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Fünf Minuten über Nationalkultur: „Hallo, du alter Schwede!“

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Dichter, Denker, Deutscher: Cover boy Schiller zwischen Katastrophenbekämpfung und Schuldbekenntnis

19. August 2010

Dass eine Nation Kultur braucht, steht außer Frage. Aber braucht Kultur eine Nation? Kulturen sind immer Teile voneinander. Findet zumindest der Schriftsteller Aris Fioretos. In seinem Beitrag zum Symposium Wiedervorlage: Nationalkultur erklärt er uns sogar, woher das „sch“ in „Deutschland“ kommt.

Erste Minute

Erlauben Sie einem Schweden eine kurze Zeitreise. Und zwar in die Zeit vor dem Mauerfall, in den Frühherbst 1989. Der Ort: New Haven, Connecticut. Wir befinden uns in einem Seminarraum, oder besser: in meinem vorvorletzten Leben, als ich noch unterrichtete. In einem Kolloquium zur französischen Dichtung begrüßte mich damals ein Student koreanisch-amerikanischer Abstammung, mit Deutsche-Schule-Kairo-Hintergrund: „Hallo, du, alter Schwede!“

Bis zu diesem Moment kannte der Lehrer den deutschen Ausdruck nicht. Alter Schwede? Ich? Auch wenn ich immer noch kein sonderlich alter Schwede bin, kein Landsmann der Sorte also, die nach dem Dreißigjährigen Krieg hierzulande blieb, um deutsche Landsknechte in den martialischen Künsten zu unterrichten, bin ich heute doch etwas älter als zur Zeit des Mauerfalls. Und nach vier Jahren als Botschaftsrat für Kultur an der Schwedischen Botschaft in Berlin – dies mein vorletztes Leben –, vier Jahre, die sich wie dreißig anfühlten, vermute ich, ich habe genug Erfahrung mit den deutschen Vorstellungen vom Traumland im Norden – man nennt diese Pathologie das „Bullerby-Syndrom“ – gesammelt, um sagen zu können: Ein Schwede ist nicht nur, was er selbst zu sein glaubt.

Wiedervorlage: Nationalkultur

Lassen Sich Kunst und Kultur heute noch auf einen nationalstaatlichen Rahmen beziehen? Diese Frage schien vielen angesichts der Globalisierung weitgehend überwunden. Doch die Finanz- und Wirtschaftskrise, die 2008 begann und auch 2010 noch drastische Nachbeben provoziert, macht deutlich: In Krisenzeiten geht es allen zuvorderst um nationale Besitzstandswahrung. In Wiedervorlage: Nationalkultur – Variationen über ein neuralgisches Thema (hg. von Christoph Bartmann, Carola Dürr und Hans-Georg Knopp; Steidl 2010) denken Künstler, Wissenschaftler, Politiker, Kultur- und Medienschaffende in Beiträgen vom wissenschaftlichen Essay bis zur literarischen Intervention über nationale Zuordnungen von Kultur nach. Ausgangspunkt war ein gleichnamiges Symposium des Goethe-Instituts 2008 in Berlin.
Haben Sie Interesse an dem Buch? Dann schreiben Sie uns eine Mail an oeffentlichkeitsarbeit@goethe.de mit der Betreffzeile „Nationalkultur“. Den ersten drei Lesern schicken wir ein kostenloses Exemplar zu. Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Anschrift anzugeben.


Es steht zu befürchten, es steht zu hoffen, dies gilt auch für die Menschen südlich von Trelleborg. Genau wie mit dem bald alten Schweden, der sich unverhofft mit Pippi Langstrumpf und Henning Mankell verwandtschaftlich verbunden findet, wenigstens im Geiste, ist der Deutsche immer auch das, was andere von ihm halten, denken, befürchten, bestaunen – ob er es nun will oder nicht. Kurzum: Identität ist immer auch von Anderen abhängig. Und setzt folglich Differenzen voraus.

Zweite Minute

In der Welt nach dem Mauerfall, häufig als die einer Globalisierung u. a. der politischen, sozialen und medialen Bedingungen des menschlichen Handelns betrachtet, wird zunehmend von nation branding gesprochen, dem Versuch, eine Nation als Ware zu behandeln, deren Wert es auf dem Markt der öffentlichen Wahrnehmung zu positionieren gilt. Man mag dies gut oder schlecht finden, außer Frage steht nur, ganz gleich, wie hoch der Etat (möge er hoch bleiben, höher werden), keine Person und kein Unternehmen, und schon gar keine Nation kann restlos entscheiden, wie und als was sie definiert wird.

Deswegen wird die Kultur so oft als das Medium gepriesen, in dem Differenzen gestaltet und gepflegt werden können – der Verständigung über Grenzen halber. Es fällt schwer, sich eine Diplomatie vorzustellen, die nicht Differenzen als Grundbedingung des Verhandelns auffasst. Nur: Was heißt es, Differenzen als Voraussetzung zu verstehen? Was bedeutet es, sie als Identität zu konstruieren und dadurch auch Geschichte zu schreiben? Sicherlich wäre solch ein Unterfangen keine pure oder simple Leitkultur, die immer schon weiß, wo es lang geht und gehen muss, eine Kultur, die wie die Stimmgabel den Ton vorgibt und Töne, die nicht zur auserkorenen Harmonie gehören, bloß als Geräusche oder Störungen außerhalb der gewählten Skala verstehen kann. Eine solche Leitkultur hat sich einer Melodie verschworen, deren Besinnung auf bestimmte Werte wie ein Refrain funktionieren muss – als eine Wiederholung des immer Gleichen. Eine Kultur also, die wenig Verwandlung kennen kann und will. Kurzum: eine Kultur, die wie das Pfeifen im Walde klingt.

Erlauben Sie mir einen kleinen, fast unmerklichen Tonwechsel, ohne dabei die grundlegenden Voraussetzungen zu ändern, und schon wird aus dieser Leitkultur etwas anderes. Erlauben Sie mir, einfach das L und T in der ersten Hälfte des Wortes zu vertauschen. Statt in L-Moll, wird fortan in T-Dur gespielt. Statt eine Leit-, gibt es nun eine Teilkultur – eine Kultur, für die Teilung immer auch als bindend und trennend zu verstehen ist, eine Kultur, in der über Differenzen verhandelt wird, eine Kultur, die Differenzen nicht ignoriert oder falsch versöhnt, sie aber auch nicht sentimentalisiert, fetischisiert oder gar dämonisiert. Kurz: eine Kultur, die es wohl kaum gibt, für die es sich vielleicht jedoch lohnen würde, Noten zu erfinden. Warum? Weil die Kultur einer Nation im Unterschied zu ihrer Geografie nie bloß territorialer Natur ist.

Dritte und vierte Minute

Bei der Eröffnung des Symposiums Wiedervorlage: Nationalkultur wurde Udo Jürgens als ein sprechendes – oder eher singendes – Beispiel aus dem Bereich des Kulturbetriebs angeführt, wo die Differenzerfahrungen der in den 1960er-Jahre „Gastarbeiter“ genannten Migranten trotz allem artikuliert wurden. Nicht im Film, nicht in der Literatur, nicht im Theater der ehemaligen Bundesrepublik hörten wir von ihnen, sondern laut Frau Kiyak im populären Medium des Schlagers. Sehr wahrscheinlich. Als nicht sonderlich alter Schwede vermag ich diesen Durchbruch der Fremderfahrung in Schnulzen nicht zu beurteilen. Bei aller Liebe zum griechischen Wein aus dem Jahre 1975 – ja, sogar trotz Jürgens’ Vorstellung, „das Blut der Erde“ werde von den griechischen Gastarbeitern im vorstädtischen deutschen Wirtshaus getrunken –, gehe ich lieber weitere zehn Jahre zurück, ins Jahr 1965, um die Vorgabe zu unserem Thema, zur heutigen Geschichtswahrnehmung in Deutschland, zu finden. Damals hörte man im Radio die „Ballade vom dünnen Mann“, in der gefragt wurde:

Because something is happening here
But you don’t know what it is
Do you, Mister Jones?

Beim Reden über Leit- und Nationalkultur, über unterschiedliche Geschichtswahrnehmung und -schreibung, kommen mir diese Worte Bob Dylans oft in den Sinn. Er sang vom Pfeifenden im Wald, vom Herrn Jones oder sagen wir Jürgens, der spürt, etwas passiert gerade, der jedoch keine wirkliche Ahnung hat, was es sein könnte. Und der deswegen lieber von Heimweh und Sehnsucht seiner kaum assimilierten Freunde, von „Fremder [in dieser Stadt] sein“ und also vom Rausch dichtete, als über ihre Folgen sinnierte. Reden wir lieber von der willkommenen Verkaterung, die Nationalkultur genannt wird.

Dass eine Nation Kultur braucht, steht außer Frage. Dass die Kultur jedoch eine Nation braucht, bleibt fraglich. Kulturen sind immer Teile voneinander. Betrachten Sie die allem Anschein nach tiefsinnige Verbildlichung des Themas für dieses Symposium. Auf dem Umschlag steht er, der cover boy Schiller, der Dichter, der die ästhetische Erziehung als Aufgabe einer Kultur verstehen wollte, in jugendlich-entschlossener Pose, nicht ohne nüchternen Stolz, zwischen einem Feuerlöschgerät und etwas, das ich nur als einen modernen Beichtstuhl zu identifizieren vermag. Anders gesagt, da sehen wir sie, die tüchtige Verkörperung einer gewissen Auffassung von Kultur: positioniert zwischen Katastrophenbekämpfung und Schuldbekenntnis, Präventivmittel und Transzendenzanspruch. Oder brutaler ausgedrückt: zwischen Barbaren und Gott. Keine uninteressante Position.

Aber ist eine Nation ein ästhetisches Projekt? Wissen wir nicht bereits viel zu gut, was passiert, wenn Länder die Erziehung ihrer Bürger und die Gestaltung ihrer Erscheinungsformen nach ästhetischen Kriterien durchführen möchten? Wenn die Nation durch ihre Kultur zu verstehen ist, aber die Kultur nicht unbedingt durch diese eine Nation, wird es keinem Land gelingen, die Geschichtsschreibung seiner zwischenmenschlichen Praxen als ein Kunstwerk zu gestalten, das ohne gewaltige, sogar gewalttätige Widersprüche auskommt. Die Differenzen, die deutlich werden, sind Teil seiner Identität. Dazu gehört ein alerteres Gespür für Differenzen – in und außerhalb der territorialen Grenzen. Was sagt, dass der „Gastarbeiter“, der in den 1960er-Jahren hierher kam, und der nun, in seine Heimat zurückgekehrt, per Satellit deutsches Fernsehen guckt, so wie es uns Frau Kiyak schilderte, in gewisser Weise nicht ein Stück exportiertes Deutschland ist? Vielleicht ist er eher eine Herausforderung für die türkische Geschichtsschreibung, wenigstens ist er sicherlich „deutscher“ als sein Nachbar. Ich glaube, für die Geschichtsschreibung gilt es, auch die Verkörperungen solcher Differenzen, die nicht mit den Kindern der zweiten Generation anfangen oder aufhören, zu schildern.

Fünfte Minute

Erlauben Sie dem alten Schweden daher, nach so vielen Frivolitäten, auch eine letzte. Nehmen wir Deutschland. Besser gesagt: nehmen wir das Wort „Deutschland“. Ist es nicht eigentlich ein Synonym für den Begriff der Nationalkultur? Da haben wir das „-land“, das noch immer die Bedingung einer Nation ist; da haben wir das Morphem „Deut“, wie in „deutsch“ und „deuten“, und somit auch wie in dem Akt der Verständigung, dem alle Kultur unterliegt. Oder wie es bei den Gebrüdern Grimm heißt: „da aber zu diute in der redensart ze diute sagen, reden nicht blosz deutlich, sondern häufig zu deutsch heiszt, zumal im gegensatz zu der lateinischen kirchensprache [...] deuten wäre so viel als dem volk, den Deutschen verständlich machen, verdeutschen.“ Im Morphem finden wir zudem das Wort „Deut“, also der kleinstmögliche Unterschied – manchmal tödlich, immer kritisch –, der zwischen Kopf und Schritt entscheidet.

Was, fragen Sie nun, wird aus dem Rest, aus dem sch in „Deutschland“? In meiner gewagten Auslegung wäre dieses sch das Schweigen, das in jedem Akt der Verständigung mitschwingt – teils zustimmend, teils sich wehrend, teils trennend, teils verbindend. Gewiss, es wäre mitunter ein Schweigen wie das, was Herr Steinmeier in seiner Rede, Paul Celan zitierend, als ein „durch die tausend Finsternisse todbringender Rede“ gehendes „furchtbares Verstummen“ bezeichnete. Aber lesen wir in der „Meridian“-Rede Celans ein Stück weiter, als der Außenminister es machen konnte. Da spricht Celan von einem Schweigen, das keine Worte „für das, was geschah“ hergibt, aber hindurchging und wieder zutage trat, „,angereichert‘ von all dem“. Ich glaube, niemand verhört sich, wenn er in dieser sarkastisch angehauchten Formulierung auch die Anwesenheit eines gewissen Reiches verspürt.

Celan wusste es. Laut seiner Geschichtsschreibung ist die Sprache, und somit auch die Kultur, keineswegs unschuldig. Im Gegenteil. Sie ist angereichert – im Bösen, wie im Guten. Ob wir es wollen oder nicht ist sie etwas, in dem auch das Verschwiegene mitredet – manchmal nachträglich und im Klartext, manchmal nur durch die Töne, die wir bloß hören, wenn nicht in L-Moll gespielt wird. Dieser weiche Kern im Inneren möge der Nationalkultur erhalten bleiben. Sie trennt und verbindet zugleich, sie lässt uns ohne Antwort zu geben weiterfragen. Eine Kultur, die man nicht nur Deutschland wünschen würde, misst sich ja nicht nur daran, wie klug sie mit dem Aufgefassten und Assimilierten und Verstandenen, sondern vor allem wie vernünftig sie mit dem aufgefassten und assimilierten, aber noch nicht verstandenen Schweigen umgeht – meinen Sie nicht, Herr Jones?

Aris Fioretos ist Schriftsteller und Übersetzer. Von 2004 bis 2007 war er Botschaftsrat für kulturelle Fragen an der schwedischen Botschaft in Berlin.
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