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Goethe und Integration: „Ich lebe in zwei Kulturen – und mitten in Europa“

Nico KnebelCopyright: perceptum.de/Nico Knebel
Zuwanderer Artur Becker mit zwei Kunden (Foto: perceptum.de/Nico Knebel)

21. Juni 2010

Die Vermittlung der deutschen Sprache ist die ureigenste Aufgabe des Goethe-Instituts. „Sprache und Integration“ ist nun als neues Betätigungsfeld hinzugekommen. Nicht ohne Grund. Denn: Zwei Sprachen machen reicher. Das berichten auch acht Berliner Migranten. Eine Audioslideshow.

Fatma Tut spricht so gut Türkisch wie Schwäbisch. Den Dialekt hat sie in ihrer Heimatstadt Bietigheim gelernt, ihr Türkisch von den Eltern und als Betriebswirtin nach dem Studium in Istanbul. Dort nutzte sie ihre Zweisprachigkeit und kümmerte sich im Auftrag deutscher Firmen um deren Kontakte zu türkischen Geschäftspartnern. Heute berät sie in Deutschland türkische Geschäftsleute auf dem Weg in die Selbständigkeit.

Audioslideshow: Berliner Migranten erzählen

Copyright: Goethe-Institut
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Ähnlich geht es Artur Becker. Auch für ihn ist es ein Gewinn, in zwei Kulturen daheim zu sein und mehrsprachig zu sein. Aufgewachsen ist er in Sibirien, sein Vater ist Armenier, seine Mutter Russlanddeutsche. Heute lebt er in Berlin, hat eine PR-Agentur gegründet und arbeitet nebenbei auch noch als „Wedding Planner“ für russische Paare.

Tut und Becker sind Beispiele für eine gelungene Integration, Beispiele dafür, wie man am gesellschaftlichen Leben in Deutschland als vollwertiges Mitglied teilhaben und teilnehmen kann, ohne sich gleichzeitig von seinen kulturellen Wurzeln verabschieden zu müssen. Und Tut und Becker sind damit auch Beispiele für eine zentrales Thema des Goethe-Instituts.

Integration? Goethe? Was hat Auswärtige Kulturpolitik mit Integration zu tun? Aufgabe des Goethe-Instituts ist es doch, so meint man, nach außen zu wirken, nicht nach innen. „Ja, das ist wirklich etwas Neues“, sagt Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Instituts. „Aber das liegt weniger an uns, das liegt an der heutigen Welt.“ Früher habe man tatsächlich diesen Blick nach draußen, in die Welt hinaus gehabt. „Heute wissen wir: Außen und innen ist eigentlich nicht mehr voneinander zu trennen.“

Beispiel Integrationskurse: Seit fünf Jahren unterstützt das Goethe-Institut nun diese Maßnahmen für Migranten. „Dazu mussten wir erstmal das Interesse der Politik erreichen“, erzählt Lehmann. „Die hatten nämlich das Goethe-Institut hinsichtlich der Integrationsprogramme gar nicht im Blickfeld. Inzwischen sprechen wir uns eng mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ab, um optimale Ergebnisse zu erzielen.“

So richteten Goethe-Institut und Bundesamt vergangene Woche die ersten Nürnberger Tage für Integration aus – unter dem Titel Ist erfolgreiche Integration messbar? Die Beispiele Sprache und Bildung. Zentrales Element des Goethe-Engagements bei den Integrationskursen ist der Deutsch-Test für Zuwanderer (dtz), der seit knapp einem Jahr am Ende der Integrationskurse steht. Er wurde vom Goethe-Institut und der Firma Telc im Auftrag des Innenministeriums entwickelt.

„Die Kinder sollen zwei Sprachen lernen“

Und wer, wenn nicht das Goethe-Institut, so findet sein Präsident, wäre prädestiniert, hier sein besonderes Expertenwissen einzubringen: „Ich finde es gut, wenn wir uns klar zu gesellschaftspolitischen Positionen bekennen, sonst wären wir Technokraten. Wir haben so viele Kenntnisse über die Integrationsmodelle anderer Länder, warum sollten wir nicht die Ansätze aus Kanada, Neuseeland oder Südafrika analysieren, bewerten und für uns auswerten? Das kann nur das Goethe-Institut.“ Und dazu kommt freilich die ausgewiesene Kompetenz in der Vermittlung der deutschen Sprache. Die Förderung der deutschen Sprache als Fremd- und Zweitsprache ist eines der Kerngeschäfte des Goethe-Instituts.

Und bei den Tests bleibt es nicht. „Jetzt beginnen wir mit der Vorintegration im Kindergarten“, so Lehmann. „Die Migrantenkinder sollen beides, ihre Muttersprache und Deutsch, lernen. Ein anderes Beispiel ist unser Imam-Programm, in dem wir den muslimischen Glaubensvorstehern Deutsch beibringen, damit sie sich aktiv für ihre Gemeinde in Deutschland engagieren können. In der Praxis wirken die Integrationskurse also durchwegs positiv.“

Auch bei den Deutschkursen für nachziehende Ehegatten hat sich das Goethe-Institut stark engagiert. Die verpflichtenden Kurse, die 2008 eingeführt wurden, sind in der Politik durchaus umstritten. Zu Unrecht, findet Lehmann. Dass die Entscheidung richtig gewesen sei, erkenne man schon daran, dass die Teilnehmer selbst – im Gegensatz zu manchen Politikern – von den Kursen begeistert seien. „Und der Vorwurf, dass das neue Gesetz ein Versuch darstellen würde, die Einwanderung zu stoppen, ist absurd. Derzeit haben wir eine Bestehensquote von 80 Prozent.“

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Zum einen ist die Motivation, Deutsch zu lernen, bei künftigen Migranten sehr hoch, zum anderen fühlen sich Zuwanderer mit entsprechenden Vorkenntnissen in Deutschland sicherer. Darüber hinaus wird ihnen in den vorintegrativen Kursen auch eine Grundinformation über Rechte und Pflichten der Bürger in Deutschland vermittelt. „Durch den Spracherwerb sind die nachziehenden Ehegatten nicht in allen Lebensbelangen auf das Familienoberhaupt angewiesen“, sagt Lehmann, „sondern können selber einkaufen oder selber zur Passbehörde gehen. Die Kurse haben also einen emanzipatorischen Effekt.“

-db-
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