprofis, Fotografen und Künstlern aus Deutschland gestaltet werden und genau auf die Bedürfnisse des Sharjah Museums Department zugeschnitten sind. Trainingsprogramme zu entwickeln, die universell und spezifisch zugleich sind, das sei eine echte Herausforderung für sie.

Es geht dabei um Ausstellungsorganisation und kuratorische Fragen, um Restaurierung oder Archivfotografie und vor allem geht es in den zwölf Workshops darum, und das ist Susanne Weiß wichtig, „Kreativität und Vernetzung noch stärker zu fördern“. Die Generaldirektorin des Museumsverbandes, Manal Ataya, drückt es so aus: „Durch Susanne und unsere Partnerschaft mit dem Goethe-Institut und der Robert-Bosch-Stiftung wollen wir die Fähigkeiten unserer Landsleute stärken und ihnen eine anspruchsvolle Aufgabe in der Kulturarbeit bieten“.

„Lassen sich Kulturkonzepte überhaupt exportieren?“

Denn im Museum arbeiten, das assoziierten viele Menschen in Sharjah bis vor wenigen Jahren noch mit „an der Kasse sitzen“ oder „Vitrinen abstauben“. Das erfuhr Susanne Weiß, als sie zu Beginn ihrer Mission als Kulturmanagerin ausführliche Mitarbeitergespräche führte, etwa mit der Leiterin des Education Departments, Alya Burheima. Letztere erzählte ihr, wie Familienmitglieder sie regelrecht bemitleideten, als sie erzählte, dass sie sich für das Sharjah Museums Department entschieden hätte. Heute ist das anders: „Meine Mutter ist ein Fan von uns, sie tigert ständig durch die Museen.“ Susanne Weiß kennt einige solcher motivierender Geschichten und besonders die junge Generation der Emiratis interessiert sich zunehmend für die Zeit vor dem wirtschaftlich kometenhaften Aufstieg ab den Siebzigerjahren. Eine von Susannes Weiß’ Lieblingsausstellungen findet sich im Sharjah Maritime Museum, es geht darin um „Oral History“: Gezeigt werden Film- und Tondokumente über die fast verschwundene Fischer- und Perlentaucherkultur. Eine andere, im Al-Mahatta-Museum, zeigt in einem zeitgenössischen Schwarzweißfilm ein verschlafenes Sharjah der Dreißigerjahre, das aber bereits den damals einzigen Flughafen der Golfregion besitzt.

Es treibt Susanne Weiß immer wieder um, wie rasant sich in Sharjah, wie fast überall in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Wandel vollzogen hat. „Manchmal stelle ich mir die Frage: Lassen sich Kulturkonzepte überhaupt exportieren?“ Und sie antwortet sich selbst – „ja, letztlich aber nur mit viel Fingerspitzengefühl, Zurückhaltung und großer Kompromissbereitschaft“. Offen erzählt die Museologin, inwiefern andere Organisations- und Diskussionsformen am Sharjah Museums Department für sie am Anfang gewöhnungsbedürftig waren. „Ich wollte gleich viel initiieren, aber merkte bald, dass ich Geduld brauchte und das Vertrauen meiner Kollegen gewinnen musste.“

Ungewohnt war für Susanne Weiß auch ihr frühmorgendlicher Arbeitsbeginn um 7.30 Uhr, wie überall in den Emiraten – der Hitze geschuldet. Sie hat sich umgestellt. Und das Aufstehen zu nachtschlafender Zeit? „Ich hab’s bis jetzt um keine Minute bereut.“ Da ist es wieder, ihr gewinnendes Lächeln. Und eine neue Idee ist sicher nicht weit.
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