Zum Tod Christoph Schlingensiefs: „Er glaubte an die Kraft der Kunst“

Trauer um Schlingensief: „Aktiv gelebte Menschlichkeit“ (Foto: Aino Laberenz)
23. August 2010
Christoph Schlingensief ist tot. Mit dem Universalkünstler, Regisseur und Provokateur hat auch das Goethe-Institut einen engen Freund verloren. Viele gemeinsame Projekte haben den Kulturschaffenden und das Kulturinstitut aneinander geschweißt – zuletzt das Festspielhaus für Afrika.
Er wurde nur 49 Jahre alt. Lange schon wusste man um die schwere Krebserkrankung des Künstlers, er selbst hat sie in seinem Werk ausgiebig thematisiert, die Krankheit hatte ihn längst gezeichnet. Dennoch machte es einem die enorme Kraft und Energie Schlingensiefs leicht, sie zu verdrängen; nach einer Operation war es ihm zunächst wieder besser gegangen. Zu unglaublich schien es, dieser „Mistkerl, diese Sau“, wie Schlingensief den Krebs nannte, könnte dann doch die Oberhand gewinnen.
Bis zuletzt arbeitete Schlingensief voller Leidenschaft an diversen Projekten. Im vergangenen Jahr saß der Regisseur in der Jury der Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Im Mai diesen Jahres inszenierte er in Brüssel das Opernprojekt Via Intolleranza II nach Luigi Nono. Im Oktober sollte eine Inszenierung zur Wiedereröffnung des Berliner Schillertheaters folgen. Auch den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig hätte er im kommenden Jahr gestalten sollen.
Sein vielleicht wichtigstes Projekt aber war das Festspielhaus Afrika, das 2009 in enger Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Gestalt annahm. Im Februar 2010 wurde in Ouagadougou, Burkina Faso, der Grundstein seines Operndorfes gelegt.
So ist nun auch die Trauer im Goethe-Institut besonders groß. „Für mich war er, der an beiden Enden der Kerze brannte, einer der glaubhaftesten Künstler“, erzählt Klaus-Dieter Lehmann. Der Präsident des Goethe-Instituts hat den Regisseur während der Berlinale 2009 näher kennengelernt. Zu einer intensiven Zusammenarbeit kam es dann bei den Planungen und Vorbereitungen des Operndorf-Projektes, an denen auch Peter Anders, der Programmleiter für Afrika südlich der Sahara beteiligt war.
Es war freilich nicht das erste gemeinsame Projekt zwischen Schlingensief und Goethe-Institut. So arbeitete man schon 2007 bei der Inszenierung des Fliegenden Holländers in Manaus und bei anderen Gelegenheiten eng zusammen.
„Mit Christoph Schlingensief zu arbeiten war unvergleichlich“, sagt Lehmann. Der Künstler sei stets „sensibel im Aufspüren, Zuhören, Assoziieren, von beeindruckender Kompetenz in allen künstlerischen Ausdrucksformen und gleichzeitig von einer aktiv gelebten Menschlichkeit“ gewesen. „Er glaubte an die Kraft der Kunst und sah unser menschliches Zusammenleben in erster Linie als eine kulturelle Leistung.“
Auch das Projekt in Burkina Faso steht in besonderem Maße für diese starke Verbindung von Kunst und Menschlichkeit. In einem Interview mit Goethe aktuell berichtete Schlingensief im März über seine Pläne in Afrika und sprach von der Poetik des Wortes „Oper“, machte aber im Nachsatz sofort deutich: „Wichtiger sind die Kinder. Die Schule, die wir in Remdoogo bauen, ist das Wichtigste überhaupt.“ Natürlich wird es nun nicht mehr dasselbe sein. Bei der künftigen Gestaltung des Operndorfes wird die Absenz von Schlingensiefs Inspiration und seiner Unnachgiebigkeit schmerzlich zu spüren sein. Aber für Goethe-Präsident Lehmann steht fest: „Wir werden sein Engagement für Afrika über seinen Tod hinaus weiter verfolgen.“
„So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“ heißt ein Buch, das Schlingensief im vergangenen Jahr veröffentlichte. Möge er eines Besseren belehrt werden.
-db-
Links zum Thema
- Schlingensief im Interview: „Ich will nicht den Afro-Clown mimen“ (Goethe aktuell)


- Schlingensief-Oper: Wie eine Idee zum Architekten fand (Goethe aktuell)


- Schlingensief in Afrika: „Großer Mann, was planst du?“ (Goethe aktuell)


- Schlingenblog - Aktuelles Blog von Christoph Schlingensief

- Homepage von Christoph Schlingensief









