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Offline-Experiment: „Ein warmer Brei fürs Ego“

Marijan MuratCopyright: Marijan Murat
Autor Rühle: „Ich war weiter der komische, neurotische Typ“ (Foto: Marijan Murat)

2. September 2010

Wie sehr dominiert das Internet bereits unser Leben? Was änderte sich, wenn wir monatelang offline gingen? Der Journalist Alex Rühle hat es ausprobiert. Im Interview berichtet er von einem Selbstversuch ohne doppelten Boden und vor allem – ohne Netz.

Der Entschluss zu Ihrem Experiment, ein halbes Jahr „offline“ zu gehen, fiel bei einer Zugfahrt ohne Netz. Sie genossen die stundenlange Freiheit ...

Ja, da fiel mir auf, wie störend dieses E-Mail-Geprassel ist, wie man an den Rändern ausfranst. Es waren dann zwei Gründe, die zu dem Experiment geführt haben: Zum einen habe ich mich von dieser Gegenwartswalze E-Mail immer mehr erdrückt gefühlt. Zum anderen war da die in Deutschland ideologisch sehr überfrachtete Internetdebatte. Die einen schießen sofort mit der MP los, wenn man zu bedenken gibt, dass das Internet nicht nur die größte Wunderwaffe der Menschheit ist, sondern auch Probleme in sich trägt. Dann gibt es die anderen, die das Internet verteufeln und meinen, ohne das Netz sei der freibestimmte, aufklärungsideale Mensch wieder da. Ich halte beides für bizarr. Und dann habe ich mir gedacht: Ich kann es ja mal ausprobieren.

Wäre es aber nicht einfacher gewesen, ein halbes Jahr ins Kloster zu gehen?

Das wäre ein ganz anderes Experiment gewesen. Ich wollte ja sehen, was sich ändert in meinem Alltag. Ich wollte in meinem normalen Leben bleiben und beobachten, was passiert, wenn man sich heutzutage abnabelt.

Ein Ziel des Experiments war auch, sich von einem ständigen Präsenz-Zwang, den der Besitz eines Smartphones bedeuten kann, zu befreien. Hat das funktioniert?

Privat habe ich auf jeden Fall mehr Zeit gewonnen. Ich habe sehr viel mehr abends gelesen und eine ruhigere Zeit verbracht. Aber das hängt auch damit zusammen, dass ich ja zwischendrin immer wieder vier Wochen am Stück frei hatte. Ich glaube, das Internet muss man wie ein Puzzlestück an einen bestimmten Ort rücken: Schließlich hilft es uns ja, Schritt zu halten mit der immer größeren Beschleunigung. Da brauchen wir die Mails und das Netz.

Vor dem Experiment, so beschreiben Sie es, waren Sie ein Internet-Junkie, der abends noch „wie ein süchtiger Pegeltrinker“ schnell heimlich am Schuhschrank die Mails gecheckt hat.

Das ist deshalb so gefährlich, weil sich Arbeitsethos und Narzissmus hier so gut mischen. Gut für den Dealer, sozusagen! Man tut seine Pflicht, schaut immer und immer wieder in die Mails rein – für meine Arbeit natürlich wichtig – aber gleichzeitig sind diese Mails ja wie ein warmer Brei fürs Ego. Es denkt jemand an einen – man ist irgendwie wichtig. Jemand adressiert was an mich! Diese Verknüpfung funktioniert zumindest bei mir enorm stark.

Wie sah der Arbeitsalltag in dieser Zeit aus?

Es war unglaublich kompliziert, weil ich immer andere Kanäle suchen musste. Viele haben ja gar kein Faxgerät mehr, und dann dauert alles immer so furchtbar lang.

Aber auch Google-Recherchen können, wie Sie schreiben, die Arbeit manchmal unnötig in die Länge ziehen.

Das stimmt. Es gibt ja Studien, die besagen, dass Leute, die etwa durch eine eingehende Mail abgelenkt werden, im Schnitt 25 Minuten brauchen, um wieder zu ihrer eigentlichen Arbeit zurückzukehren. Zum Teil hatte ich das Gefühl, dass ich zum Beispiel bei einer Arbeit zu einem bestimmten Artikel gut ohne Internet auskomme. Wohlwissend, dass ich keinen Zugriff auf Google habe, musste ich schon vorher genau meine möglichen Ansprechpartner kennen. So konnte ich mit drei Anrufen Fragen klären, wozu ich sonst sicher 30 Mal ins Netz gegangen wäre. Als ich zum Beispiel mal in Bethlehem über einen palästinensischen Krimiautor recherchierte und verzweifelt für meinen Artikel den Namen der berühmten Selbstmordattentäterin suchte, die da überall auf Plakaten hing – da half letztlich nur noch ein Anruf beim Goethe-Institut Ramallah.

Wie stand es mit Ihrem subjektiven Zeitempfinden?

Die Monate waren ganz klar ruhiger getaktet – mit weniger Atemnot, dadurch erfüllter. Aber es geht mir hier um keine Analogmystik, ich bin nicht am Urgrund des Seins gesessen. Ich war weiter der komische, neurotische Typ, der ich eben bin. Also keine Erleuchtung.

Hatten Sie auch „Phantomschmerzen“ und spürten das Vibrieren eines Smartphones in der Hosentasche, das gar nicht da war?

Phantomschmerzen? Nein. Ich bin nur moderat süchtig. Körperliche Entzugserscheinungen hatte ich nicht. Und da ich ein Buch darüber schrieb, war ich quasi Ratte und Forscher in einem. Durch die Selbstbeobachtung versteht man vieles besser, leidet nicht so von innen heraus.

Und zu welcher Erkenntnis sind Sie als „Forscher“ gelangt?

Das Internet ist nicht böse. Es ist einfach ein wahnsinnig riesiges Universum und ich glaube, wir haben bislang einfach nicht so richtig den Umgang damit gelernt. Darum ging es mir in dem Buch. Womit hängt das alles zusammen, dass wir so unkontrolliert sind? Es ist aus meiner Sicht diese Mischform aus Narzissmus und dem Druck der Arbeitserfüllung, der uns da so unglaublich reinschraubt.

Das Interview führte Anke Rönspies. Es ist die Kurzfassung eines Gesprächs, das in voller Länge auf der Website des Deutsch-Chinesischen Kulturnetzes erschienen ist.

Copyright: Marijan Murat
Alex Rühle, geboren 1969, ist Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Vom 1. Dezember 2009 bis zum 31. Mai 2010 unterzog er sich einem Selbstversuch: Er ging offline, lebte und arbeitete ohne Internet, ohne Smartphone. In dieser Zeit arbeitete er im Wechsel vier Wochen in der Redaktion seiner Zeitung und im Arbeitszimmer eines Freundes. Dort schrieb er an seinem jetzt erschienenen Buch Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline.

Inzwischen ist Rühle wieder online – zum Beispiel auf Facebook.
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